Beschlagnahmt, verwertet und verloren

10. Juni 2017, 15:00
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Von den Nazis gestohlene Kulturgüter schlummern zu Tausenden unerkannt in Privatbesitz. Die Schicksale dahinter sind so individuell, wie es die gestohlenen Kunstwerke sind

Das System der Raubzüge der Nationalsozialisten mag längst ebenso geläufig sein wie seine Profiteure. An den daraus resultierenden Folgen ändert das allerdings nichts. Der internationale Kunstmarkt ist von Raubkunst infiltriert, von abertausenden Gemälden und Antiquitäten, die ihren einstigen Eigentümern gestohlen oder abgepresst wurden.

Die Eckdaten solcher Entziehungen mögen sich ähneln, die zugehörigen Schicksale tun es nicht. Sie sind so individuell, wie es die Kunstwerke selbst sind. Manchen Familien gelang die Flucht, manche fielen der grausamen Vernichtungsindustrie zum Opfer. Letztere hatten oftmals keine Verwandten, die sich später um das Auffinden der Besitztümer gekümmert hätten. Deren Hab und Gut wird bis heute unerkannt in Privatbesitz oder in Museen verwahrt.

In anderen Fällen begannen die Betroffenen nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges mit langwierigen und oftmals vergeblichen Nachforschungen. Davon zeugen auch die im Archiv des Bundesdenkmalamts (BDA) erhaltenen Akten. Etwa jene, die die Suche der Familie Graf dokumentiert. Bis zum Anschluss im März 1938 war Heinrich Graf als Prokurist bei der Creditanstalt tätig. Seine Frau Anny war die Tochter des stellvertretenden Generaldirektors der Assicurazioni Generali. Obwohl Emanuel Ehrentheil 1934 verstorben war, sollte diese Verbindung noch von Nutzen sein. Zur Familie gehörten weiters die damals fünfjährigen Zwillinge Erika und Eva sowie Annys Mutter Ada, die im gemeinsamen Haushalt in der Grillparzerstraße im ersten Wiener Gemeindebezirk lebte.

Die den Behörden gemeldeten Vermögenswerte umfassten Wertpapiere, Schmuck, Silbergegenstände und Teppiche, die man zusammen mit dem Hausrat, darunter Gemälde, bei der Spedition Schenker einlagerte. Einer von unzähligen Übersiedlungslifts, der seinen Besitzern nie ins Exil folgen sollte.

Hürden auf dem Weg ins Exil

Ende August 1938 flohen die Grafs zunächst nach Italien. Von unterwegs meldete man der Vermögensverkehrsstelle noch ordnungsgemäß die "Veränderung" des nicht nur um die Reichsfluchtsteuer in der Höhe von 29.788 Reichsmark (RM) reduzierten Vermögens. Auch hatte der Aktienbesitz an Wert verloren: Im Falle der 76 Stück der Assicurazioni Generali war er von RM 40.172 (April 1938) auf RM 33.228 (November 1938) gesunken.

Die nächste Station war Frankreich, wo man sich mit den Großmüttern traf. Dem Kriegsausbruch im Herbst 1939 folgte eine Internierung des Ehepaares. Nach ihrer Freilassung trennten sich die Wege der Familie kurz, da Heinrich das Land sofort verlassen musste. Er brach nach Lissabon auf, von wo aus es im Februar 1941 per Schiff weiter Richtung USA gehen sollte. Der Rest der Familie hatte noch ein Visum für Großmutter Ehrentheil abzuwarten und trat mit der Bahn dann die Fahrt über Spanien nach Portugal an. Die Reise musste in Madrid unterbrochen werden. Tochter Erika war an einer Blinddarmentzündung erkrankt, die eine Operation samt zweiwöchigem Aufenthalt und damit verbundenen Kosten nach sich zog. Der Direktor der Madrider Generali-Niederlassung half mit Geld aus und organisierte einen deutschen Militärarzt.

Erst Ende Mai 1941 traf die Familie in New York ein und konnte ein neues Leben beginnen. Derweilen hatte die Gestapo das Umzugsgut beschlagnahmt. Laut dem BDA-Akt landeten etwa die Teppiche im Sofiensaal, einem Verkaufsraum der Vugesta. Der Rest gelangte ins Dorotheum und wurde hauptsächlich in der Niederlassung in Wiener Neustadt bis Ende Oktober 1942 versteigert (rd. RM 21.000). Es waren nur drei Gemälde, die Henry, wie sich Heinrich nun nannte, nach dem Krieg vergeblich zu finden hoffte.

Viele Fälle harren einer Lösung

Die Porträtbilder seiner Schwiegereltern sowie eine prachtvolle Venedigansicht, die er 1937 bei der Galerie St. Lucas erworben hatte: La Punta della Dogana e San Giorgio Maggiore, um 1740 von Michele Marieschi gemalt. Es blieb verschollen. Henry Graf verstarb 1976, seine Frau Anny 1986. Ende der 1990er-Jahre tat sich über Christie's eine Spur auf, jedoch vorerst vergeblich. Schließlich nahm sich Christopher Marinello von Artrecovery der Sache an. Er hat sich auf Raubkunst in Privatbesitz spezialisiert.

Der Fall gleicht vielen anderen, die einer Lösung harren. Das Bild war 1952 im Londoner Kunsthandel aufgetaucht und wechselte ein Jahr später in Privatbesitz. Der Käufer hatte keine Ahnung von der Vita des Bildes. Marinello führte eine Einigung zwischen den Parteien herbei: Das Gemälde wird am 5. Juli bei Sotheby's versteigert, der Erlös zwischen den Erbengemeinschaften aufgeteilt. (Olga Kronsteiner, 10.6.2017)

  • Um 1740 schuf Michele Marieschi das von Sotheby's auf bis zu 700.000 Pfund taxierte "La Punta della Dogana e San Giorgio Maggiore".
    foto: sotheby's

    Um 1740 schuf Michele Marieschi das von Sotheby's auf bis zu 700.000 Pfund taxierte "La Punta della Dogana e San Giorgio Maggiore".

  • Stephen Tauber, Schwiegersohn von Henry Graf, und sein Sohn Andrew vor der Venedigvedute.
    foto: artrecovery international

    Stephen Tauber, Schwiegersohn von Henry Graf, und sein Sohn Andrew vor der Venedigvedute.

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