Anleger hoffen auf Abkehr von Brexit: Börsen steigen, Pfund tiefer

9. Juni 2017, 13:41
127 Postings

Zumindest ein harter Brexit dürfte laut Marktexperten vom Tisch sein – Phase großer Unsicherheit mit stark schwankendem Pfund erwartet

Wien – Normalerweise lähmen politische Unsicherheiten die internationalen Finanzmärkte geradezu. Auch nach dem Wahlfiasko der britischen Premierministerin Theresa May erwarten Experten zwar eine Phase der Unklarheit über das weitere Vorgehen, allerdings reagierten die Aktienmärkte in diesem Fall positiv. Die Anleger schöpfen offenbar Hoffnung, dass zumindest der von May zuvor angedrohte harte Brexit, also ein EU-Austritt ohne Einigung mit der Union, nun vom Tisch sein dürfte.

"Der harte Brexit wurde gestern abgewählt", betonte der Chefvolkswirt der Commerzbank, Peter Dixon, am Freitag gegenüber Reuters. "Damit ist eine Einigung mit der EU auf längere Sicht wahrscheinlicher geworden." Gedanklich noch einen Schritt weiter wagt sich Folker Hellmeyer, Chefanalyst der Bremer Landesbank, der sogar einen Verbleib der Briten in der Union für möglich hält: "Die Wahrscheinlichkeit, dass ein Exit vom Brexit eintritt, liegt nach meiner Meinung jetzt bei 60 Prozent."

Abkehr vom Konfrontationskurs

Da die Anleger, zuvor wegen der Folgen eines möglichen harten Brexit besorgt, trotz aller Unsicherheiten eine Abkehr Mays von dem Konfrontationskurs gegenüber der EU erwarten, griffen sie bei Aktien zu. Sowohl in London als auch auf dem Kontinent stiegen die Indizes. Und das Pfund, das in einer ersten Reaktion auf den Wahlausgang abgesackt war, holte im weiteren Verlauf die Verluste zum Teil wieder auf.

Allerdings erwarten Experten nun, dass die Märkte sich in nächster Zeit ziemlich schwankungsfreudig zeigen werden. "Das Versprechen einer starken und stabilen Führung hat zu unnötiger Unsicherheit geführt", kritisiert Chefvolkswirt James Butterfill die von May betriebenen Neuwahlen rückwirkend. "Die an den Märkten dadurch hervorgerufene Unsicherheit wird sich vor allem auf Währungen auswirken und noch mehr Volatilität erzeugen", ergänzt der Experte der auf der Kanalinsel Jersey ansässigen Fondsgesellschaft ETF Securities.

Verhandlungsposition geschwächt

Eine "Periode großer Ungewissheit" erwartet auch Fondsmanager Mark Phelps vom Londoner Vermögensverwalters Alliance Bernstein. "Schon in zehn Tagen sollen die Verhandlungen für den Brexit beginnen. Hier ist die Verhandlungsposition der Briten nun deutlich geschwächt." Generell droht aus seiner Sicht ein politischer Stillstand des Landes: "Klar ist, dass Großbritannien nicht nur über den Brexit geteilter Meinung ist – auch zwischen den Generationen, zwischen Nord und Süd und zwischen den städtischen und ländlichen Gebieten bestehen Differenzen", begründet Phelps seine Erwartung.

Der Londoner Aktienindex FTSE-100 legte bis Freitagmittag etwas mehr als ein halbes Prozent auf 7.496 Zähler zu und notierte damit nur hauchzart unter seinem Rekordhoch. Auch auf dem Kontinent notierten die meisten Kursbarometer höher, allerdings fielen die Kursgewinne etwas magerer aus. Für ein britisches Pfund wurden 1,14 Euro bezahlt, das ist rund ein Prozent weniger als am Vortag. Wenig Bewegung zeigten die Anleihenmärkte auf dem Kontinent, allerdings sank die zehnjährige britische Rendite auf fast exakt ein Prozent – was die höhere politische Unsicherheit widerspiegelt. (Alexander Hahn, 9.6.2017)

  • Die britischen Wähler haben zwar Premierministerin Theresea May im Regen stehenlassen, Börsianer können dem Wahlausgang aber auch Positives abgewinnen.
    foto: suzanne plunkett

    Die britischen Wähler haben zwar Premierministerin Theresea May im Regen stehenlassen, Börsianer können dem Wahlausgang aber auch Positives abgewinnen.

    Share if you care.