Venezuelas Jugend: Lieber ein Semester verlieren als die ganze Zukunft

Reportage10. Juni 2017, 18:00
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Auch zwei Monate nach Beginn der Proteste gegen die Regierung nimmt die Gewalt in Venezuela kein Ende. Der Alltag der Menschen ist der Ausnahmezustand

In einem anderen Leben war Alberto Peña Immobilienmakler. Heute ist der hagere 70-Jährige Berufsdemonstrant. T-Shirt, Gasmaske, Taucherbrille, Trillerpfeife. "Ich werde weitermarschieren, bis diese Diktatur fällt", sagt er, bevor die Menge wie jeden Tag seit fast zwei Monaten vom wohlhabenden Osten von Caracas aus ihren Marsch Richtung Stadtzentrum beginnt. 40.000, 50.000 vielleicht. Schwer zu schätzen, offizielle Zahlen gibt es nicht.

"Der Kommunismus hat Venezuela ins Elend gestürzt. Wir schwimmen im Öl, sind das reichste Land Südamerikas, und heute musst du Schlange stehen für einen Karton Eier, Seife oder einen Liter Milch", sagt Peña empört. Er fordert den Rücktritt von Nicolás Maduro und Neuwahlen.

Maduro umgeht das Parlament mit Dekreten

Einige Meter vor ihm marschiert der Vorsitzende des außenpolitischen Ausschusses, William Dávila: "Wir appellieren ans Ausland, dieser Regierung keine Waffen und kein Tränengas mehr zu verkaufen!" Seit das Parlament im Dezember 2015 an die bürgerliche Opposition fiel, liegen die Staatsgewalten im Dauerclinch. Maduro umgeht das Parlament mit Dekreten und Urteilen des Obersten Gerichtshofes. Abgeordnete und Oppositionelle wie Leopoldo López sitzen im Gefängnis, andere wie Henrique Capriles sind über Jahre hinweg von der Ausübung politischer Ämter ausgeschlossen.

Nachdem das Parlament seine Amtsenthebung beantragt hatte, ließ Maduro es durch das Oberste Gericht im April entmachten. Das war der Auslöser für die aktuelle Protestwelle. Seither ist Caracas eine Stadt im Ausnahmezustand. Die Geschäfte schließen spätestens um drei Uhr nachmittags, viele öffnen aus Angst vor Plünderungen gar nicht. Nach acht Uhr abends wagt sich kaum noch jemand auf die Straßen. Der einst chaotische Verkehr läuft auf Sparflamme. Am Flughafen in Maiquetía betteln abgemagerte Kinder. Nur noch wenige Flieger landen hier, weil die Regierung den Airlines Millionen schuldet.

"Die Regierung verletzt alle Gesetze"

Ein paar Meter von Peña entfernt stehen die Jusstudenten Sergio Gómez und Amin Jaudieh. Seit die beiden denken können, wird das Land sozialistisch regiert, erst von Hugo Chávez, jetzt von Maduro. Doch keinem gefiel diese Politik. "Die Kriminalität und die Korruption nahmen zu, und die Regierung verletzt alle Gesetze. Was wir im Studium lernen und was wir in der Realität erleben, hat nichts miteinander zu tun. Venezuela ist meilenweit entfernt von einem Rechtsstaat", sagt Gómez. Er zeigt seine verschrammten Arme. Vor ein paar Tagen ist er nur knapp einer Verhaftung durch die Polizei entkommen. Doch das hat ihn nicht entmutigt. "Ich bin seit 54 Tagen auf der Straße. Lieber verliere ich ein Semester als meine Zukunft."

Die Demonstranten wissen, dass sie nicht bis ins Stadtzentrum vorgelassen werden, wo die Regierungsinstitutionen ihren Sitz haben und der Präsidentenpalast Miraflores liegt. Sie wissen, dass auch diese Demonstration unterwegs aufgelöst wird, mit Tränengas und Wasserwerfern. Wenn es schlecht läuft, lauern irgendwo bewaffnete regierungsnahe Motorradgangs, die sogenannten "colectivos", und feuern aus Pistolen in die Menge. Über die Hälfte der 60 Toten, die es seit Beginn der Proteste im April gegeben hat, starben durch Schusswaffen. Es ist eine Taktik, für die sich beide Seiten gegenseitig die Schuld in die Schuhe schieben.

Schreckgespenst US-Invasion

Die Repression und das Vorhaben einer neuen Verfassung, in der es statt Wahlen "vom Volk designierte Delegierte" geben soll, hat Risse im Regierungslager entstehen lassen. Einige Offiziere, die den Befehl zur Repression verweigerten, wurden inhaftiert. Die bislang regierungstreue Generalstaatsanwältin hält die neue Verfassung für überflüssig.

Doch das schweißt die Clique um Maduro noch mehr zusammen. Gemeinsam haben sie die Flucht nach vorn angetreten und zur zivil-militärischen Mobilisierung aufgerufen. Neulich wurden der Presse Tonmitschnitte aus einem Treffen der Streitkräfte zugespielt, in denen vom Einsatz von Scharfschützen die Rede war. Ob wahr oder Einschüchterungstaktik – es hat nicht funktioniert. In der von der Mangelwirtschaft besonders betroffenen Provinz eskaliert die Situation von Tag zu Tag.

Anfang der Woche brannten aufgebrachte Demonstranten nach dem Tod einiger Jugendlicher das Geburtshaus von Chávez im Bundesstaat Barinas nieder. "Venezuela ist ein Pulverfass. Der einzige demokratische Ausweg durch Neuwahlen ist versperrt", sagt der Journalist Vladimir Villegas. (10.6.2017)

  • Seit Monaten demonstriert die Bevölkerung in Venezuela gegen Staatschef Nicolás Maduro und seine Regierung. Zur eigenen Sicherheit verbergen viele Demonstranten ihre Gesichter.
    foto: afp / luis robayo

    Seit Monaten demonstriert die Bevölkerung in Venezuela gegen Staatschef Nicolás Maduro und seine Regierung. Zur eigenen Sicherheit verbergen viele Demonstranten ihre Gesichter.

  • Auch Unbeteiligte geraten immer wieder zwischen die Fronten
    foto: ap/ariana cubillos

    Auch Unbeteiligte geraten immer wieder zwischen die Fronten

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