Joachim Lottmann: Esel statt Smartphone

9. Juni 2017, 15:01
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Die Ferien sind zum Greifen nah. Wir befragten Autoren und Redakteure, worauf sie im Sommer keinesfalls verzichten können

In früheren Jahrzehnten, als man noch mit dem Auto in den Urlaub fuhr, verbrachte unsere Familie die Sommerferien in Italien. Es war eine Zeit, die sich heute selbst die Älteren nicht mehr vorstellen können. Es herrschte Vollbeschäftigung, alle hatten Geld, Ausländer waren beliebt, weil sie den Frauen etwas von Liebe erzählten und wie schön sie seien, also die Italiener, andere Ausländer kannten wir nicht. Wir kannten eigentlich auch keine Frauen dort, nur unsere Mutter, und die war allerdings auch wirklich schön. Auf dem Weg zu unserem Haus quer durch Italien kamen wir als Erstes in Südtirol vorbei, wo wir stets bei einer Familie übernachteten, die politische Ambitionen hatte. Ich glaube, sie wollten Deutsche sein und keine Italiener, was ich damals noch nicht verstand – heute auch noch nicht.

Unser Vater, ein FDP-Mandatar, redete den Leutchen gut zu, und zum Dank schenkte mir die Tochter des deutschnationalen Aktivisten ein selbstgebranntes Eselchen aus Porzellan. Ich war natürlich glücklich, denn in jenen Zeiten bekamen Kinder noch keine Spielekonsolen und Smartphones geschenkt, sondern höchstens einmal eine Tafel Schokolade oder einen Stoffbär – glaube ich. Und nun gleich so ein hübsches, buntes, lackglänzendes Kunstwerk aus Stein! So einen süßen kleinen Esel! In Wirklichkeit war es ein Eierbecher, aber das fiel mir nicht auf. Mein Bruder bekam ebenfalls solch ein Exponat. Es sah genauso aus. Wir konnten es nur unterscheiden, weil meines einmal heruntergefallen war und an der Schnauze eine Bruchstelle hatte. Wir bekamen bei weiteren Aufenthalten noch mehr Figuren, an die ich mich nicht mehr erinnere, bis auf eine kleine Giraffe.

Langeweile & Fußball

Die töpfernde Südtirolerin machte diese Sachen, auch Teller mit Inschriften, und so fertigte sie ein sinniges Türschild für uns an, das heute noch in Gebrauch ist. "Salute e cortesia in casa mia" steht darauf, und wenn meine Frau und ich das alte Ferienhaus besuchen, muss ich daran denken. Ich meine das Haus, in dem wir immer die Ferien verbrachten. Sehr viel verändert hat sich dort nicht, und sogar eines der beiden Eselchen steht noch dort. Freilich hat sich alles andere in der Welt verändert.

Mein Bruder und ich langweilten uns eigentlich sehr in den Ferien. Uns fehlten die Klassenkameraden, und mit den Kindern am Strand konnte man immer nur Fußball spielen, was uns nicht reichte. So blieben wir manchmal zu Hause und spielten mit den Porzellanfiguren.

Vor allem, als wir uns der Pubertät näherten, wollten wir unserem Vater nacheifern und über Politik diskutieren. Wir liebten ihn sehr. Er hatte es leicht mit uns aufgrund seines formidablen Musikgeschmacks. Ohne ihn hätten wir niemals so früh David Bowie entdeckt. So war es ziemlich erschütternd für uns, als er kurz darauf den Mercedes mit fast 200 Stundenkilometern an einen Baum setzte. Ein Arztfehler machte später auch der Schönheit und dem Leben seiner Frau ein vorzeitiges Ende. So wurde das Ferienhaus in Italien eine seltsame Gedenkstätte für uns Kinder.

Es wurde im Laufe der langen Jahre, die nun folgten, jener erinnerte Ort, an dem wir unsere Eltern wirklich "gehabt" hatten. Sie waren im Alltag ja immer abwesend gewesen und später dann tot. Mein Bruder und ich verbrachten noch manchen Sommer dort, später mitsamt unseren eigenen Familien, bis wir irgendwann damit aufhörten. Heute wirkt alles nur noch traurig auf mich. Vor allem das Eselchen, das dort nach wie vor Wache hält und alles nicht versteht. (Joachim Lottmann, RONDO, 9.6.2017)

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  • Eigentlich ist der kleine Esel aus Südtirol ein Eierbecher, doch das fiel dem Autor Joachim Lottmann nicht auf, als er ihn vor vielen Jahren geschenkt bekam.
    foto: lukas gansterer

    Eigentlich ist der kleine Esel aus Südtirol ein Eierbecher, doch das fiel dem Autor Joachim Lottmann nicht auf, als er ihn vor vielen Jahren geschenkt bekam.

  • Joachim Lottmann ist Schriftsteller und Journalist. 2017 erschien sein Roman "Alles Lüge" bei Kiepenheuer & Witsch. Mit seinem Porzellaneselchen verbindet ihn eine lange Geschichte.
    foto: thomas draschan

    Joachim Lottmann ist Schriftsteller und Journalist. 2017 erschien sein Roman "Alles Lüge" bei Kiepenheuer & Witsch. Mit seinem Porzellaneselchen verbindet ihn eine lange Geschichte.

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