"May-Bot" gegen Protestprediger

8. Juni 2017, 12:00
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Bei der Wahl am Donnerstag steht Großbritannien vor wenig attraktiven Alternativen

Vergangene Woche war Theresa May zu Besuch in Plymouth, einer Hafenstadt im Westen Englands. Dabei kam es zu folgender Begegnung zwischen der Premierministerin des Vereinigten Königreichs und dem Chefreporter der Lokalzeitung Plymouth Herald:

- "Sie sind zum zweiten Mal binnen sechs Wochen hier in einem besonders umkämpften Wahlkreis. Bedeutet das, dass Sie nervös sind?"

- "Mir ist sehr klar, dass dies für unser Land eine wichtige Wahl ist."

- "In Plymouth sind die Folgen von Einsparungen am Militär spürbar. Werden Sie die Stadt vor weiteren Kürzungen bewahren können?"

- "Mir ist sehr klar, dass Plymouth stolz ist auf seine lange Verbindung mit den Streitkräften."

- "Wie kann Plymouth von Ihrem Brexit-Plan profitieren?"

- "Ich glaube, dass vor Plymouth und dem ganzen Land eine bessere Zukunft liegt."

- "Können Sie versprechen, unsere Verkehrsanbindung zu verbessern?"

-"Mir ist sehr klar, dass eine gute Anbindung für Plymouth und den ganzen Südwesten wichtig ist."

Roboterhaft, uncharmant, beinahe surreal

Jede Frage der politisch neutralen Zeitung hätte selbst politischen Anfängern eine Steilvorlage für freundliche, verbindliche Antworten geliefert. Hingegen kamen von der konservativen Parteivorsitzenden nichts als vorgestanzte Satzhülsen, roboterhaft, uncharmant, beinahe surreal. Reporter der Londoner Medien, die der Premierministerin im Wahlkampf folgen, machten sich längst lustig über "May-Bot". Und jeden Tag bestätigt die Premierministerin die Invektive.

"Ich genieße jede Minute dieses Wahlkampfes!" Mit diesem Satz beschließt Jeremy Corbyn gern seine Auftritte, und er wirkt glaubwürdig dabei. Der Labour-Oppositionsführer hat Politik immer als eine Abfolge von Protestmärschen und flammenden Reden vor gleichgesinnten Demonstranten verstanden. Vor zwei Jahren bewarb sich der damals 66-Jährige als vermeintlich aussichtsloser Kandidat der harten Parteilinken um den Vorsitz der ehrwürdigen Arbeiterpartei. Seine Kampagne fand begeisterte Zustimmung, Labour verdreifachte die Mitgliederzahl, am Ende war der langjährige Hinterbänkler gegen seine eigene Parteiführung zum Chef gewählt.

Vorsprung verringerte sich

Die Unterhausfraktion reagierte entsetzt, vor Jahresfrist sprachen die Parlamentarier dem Chef mit 80 Prozent Mehrheit das Misstrauen aus. Altrebell Corbyn überstand den Aufstand und wurde vom Parteivolk im Amt bestätigt. Jetzt bittet er die Briten um die Schlüssel zum Amtssitz des Premierministers in der Downing Street Nummer zehn. Genauer gesagt: Weitgehend predigt der Herr mit dem eisgrauen Vollbart vor bereits Bekehrten in solide Labour wählenden Regionen des Landes.

Immer ein wenig atemlos schildert der Politikaktivist die vielfältigen Ungerechtigkeiten dieser Welt, verspricht die Verstaatlichung von Eisenbahn und Post, die Drosselung von Preisen für Strom und Gas, die Abschaffung der Studiengebühren, die Anhebung des Mindestlohns. Für all diese Wohltaten sollen Spitzenverdiener und Unternehmen höhere Steuern bezahlen.

Die um drei Jahre vorgezogene Neuwahl des Unterhauses hat Theresa May "im nationalen Interesse" erzwungen. Für die bevorstehenden Brexit-Verhandlungen mit der EU brauche das Land eine "starke und stabile Führung" und daher ihre konservative Partei ein neues Mandat, behauptete sie. Die Umfragen versprachen einen Erdrutschsieg. Als der Wahlkampf begann, lagen die Tories im Durchschnitt von acht Meinungsforschern um fast 19 Prozentpunkte vor Labour. Binnen sechs Wochen ist der Vorsprung auf durchschnittlich sieben Punkte zusammengeschmolzen. So etwas habe es seit den 1950er-Jahren nicht gegeben, sagt der Doyen der britischen Politologie David Butler, 92. Selbst der stramm konservative Spectator beschreibt May nicht mehr als "stark und stabil", sondern als "weich und wacklig". Und das Wirtschaftsmagazin Economist konstatiert: "Eine Wahlkampagne, die ihre Autorität zementieren sollte, wirkt plötzlich, als sei man ihr auf die Schliche gekommen."

Junge für Labour, Ältere für Tories

Einen dramatischen Sachverhalt hat das Meinungsforschungsinstitut ICM festgestellt. Während bei den Jungwählern bis 24 Jahre Labour mit 73 Prozent haushoch vor den Tories (15) liegt, ist das Verhältnis bei Pensionisten über 65 beinahe spiegelbildlich (64:20) für die Konservativen. Corbyns Altersgenossen haben dessen Sympathien für irisch-republikanische Terroristen nicht vergessen, sie nehmen ihm die schlecht sitzenden Anzüge und seine Ablehnung der Monarchie übel. Die Jungen berauschen sich daran, dass nach langen Jahren des neoliberalen Konsenses eine Partei ein klar linkes Programm präsentiert.

Den Ausschlag geben werden diesmal die Regionen Mittel- und Nordenglands, die vor Jahresfrist für den Brexit stimmten. Dort machen Labour-Kandidaten vielfach Werbung für sich, indem sie Corbyns bevorstehende Niederlage prophezeien, nach dem Motto: Labour wird sowieso nicht gewinnen, stimmen Sie getrost für mich. Das sei, räumt ein Corbyn-kritischer Kandidat ein, "natürlich eine völlig verquere Botschaft". (Sebastian Borger aus London, 8.6.2017)

  • Premierministerin May zittert um Wiederwahl der Konservativen.
    foto: afp photo / justin tallis

    Premierministerin May zittert um Wiederwahl der Konservativen.

  • Der Altrebell und Labour-Chef Corbyn hofft auf einen Sieg.
    foto: afp photo / paul ellis

    Der Altrebell und Labour-Chef Corbyn hofft auf einen Sieg.

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