Riesenelefant mit verblüffender Verwandtschaft

10. Juni 2017, 18:00
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Auch in unseren Breiten lebten einst Elefanten, die größer waren als die heutigen – DNA-Analysen bringen den bisherigen Rüsseltierstammbaum durcheinander

illustration: asier larramendi eskorza und julie mcmahon
Im Gänsemarsch hinter dem Menschenpaar: Afrikanischer Steppenelefant, Waldelefant, Palaeoloxodon antiquus, Asiatischer Elefant und Wollhaarmammut.

Leipzig/Potsdam – Im Zeitraum vor mindestens einer Million bis vielleicht nur einigen tausend Jahren waren Elefanten der Gattung Paleoloxodon mit verschiedenen Arten von Westeuropa bis Ostasien verbreitet. Ihr Kennzeichen waren lange, gerade Stoßzähne – die Größe variierte zwischen den einzelnen Arten jedoch beträchtlich. Es gab Zwergformen auf Inseln ebenso wie Riesen, die mit einer Schulterhöhe von über vier Metern den heutigen Afrikanischen Elefanten deutlich überragt hätten. Eine asiatische Spezies, Palaeoloxodon namadicus, könnte sogar dem Paraceratherium, einem Nashorn-Verwandten, den Titel größtes Landsäugetier aller Zeiten streitig machen; es gibt bislang aber nur unvollständige Skelettfunde.

Die vielleicht bekannteste Spezies aus dieser Gattung war der auch in unseren Breiten vorkommende Europäische Waldelefant (Palaeoloxodon antiquus), der ebenfalls größer als ein Afrikanischer Elefant war. Einem Forscherteam um Matthias Meyer vom Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie in Leipzig und Michael Hofreiter von der Universität Potsdam ist es nun gelungen, aus mehreren Fossilien des Waldelefanten DNA-Sequenzen zu gewinnen.

Die Fossilien waren 240.000 bis 120.000 Jahre alt und stammen von Fundstätten in Deutschland. Aus allen vier Fossilien konnten die Forscher mitochondriale DNA gewinnen, die nur mütterlicherseits vererbt wird. Bei zweien konnten außerdem Bausteine des Kerngenoms analysiert werden. Bei Mammuts, die im Permafrost eingefroren waren, ist so etwas schon gelungen. Dass dies auch bei vergleichbar alten Funden aus einer wärmeren Klimazone mit entsprechend höherer Zerfallsrate gelingt, ist aber etwas Besonderes.

illustration: lda sachsen-anhalt
Das rekonstruierte Skelett eines Europäischen Waldelefanten.

Das wäre für sich genommen schon ein Erfolg – das eigentlich Erstaunliche waren aber die Ergebnisse, die die Untersuchung erbrachte. Beide Arten von DNA wiesen nämlich darauf hin, dass der Europäische Waldelefant der engste Verwandte des in Afrika lebenden Waldelefanten (Loxodonta cyclotis) war – der kleinsten der drei heute noch lebenden Elefantenarten. Bislang schien die Namensähnlichkeit das Einzige zu sein, was die beiden Spezies verband, hielt man Palaeoloxodon doch wegen seines Knochenbaus und auch seiner Verbreitung in Eurasien für eine Untergruppe der Asiatischen Elefanten.

Die neuen Erkenntnisse wirbeln das bisherige Wissen über den Elefantenstammbaum gleich mehrfach durcheinander. Zum Beispiel weisen sie darauf hin, dass die heutige Gattung Loxodonta mit dem kleinen Waldelefanten und seinem größeren und bekannteren Cousin aus der Savanne (Loxodonta africana) nicht auf Afrika beschränkt gewesen sein dürfte, wie man bisher immer gedacht hatte.

Außerdem zeigt die mitochondriale DNA, dass sich die beiden heutigen Loxodonta-Arten schon früher voneinander getrennt haben als die beiden so unterschiedlich aussehenden Waldelefanten. Waldelefant und Steppenelefant sind also nicht die engsten Verwandten, obwohl sie heute rein geografisch unmittelbare Nachbarn sind. Was nur einmal mehr zeigt, dass in Sachen evolutionäre Verwandtschaften die naheliegendste Erklärung keineswegs immer die richtige sein muss. (jdo, 10. 6. 2017)

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