Evelyn Grill: Die Frage nach Schuld und Recht

11. Juni 2017, 12:00
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Die Autorin legt mit "Immer denk ich deinen Namen" ein wüstes Protokoll der Emotionen vor – und einen Roman über die Liebe und das Medium Brief

Adrian Roth ist deutscher Historiker, Literaturwissenschafter und Kunstkritiker, so ganz wird das nicht klar. Sein Tätigkeitsfeld ist vielfältig, er schreibt über Lyrik, organisiert Ausstellungen, kommentiert aber auch den (fiktiven) Briefwechsel zwischen den Revolutionären Kurt Eisner und Karl Liebknecht. Als vielgefragter Mitarbeiter eines "weltberühmten", wenn auch nicht sehr fokussiert arbeitenden deutschen Forschungsinstitutes hat er wenig Zeit: "Er war so eingekerkert in seinem vereisten Tagesablauf, dass ihm zum Leben, zum wirklichen Leben, kaum der Atem blieb."

Dieses wirkliche Leben bricht schon früh über ihn herein, als ihm als junger Soldat bei Smolensk 1943 eine Granate das rechte Bein und die linke Hand zerfetzt. Es findet seine Fortsetzung in einer katastrophalen Ehe mit der Französin Nadine. Eine Krebsdiagnose gibt eine maximale Lebenserwartung von einem Jahr – mit einer sie erschöpfenden Chemotherapie.

Zur Besatzung seines "Familienschiffs", das, so befürchtet er, "zum Kentern verurteilt" sein könnte, gehören auch eine vor der Scheidung stehende Tochter und zwei dem Alkohol zugeneigte jüngere Söhne, von denen er sich total entfremdet hat. Die intensive Arbeit, die ihn zur Vernachlässigung seiner Familie führt, ist natürlich auch eine Flucht vor der Familie: Ursache und Wirkung der Misere sind nicht mehr auseinanderzuhalten.

Gefühle in Briefen

Kein Wunder, dass der fast 60-jährige Adrian nach der Begegnung mit der um 20 Jahre jüngeren, ebenfalls unglücklich verheirateten Wienerin Vera auf einer Reise nach Böhmen auf den Spuren Adalbert Stifters auf einen "Liebestraum" hofft, "den er mit der viel jüngeren Frau zu träumen wagte". Im Grunde seines Herzens ein "Schwärmer", ersehnt er ein neues Glück, eine neue Freiheit nach dem Tod von Nadine – Gefühle, denen er in Briefen an Vera Ausdruck gibt, "während seine todkranke Frau nebenan schlief". Die dadurch entstehende Ambivalenz muss er aushalten: "Er horchte in sich hinein, ob er sich damit schuldig mache, doch er fühlte sich im Recht."

Die Frage nach Schuld und Recht müssen die Lesenden selbst beantworten; der relativ kurze Text Evelyn Grills, Meisterin der stilistischen Ziselierung komplexer Gefühlslagen, erlaubt verschiedene Bewertungen und Schlüsse. Es ist die genaue Sprache, die aus dem relativ banalen Plot ein wüstes Protokoll der Emotionen macht. Es kommt hier jedoch noch etwas anderes hinzu, das bei der ersten Lektüre Verwirrung stiftet, dann jedoch an Faszination gewinnt. Warum situiert die Autorin die Handlung in den frühen bis mittleren 1980ern, als eine Busreise nach Böhmen noch eine Fahrt hinter den Eisernen Vorhang darstellte? Hätte sich ein alternder Literaturwissenschafter nicht auch in unserer Zeit in eine vielversprechende Lyrikerin und leidende Ehefrau wie Vera verlieben können, auch wenn er dann keine Kriegserfahrung und damit verbundene Versehrtheit aufgewiesen hätte?

Mediengeschichte inklusive

Die Antwort auf diese Fragen verweist auf die Mediengeschichte. Wir befinden uns hier eindeutig in der Periode vor der E-Mail, beherrscht von Diktiergeräten und Schreibmaschinen. Wenn Vera feststellt, Adrians Briefe seien von der Art, "wie sie heute niemand mehr schrieb, niemand mehr schreiben konnte", reagiert sie damit nicht nur auf sprachliche Grausamkeiten Adrians wie "liebe Liebste" und "größeste Liebe", sondern reflektiert auch die mediale Differenz zur Gegenwart.

Als Adrian am Schluss, auf der Flucht vor dem Familiengericht mit ungewissem Ziel, der Pflegerin seiner dementen Mutter erklärt, "ich gehöre zu den altmodischen Menschen, die den Brief noch für ein Mittel des Umgangs halten, des schönsten und ergiebigsten", spricht er implizit auch über die medialen Bedingungen von Beziehungen in Zeiten der kurz darauf einsetzenden elektronischen Kommunikation.

Als seine Liebesbriefe an Vera von deren Mann entdeckt und nach Deutschland zurückgesandt werden, kommt es zu einer kafkaesken Situation, in der das verräterische Liebesschmalz des Vaters vom jüngsten Sohn im Familienkreis vorgelesen wird. Der Brief als Träger intimer Kommunikation hat ausgedient. Diese Situation extremer Scham verweist schon auf die Privatheits- und Intimitätskrisen des Internets.

Ein Buch, das nicht aus dem Kopf will

E-Mails und SMS sind den sündigen fiktionalen Lebenswelten der Evelyn Grill nicht fremd – in ihrer langen "Erzählung" Ins Ohr (2002) etwa spielen sie eine zentrale, auch strukturelle Rolle. Ein 15 Jahre später geschriebener Roman, der diese mediale Entwicklung sorgsam ausspart, kommentiert dieses Thema gerade dadurch implizit. Verblieben jedoch ist das Medium der Literatur, besonders der Lyrik, in Form von meist nicht identifizierten Zitaten (u. a. von Brecht, Doderer, Goethe, Hebbel, Rilke und Weinheber), die sich durchs gesamte Buch ziehen.

Evelyn Grill hat einen Roman zum Thema Liebe und Medien geschrieben, und zwar ganz implizit. Wenn Adrian in einem seiner Briefe an Vera ausruft: "Wie wirklich wird die Poesie!", so ist dies im Kontext des Buches weniger eine Prognose eines Happy End im "wirklichen" Leben, sondern bezieht sich auf die neue mediale Existenz von Lyrik. Auch der Hinweis auf Stifters Nachsommer im einführenden Motto des Buches gibt wenig Aufschluss über das weitere Schicksal der Liebenden. Er mag Hoffnung ausdrücken, ist vielleicht aber nur böse Ironie. Es ist ein Buch, wie so viele von Evelyn Grill, das einem nach vollendeter Lektüre nicht aus dem Kopf will. (Walter Grünzweig, 11.6.2017)

Evelyn Grill, "Immer denk ich deinen Namen". € 17,90 / 139 Seiten. Haymon, Innsbruck 2016

  • Meisterin im Zeichnen komplexer Gefühlslagen:  Evelyn Grill.
    foto: lukas beck

    Meisterin im Zeichnen komplexer Gefühlslagen: Evelyn Grill.

  • Evelyn Grill, "Immer denk ich deinen Namen". € 17,90 / 139 Seiten. Haymon, Innsbruck 2016
    foto: haymon

    Evelyn Grill, "Immer denk ich deinen Namen". € 17,90 / 139 Seiten. Haymon, Innsbruck 2016

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