Rundschau: Tolkien in Love

    Ansichtssache1. Juli 2017, 10:00
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    fotos: heyne, cross cult, berlin verlag

    Robert Charles Wilson: "Netzwerk"

    Broschiert, 384 Seiten, € 10,30, Heyne 2017 (Original: "The Affinities", 2015)

    Nnedi Okorafor: "Wer fürchtet den Tod"

    Broschiert, 480 Seiten, € 18,60, Cross Cult 2017 (Original: "Who Fears Death", 2010)

    Margaret Atwood: "Das Herz kommt zuletzt"

    Gebundene Ausgabe, 400 Seiten, € 22,70, Berlin Verlag 2017 (Original: "The Heart Goes Last", 2015)

    Bevor es an die Langrezensionen geht, erst noch ein schneller Überblick über einige hochinteressante Romane, die seinerzeit schon bei Veröffentlichung der Originalausgabe besprochen wurden und seit kurzem auch auf Deutsch erhältlich sind. Die Links führen zu den jeweiligen Einzelrezensionen.

    Ohne Netzwerk bist du nichts

    Nach dem leicht enttäuschenden "Burning Paradise" (Deutsch: "Kontrolle") hat Robert Charles Wilson mit "The Affinities" wieder einen rundum überzeugenden und faszinierenden Roman vorgelegt. Und das, obwohl dieser nicht aus Wilsons Spezialgebiet – dem großen physikalischen Rätsel – stammt. Es ist Science Fiction ohne Special Effects.

    Die Idee: Ein Unternehmen hat einen Algorithmus entwickelt, mit dem sich Menschen zu optimal harmonierenden Gruppen (im Original affinities, auf Deutsch nun eben Netzwerke) zusammenstellen lassen. Das Zusammenleben in diesen Gruppen funktioniert weitaus besser als in althergebrachten Institutionen wie Familie oder Staat. Eine neue Gesellschaftsordnung entwickelt sich – was natürlich zu Lasten der alten gehen muss. Es kommt zum Konflikt: Zwischen den verschiedenen Netzwerken, aber auch zwischen dieser neuen Lebensform und dem "unglücklichen" Rest der Menschheit, der sich mathematisch nicht verpartnern ließ.

    Die Massengesellschaft des frühen 20. Jahrhunderts hatte ihre Science Fiction in Form von klassischen Dystopien wie "1984" oder "Brave New World". Wurde auch Zeit, dass sich ihr aktuell zu beobachtender Zerfall in immer kleinere Interessengruppen in der SF ebenfalls widerspiegelt.

    Die Magie der Zukunft

    Zeitlich viel weiter von der Gegenwart entfernt ist "Who Fears Death" ("Wer fürchtet den Tod") angesiedelt, mit dem die nigerianisch-amerikanische Autorin Nnedi Okorafor 2010 den großen Durchbruch hatte. Wir befinden uns im Afrika einer nicht näher definierten Zukunft – irgendwann nach dem Zeitalter der Hochtechnologie, von der nur noch einige Reste übriggeblieben sind. In der Form eines Mythos erzählt, schildert der Roman den Lebensweg von Onyesonwu, einer Frau, die durch einen Akt der Gewalt gezeugt wurde und sich deshalb – ganz dem Volksglauben entsprechend – ihr ganzes Leben hindurch immer wieder in gewalttätigen Kontexten wiederfinden wird.

    Magie (Onyesonwu kann ihre Gestalt verändern) trifft in dieser schwer einem Genre zuzuordnenden Erzählung auf politische Themen wie ethnische Konflikte und Gewalt gegen Frauen. 2015 schrieb Okorafor mit "The Book of Phoenix" eine Art Prequel, das näher an unserer Zeit liegt und die Magie mit mehr SF-Elementen spickt. Die deutschsprachige Ausgabe wird im Oktober ebenfalls bei Cross Cult erscheinen.

    Hoffentlich bringt das Neocons nicht auf Ideen ...

    Margaret Atwoods "The Heart Goes Last" schließlich gehört zur wachsenden Zahl von SF-Romanen, die eine wegen Ressourcenmangels, vor allem aber wegen ungerechter Verteilung dystopisch gewordene Zukunft zeichnen: Denken wir etwa an AutorInnen wie Paolo Bacigalupi, Cory Doctorow, Will McIntosh, Linda Nagata, Darin Bradley – oder auch Suzanne Collins. Eine "Lösung" der ökonomischen Misere exerziert Atwood hier am Beispiel des jungen Ehepaars Stan und Charmaine durch. Die werden nämlich in eine Modellstadt der neuen Art aufgenommen: Die Hälfte der Zeit lebt man komfortabel abgesichert – die andere sitzt man im städtischen Gefängnis ein und leistet Gratisarbeit.

    Anders als in früheren Werken – allen voran der legendäre "Report der Magd" – setzt Atwood hier überraschend stark auf Humor. Der ist vor allem in der ersten Hälfte, dem zynischen Plot entsprechend, so schwarz wie die Tinte auf einem Todesurteil. Er lockert sich aber auf und wird spätestens, wenn eine Gruppe Elvis-Doppelgänger auf den Plan tritt, sogar mit Klamauk angereichert. Es überträgt sich nicht immer automatisch auf den Leser, wenn ein Autor beim Schreiben Spaß hatte, aber hier ist es gelungen.

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