Die andere Saite der Violine: Weltmarktführer will in China aufgeigen

7. Juni 2017, 12:00
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Das Familienunternehmen Thomastik-Infeld erzeugt mit 187 Mitarbeitern mitten in Wien Saiten für Streichinstrumente – und plant die Expansion

Wien – Verschlungene Stiegen rauf und runter, ein paar Mal ums Eck, schmale Gänge entlang hinter eine unscheinbare graue Tür. Und da, verborgen im Hinterstüberl einer Werkstatt, steht sie: Die Maschine, auf der so viel Hoffnung ruht, rattert kaum hörbar und blinkt in rot-blauem Licht. Zehn Techniker tüfteln bis zu sieben Jahre an ihr. Sehen darf sie auch aus dem eigenen Betrieb nur eine Handvoll Leute. Zu groß ist die Sorge, dass Konkurrenten eine Ahnung von ihrem geheimen Innenleben bekommen.

"In zwei bis drei Jahren wird sie vollautomatisch rund um die Uhr laufen. Wir werden uns mit ihr einen neuen Markt in China und Indien eröffnen", sagt Franz Klanner und deutet auf einen feinen Draht in ihrem Herzstück. Es ist der Kern einer Violinsaite. Fäden feiner als ein Haar stecken in ihm, jedes einzelne, das reißt, würde den Klang der Instrumente schmälern.

Klanner wacht seit 22 Jahren als technischer Chef über die Geschicke von Thomastik-Infeld. Der Familienbetrieb ist Weltmarktführer bei Saiten für Violinen und Kontrabass. Auch ein hoher Anteil der Saiten für Cello und Viola auf internationalen Konzertbühnen entstammt seinem Haus. Und dies ist verwinkelt. Thomastik-Infeld produziert seit bald 100 Jahren mitten in Wien-Margareten über mehrere Gebäude und Stockwerke verteilt.

Wie der Geschmack des Weins

Es sind unscheinbare Altbauten im Wohngebiet, in denen 187 Mitarbeiter, überwiegend Frauen, leise werken. Die meisten von ihnen leben mit ihren Familien in den Häusern rundum. Sie stört auch die Musik der renommierten Solisten und Orchestermusiker nicht, die regelmäßig die kleine Unternehmenszentrale aufsuchen, um neue Saiten zu testen und zu justieren.

Klanner vergleicht ihren Klang mit Geschmack und Farben eines Weines. "Ein Schluck genügt, und Sie wissen, ob er mundet." Saiten selbst seien sensibel wie Spaghetti. "Nicht jeder will sie al dente." 1500 verschiedene Modelle bieten die Wiener an, Sonderanfertigungen nicht eingerechnet. "Es ist wie in der feinen Küche: Der Kreativität sind wenige Grenzen gesetzt."

75 Maschinen sind in der Diehlgasse im Einsatz, alle wurden im eigenen Haus gefertigt. Ehe an ihnen Hand angelegt werden darf, bedarf es drei Monate Einschulung. Um die Herstellung komplexer Saiten zu beherrschen, sind in der Regel bis zu zwei Jahre nötig. 80 Prozent der Mitarbeiter sind in der Produktion beschäftigt, gut ein Fünftel von ihnen in der Qualitätssicherung. Jede einzelne Saite wird händisch geprüft. Nur so ließen sich feinste Unebenheiten erkennen. "Was zählt, ist Präzision."

Mensch und Maschine

Durch Maschinen werden sich Menschen in dieser Liga niemals ersetzen lassen, sagt Klanner. Daran ändere auch die abseits neugieriger Blicke entwickelte neue Anlage nichts. Bald soll sie auch das Umspannen und Schleifen der Saiten beherrschen. Dienen werde sie jedoch allein dem Einstieg in günstigere Märkte. In China steht klassische Musik etwa hoch im Kurs. Was dort freilich ebenso entscheidet, ist der niedrige Preis.

1919 legten Geigenbauer Franz Thomastik und Ingenieur Otto Infeld den Grundstein der Werkstätte. Heute ist der Betrieb in der Obhut von Zdenka Infeld. Die gebürtige Kroatin sprang 2009 nach dem plötzlichen frühen Tod ihres Mannes ins kalte Wasser, erlernte unter enormem Zeitdruck die Spielarten der umkämpften Branche und begleitete jede internationale Messe von der ersten bis zur letzten Minute. "Es war hart, und ich lerne immer noch", sagt Infeld, die bis vor kurzem kaum Deutsch sprach und zuvor mit Kunst und Antiquitäten handelte. Doch die Frage, ob sie sich der Verantwortung entziehe oder nicht, habe sich ihr nie gestellt: "Was ich will, ist, dass Thomastik-Infeld auch in 100 Jahren noch hier mitten in Wien produziert. Und ich will, dass das Unternehmen weiterhin in Familienhand bleibt."

An ihrer Seite steht auch Robert Infeld, der Sohn ihres Mannes. Peter Infeld, bis vor acht Jahren Unternehmenschef, schuf als Mäzen und Sammler eine der größten privaten Kunstsammlungen Österreichs und widmete sich zeitlebens ebenso leidenschaftlich dem Gesang und der Literatur.

Thomastik-Infeld setzt rund 21 Millionen Euro um und erzielt seit Jahren Gewinne, zuletzt waren es laut veröffentlichter Bilanz gut 5,5 Millionen Euro. Mehr als 95 Prozent der Produktion gehen in den Export.

Stahl statt Darm

Die Firmengründer waren die Ersten der Zunft, die Stahl für ihre Saiten heranzogen.Die Wiederkehr des Darms in der Streichmusik in größerem Stil hält Klanner für ausgeschlossen. Zu schlecht und zu stark schwankend sei heutzutage die Qualität der Tierdärme, zu anfällig gegen Feuchtigkeit und Temperatur seien die Saiten, erzählt er. Abgesehen davon, dass die Därme unmittelbar ab Schlachthof innerhalb weniger Stunden zu verarbeiten seien, vom Einsatz der Säuren und Laugen nicht zu reden "Das tut sich in Europa kaum einer mehr an." Und der Klang? "Es ist eben wie beim Oldtimerfahren." Freaks und Liebhaber dafür werde es immer geben.

Gute drei Wochen lang hält eine synthetische Saite professionellen Musikern, die quasi durchgehend üben, stand. Bei Solokonzerten werden sie nicht selten nach drei Tagen ersetzt. Zu massiv setzt ihnen der stressbedingte Schweiß zu. Klanner: "Es ist wie bei Autoreifen in der Formel 1." Thomastik-Infeld bewog dies dazu, sich auch mit der Erforschung des Schwitzens auseinanderzusetzen.

Seit 2015 pflegt der Betrieb zudem ein Standbein in Kopenhagen. Er erwarb den kleineren dänischen Mitbewerber Jargar und baute den Spezialisten für Viola und Cello seither um ein Drittel aus. (Verena Kainrath, 7.6.2017)

  • Bis zu zwei Jahre braucht es,  um die sensiblen Maschinen zu beherrschen. Jede einzelne Saite wird händisch überprüft. Der Großteil der Mitarbeiter sind Frauen.
    andy urban

    Bis zu zwei Jahre braucht es, um die sensiblen Maschinen zu beherrschen. Jede einzelne Saite wird händisch überprüft. Der Großteil der Mitarbeiter sind Frauen.

  • Eigentümerin und Geschäftsführerin Zdenka Infeld: "Thomastik-Infeld soll in Familienhand bleiben."
    andy urban

    Eigentümerin und Geschäftsführerin Zdenka Infeld: "Thomastik-Infeld soll in Familienhand bleiben."

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