Geldgier und Sport: Wie verrückt!

10. Juni 2017, 12:00
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Was Oliver Kahns Werbeauftritt für einen Wettanbieter mit dem Bombenattentat auf den Mannschaftsbus der Borussia Dortmund zu tun hat. Geldgier nämlich

In der letzten Werbeeinschaltung vor dem Spiel, das ich in einer Darmstädter Bar verfolgen wollte, tauchte Deutschlands und Münchens legendärer Torwart Oliver Kahn auf. In seinen behandschuhten Händen hielt er einen Fußball, um breit grinsend, wild entschlossen und ein wenig furchteinflößend für einen Wettanbieter zu werben. Ich schüttelte meinen Kopf aus Ärger und Unglauben. Was für ein Werbeträger! Du hast das nicht nötig, sogenannter Titan, raunte ich ihm zu. Du verdienst so viel Geld, du hast einen wunderbaren Job, der nicht wirklich ein Job ist, und das ist nicht einmal der Punkt. Der Punkt ist: Diese Unternehmen ruinieren den Fußball, deinen Sport, unseren Sport.

Ich muss dir nichts von den Manipulationen erzählen, von den Wettmafias und allem, was damit zusammenhängt – von den geschobenen Partien, den erpressten und korrupten Spielern, den verstrickten Schiedsrichtern. Der Punkt ist überdies: Wie viele Menschen, wie viele Fans, einfache Leute, werden von diesen Unternehmen in den Ruin getrieben? Sie sehen die eine Chance in ihrem Leben, mit dem, womit sie sich auskennen, aus ihrer ökonomischen Misere zu gelangen, und verlieren natürlich auf lange Sicht. Warum zum Teufel tust du das? Ich hörte eine Million Stimmen an seiner statt antworten: Wenn er es nicht tut, tut es ein anderer.

Gekommen, um zu bleiben

Das ist natürlich haargenau die kapitalistische Logik: Jeder und jede kann ersetzt werden, und jeder und jede wird ersetzt werden, um die Maschine am Laufen zu halten. Die Maschine aber – die Produktion materieller und immaterieller Waren im Dienste privaten Profits und möglichst steigender Aktienkurse – will als natürlich erscheinen, als gleichsam eingeschrieben in die menschliche Natur und jegliche Gesellschaft; und auf keinen Fall als etwas historisch Bedingtes, das absterben, umgeworfen oder eher früher als später in die nächste große Katastrophe führen wird.

Die Maschine raunt uns ihre Ideologie zu, ist ewig, unumstößlich, gekommen, um zu bleiben, eben weil sie der menschlichen Natur entspricht, und du kann st entweder deine Chance ergreifen oder sie jemand anderen ergreifen lassen. Diese Ideologie spricht direkt zu jedem Individuum, das sich vor dem ethischen Dilemma wiederfindet, ob man etwas tun oder lieber lassen solle. Wenn es um die Arbeit geht, um das, was jemand warum und für wen und mit welchen Konsequenzen tut, ist es die eine brennende Frage, vor der sich jeder und jede wiederfindet. Du magst es für falsch halten, flüstert die Ideologie, deiner unwürdig oder stumpfsinnig, du magst sogar wissen, dass schädlich ist, was du tust, aber sei nicht päpstlicher als der Papst, irgendjemand wird es tun. Irgendjemand wird es sogar liebend gern tun.

Nimm das Geld und frag nicht

Und außerdem: Nimm das Geld, dreh dich nicht um und frag nicht weiter nach. Es macht keinen Unterschied. Du machst keinen Unterschied. Du kannst es gar nicht. Und das ist wiederum der Grund, warum eine Million Stimmen anstatt des legendären Titanen nicht antworteten: Wenn er Nein sagen würde, würden andere es ihm gleichtun, und gemeinsam würden sie vielleicht öffentlich gegen jene Unternehmen auftreten, die alles zerstören, was ihnen lieb und teuer ist.

Und gleichzeitig, während dem Pragmatismus und dem Unhintergehbaren das Wort geredet wird, welch unablässige Aufregung der linksliberalen Moral! Wie viel Anstrengung, wie viel Aufwand, wie viel erhitztes Gemüt, um zu zeigen und zu beweisen und in die Welt hinauszuposaunen, dass man tatsächlich einen Unterschied machen, etwas zum Besseren verändern könne, indem man ein Posting mit ausgestrecktem Daumen quittiert, einen Artikel teilt, eine Petition unterzeichnet oder manchmal, sehr selten, auf die Straßen zieht, um zu demonstrieren.

Wie man richtig zu leben habe

Tag für Tag werden wir von Losungen bombardiert, wie man richtig zu leben und zu sprechen und die laufenden Ereignisse zu kommentieren habe. Tag für Tag wird falsches unaufgeklärtes Verhalten mit größtmöglicher Entrüstung angeklagt. Tag für Tag hören wir Menschen gegen Ungerechtigkeiten jeglicher Art ihre Stimmen erheben, indem sie fleißig und pflichtbewusst in Tastaturen tippen. Dabei mag es sich um eine Aufforderung in den sozialen Medien handeln, sein Gesicht zu zeigen, um Flüchtlinge Willkommen zu heißen, um den Protest gegen Werbungen, die als sexistisch empfunden werden, um die Verteufelung eines Schurken oder die Verklärung einer Aufrechten, um den Aufschrei gegen Rassismus, Trans- oder Xenophobie, um das Anprangern der armen Avocado, zu deren Aufzucht zu viel Wasser verbraucht werde, um das Propagieren einer neuen Ernährungsweise, die der ganzen Welt zugutekomme, um ein neues Telefon, das genauso fair und ausbeutungsfrei produziert worden sei wie das organische Biokokain, das man in Berlin kaufen kann, oder einfach nur um den Boykott dieser oder jener Firma, die etwas getan hat, das man nicht für richtig erachtet.

