Karajan, interpretiert vom Computer

10. Juni 2017, 16:00
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Eine internationale Forschergruppe nützt moderne Technik zur Analyse musikalischer Interpretationen

Graz/Linz – Wie klangen die Fagotte im ersten Satz von Mozarts Symphonie Nr. 39 in Es-Dur anno 1975, als Herbert von Karajan das Orchester dirigierte? Und was genau unterscheidet diese Interpretation von jener unter Nikolaus Harnoncourts Leitung im Jahr 1984? Mag sein, dass derlei Details für Laien weder wahrnehmbar noch von Interesse sind.

Für die Musikwissenschaft sind sie jedoch von ungeheurem Wert. Denn die Möglichkeit, auch kleinste Variationen in Phrasierung, Tempo und anderen Facetten mithilfe moderner Computertechnik sowohl visuell darzustellen als auch genau zu analysieren, bringt dieses Fachgebiet einen entscheidenden Schritt weiter, wie Peter Revers, Professor an der Kunstuniversität Graz, schildert: "Die Interpretationsforschung hat sich lange mit den geschriebenen Noten befasst, deren klangliche Umsetzung aber kaum wissenschaftlich beleuchtet. Einspielungen großer Orchester zu bearbeiten und Vergleiche mehrerer, im Lauf der Zeit entstandener Aufnahmen anzustellen fällt in den Bereich Big Data. Und inzwischen gibt es die nötigen technischen Mittel dafür."

Dementsprechend kooperieren im Rahmen eines vom Wissenschaftsfonds FWF geförderten Studienprojekts unter Revers' Leitung hochkarätige Spezialisten verschiedener Disziplinen: Forscher der Kunstuniversität Graz, der Johannes-Kepler-Universität Linz, der Anton-Bruckner-Privatuniversität Linz, des Eliette-und-Herbert-von-Karajan-Instituts, des Salzburger Mozarteums, des Massachusetts Institute of Technology (MIT) in Cambridge sowie der Universitäten Harvard und Stanford. Die internationale Forschungsgruppe hat sich das Ziel gesetzt, neue Wege für die computergestützte Analyse musikalischer Interpretation zu ebnen.

Reichhaltiges Archiv

Revers: "In der Pilotphase konzentrieren wir uns auf Karajan, weil es hier ein reichhaltiges Archiv gibt, das zusätzlich viele Mitschnitte von Telefonaten mit Tonmeistern enthält, in denen der Dirigent seine Präferenzen definierte. Wir möchten eine Art Profil entwickeln, das darstellt, was Karajans Interpretationen ausmacht."

An Material fehlt es tatsächlich nicht, denn der legendäre Maestro nützte wie kaum ein anderer die zu seiner Zeit neuesten Aufnahmetechniken und leistete Pionierarbeit in der Klangdokumentation. Die umfangreiche Sammlung, die nun zur Verfügung steht, umfasst zum Teil noch unveröffentlichte Quellen, darunter rund 1800 Tonaufzeichnungen, etwa 100 Probenaufnahmen, 700 Studioproduktionen, um die 1000 Konzertmitschnitte, Konzertfilme und Probendokumentationen, Briefe und Konversationen über Einzelheiten von Schallplatten- oder CD-Einspielungen.

Mit speziellen Algorithmen soll es nun machbar werden, hochkomplexe Werke exakt auszuwerten und auf dem Bildschirm grafisch so darzustellen, dass der Betrachter problemlos einen Bezug zwischen Notenblatt und klanglicher Umsetzung herstellen kann – sogar bei Orchesteraufnahmen mit zirka 100 Musikern sowie in einer späteren Projektphase bei Produktionen anderer Dirigenten und bei Opern. Alle aktuellen Befunde des Wissenschafterteams sollen laufend in einer Datenbank veröffentlicht und für weitere Forschungen verfügbar gemacht werden.

Eingesetzte Software

Für die praktische Arbeit am Projekt wird derzeit das aus Großbritannien stammende Programm Sonic Visualizer, das die Analyse temporaler Struktur, Dynamik und Klangfarbe von Musikstücken erlaubt, in Linz verfeinert, um die empirische Erfassung vielschichtiger Aufnahmen durch neue Verfahren zu erleichtern. Teil der verwendeten Technik ist auch das Music21 Toolkit, ein Softwarepaket, das differenzieren und reproduzieren kann, das es also erlaubt, den Aufbau von Musikstücken zu definieren und aus diesen Daten entsprechende neue Passagen zu generieren. Und auch das "menschliche Element" kommt zum Zug: Die Ergebnisse aller elektronischen Auswertungen werden von den Experten selbst verifiziert.

Durch die vom Computer zerlegten und bildhaft dargestellten Ebenen soll es bald leichter werden, Variationen der Umsetzung in unterschiedlichen Interpretationen zu definieren und zu vergleichen. Eine Errungenschaft, die Musikern bei der Suche nach optimaler Präsentation sehr zugutekommt. Herbert von Karajan hätte wohl seine Freude damit gehabt. (Elisabeth Schneyder, 10.6.2017)

  • Karajans Œuvre dient als Forschungsobjekt.
    foto: dpa / m. hellmann

    Karajans Œuvre dient als Forschungsobjekt.

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