"Dead Cells" im Test: Ein perfekter Überraschungs-Hit

    Rezension9. Juni 2017, 11:06
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    Das Early-Access-Spiel hat kaum eine eigene originelle Idee, lässt das allerdings durch grandiosen Spielspaß vergessen

    Eine Prise Rogue-like, etwas "Castlevania", ein Hauch "Dark Souls": Wenn sich Spiele mit beiden Händen bei klassischen Spielelementen bedienen, kann das in schlichtes Epigonentum ausarten – oder aber in etwas Großartiges, das die bekannten Elemente in nie zuvor gesehener Perfektion zu etwas Neuem verbindet. So gewinnt man vielleicht keine Preise für Originalität – die Spielerinnen und Spieler freut’s aber dennoch.

    Das sich selbst als "Roguevania" bezeichnende "Dead Cells" (Windows, 16,99 Euro) ist vor kurzem im Early Access erschienen und hat dieses Kunststück souverän bewältigt. Schon über 200.000 Käufer stellen dem sich bewundernswert fertig anfühlenden Genremix aus Plattformer, Rollenspiel und Action ein begeistertes Zeugnis aus, und das zu Recht: "Dead Cells", so banal das klingt, macht alles richtig – und verdammt viel Spaß.

    Im ewigen Kreislauf von Tod und Wiedergeburt

    Als kopfloser Ritter treten Spielerinnen und Spieler aus der Seitenansicht immer und immer wieder ihre actionreiche Reise in einem jedes Mal neu generierten mittelalterlichen Schloss an. Wohl bleibt die Abfolge der einzelnen Schauplätze – Kerker, Abwässerkanäle, Zinnen und so weiter – zumindest anfangs konstant, doch das Layout sowie die auffindbaren Gegenstände ändern sich jedes Mal. Wer hier an "Spelunky" oder "The Binding of Isaac" denkt, liegt goldrichtig, und genau wie in diesen modernen Rogue-likes ist auch der Tod nicht trivial, sondern wirft zurück an den Start.

    Was die ewige Wiedergeburt einfacher macht, ist ein Upgradesystem, das gnädigerweise den Bildschirmtod überdauert – ein Teil der Verbesserungen ist konstant und verschafft beim nächsten Antreten höhere Überlebenschancen. Die Währung zum Freischalten dieser Upgrades sind "Cells", die allerdings nur zwischen den Levels eingetauscht werden können. Stirbt man vorher, sind sie weg – "Dark Souls" lässt grüßen.

    Spielerisch perfekt

    Was "Dead Cells", das übrigens in bewegten Bildern haushoch hübscher aussieht als auf schnöden Screenshots, so bemerkenswert macht, ist allerdings sein Gameplay, das seine simplen Elemente perfekt verbindet. Jeder Angriff lässt sich mit dem nötigen Geschick parieren, unterschiedliche Gegner erfordern Geschick und Variation und ein vorbildliches Teleportsystem macht die Durchquerung bereits erforschter Gänge zum Kinderspiel. Während sich Spielerinnen und Spieler zu Beginn noch vorsichtig vorantasten und Respekt auch vor bereits bekannten Gegnertypen lernen, wird der Raubzug bei erfahreneren Rittern zum actionreichen Hochgeschwindigkeits-Sprint – bei dem allerdings schon kleinste Fehler fatale Auswirkungen haben können.

    Die Spielsysteme greifen überall intelligent ineinander: Das Bezwingen erster Endgegner erschließt die Möglichkeit, schon an den ersten Schauplätzen unterschiedliche Passagen zu finden, neu auffindbare "Blueprints" erweitern das große Arsenal und lassen zum Teil völlig unterschiedliche Spielweisen zu. Mit den richtigen Gegenständen schleicht man unsichtbar durch die Gänge, legt tödliche Fallen, tränkt Gegner in Öl, lässt sie verbluten oder friert sie ein. Dieser Abwechslungsreichtum trägt dazu bei, dass "Dead Cells" schon bald einen gewaltigen Sog entfaltet – und wieder und wieder zum Neustart animiert.

    motion twin

    Fazit

    Es ist selten, dass sich Early-Access-Titel besser anfühlen als der Großteil der final erschienenen Spiele, doch bei "Dead Cells" ist das der Fall. Noch seltener ist es, dass sich ein Epigone dank kluger Designentscheidungen und Konzentration auf alle Details als neuer Instant-Klassiker in seine Nische einreihen darf.

    Das lässt den fast völligen Mangel an wirklich originellen Ideen zur Nebensache werden. "Dead Cells" ist schon jetzt eines der gelungensten Spiele des Jahres – ein kleiner Überraschungs-Hit. (Rainer Sigl, 9.6.2017)

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