Was auch immer es ist, gleichwohl welche moralische Überlegenheit ausgestellt wird, der Subtext ruft uns zu: Es geht um dich! Es liegt an dir, etwas zu verändern! Beginne mit dir selbst! Sei du selbst der Unterschied, in deinem Konsum, in deinen Worten und Werken, und die Welt wird ein klein wenig besser an dem Tag, an dem du das eine zu tun und das andere sein zu lassen beginnst! Diese Entscheidungen mögen dann tatsächlich etwas verändern oder bloß naiv oder nachgerade verblödet sein – die Möglichkeiten sind endlos.

Linksliberaler Aufschrei

In Wirklichkeit ist aber der linksliberale Aufschrei, die Welt zu einer besseren zu machen, indem man mit und bei sich selbst beginne, ja bereits der unumstößliche Glaube an die bloße Möglichkeit dieser Veränderungen, nur die Kehrseite des unablässigen Geflüsters, wonach nichts zu ändern sei, wenn es um die Produktion der Waren und der Gesellschaft gehe, um das grundlegende kapitalistische Paradigma, dass es keinen Unterschied mache, weil es immer jemanden gäbe, der oder die täte, was man selbst nicht tun könnte oder sollte.

Es ist der Kapitalismus, der jene Probleme erst produziert, die von der linksliberalen Moral identifiziert und angeprangert werden. Während sie gegen seine Symptome protestiert, glaubt sie weiterhin felsenfest daran, dass nichts gegen deren Ursachen getan werden könne, wenn diese überhaupt gesehen werden, oder getan werden solle, weil alles andere bloß ins Verderben führe. Das ist das Elend des Linksliberalismus: Er will einen Kapitalismus mit menschlichem Antlitz.

Drei Bomben in Dortmund

Ein paar Wochen, nachdem ich den Titan für einen Wettanbieter werben gesehen hatte, detonierten drei Bomben in Dortmund. Ihr Ziel war der Mannschafts- bus der Borussia, die auf dem Weg zu einem wichtigen Spiel war. Ein Fußballer und ein Polizist wurden verletzt, aber glücklicherweise funktionierte gerade jene Bombe, die den meisten Schaden angerichtet hätte, nicht wie geplant.

Wäre sie ein klein wenig anders platziert worden, bekamen wir zu hören, nur ein paar Zentimeter höher, wäre ein Großteil der Mannschaft getötet worden. Eine Zeitlang verlief die Tätersuche im Sand, ehe zwei Islamisten verhaftet wurden, von denen sich bald herausstellte, dass nicht sie die Bomben gelegt hatten. Es wurde über Rechtsextremisten spekuliert, über Verbindungen zu Wettmafias oder rivalisierenden Fangruppen, sogar ein miserabel gefälschtes linksextremes Bekennerschreiben tauchte in Tatortnähe auf, das sich über geschlechtsneutrale Sprache mokierte und ein Wort verwendete, das nicht einmal die radikalste Queer-Aktivistin jemals verwenden würde: Mensch_innen. Als der mutmaßliche Bombenleger endlich gefasst war, kam sein Plan ans Tageslicht: Er wollte mit seinem Anschlag den Aktienkurs der Dortmunder Borussia in den Keller bomben, um reich zu werden. Er dürfte kein Extremist sein, war in den Nachrichten auf Ö1 zu hören, vielmehr dürfte er aus Geldgier gehandelt haben. Man schüttelte den Kopf aus Ärger und Unglauben. Dass jemand den Tod anderer Mensch in Kauf nähme, nur um auf dem Aktienmarkt zu reüssieren! Wie wahnsinnig! Wie verrückt! Wie unerhört!

Ein Terrorist mit kapitalistischem Hintergrund. Wir sollten über die Religion sprechen, die ihn produzierte. (Clemens Berger, 10.6.2017)

Clemens Berger, geb. 1979, wuchs in Oberwart auf, studierte Philosophie und Publizistik in Wien, wo er heute als freier Schriftsteller lebt. Zuletzt erschien sein Roman "Im Jahr des Panda" (Luchterhand, 2017).

Zum Nachlesen

BVB-Anschlag: Wie die Börsentransaktionen publik wurden

  • Der mutmaßliche Bombenleger wollte am Aktienmarkt reüssieren: Wäre die Bombe ein klein wenig anders detoniert, wäre Borussia Dortmund nicht deutscher Pokalsieger geworden.
    foto: apa

    Der mutmaßliche Bombenleger wollte am Aktienmarkt reüssieren: Wäre die Bombe ein klein wenig anders detoniert, wäre Borussia Dortmund nicht deutscher Pokalsieger geworden.

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