59 Postings
16. Juni 2017, 06:00

Im Jahr 2013 verging kaum ein Tag, an dem kein spektakulärer Metalldiebstahl in der Zeitung stand. Auf Schrottplätze und die Lager von Metallhändlern, auf Baustellen und sogar Friedhöfe, vor allem aber auf die Kupferkabel auf ÖBB-Geländen hatten es die Diebe abgesehen.

Sechs Anzeigen wegen Entwendung von Formstahl, Metallschrott, Nutz- oder Altmetall nahmen die Inspektorate vor vier Jahren in Österreich täglich auf. Dann sank die Zahl der Delikte um vier Fünftel: 2016 wurden nur mehr 1,2 Diebstähle pro Tag angezeigt und damit so wenige wie in keinem der zehn Jahre zuvor.

Zum Höhepunkt des Phänomens wurden immer wieder die sich verteuernden Metallpreise als Ursache für den Anstieg angenommen – und tatsächlich war die Zahl der Diebstahlsanzeigen zwischen 2006 und 2011 grob den Preisindizes gefolgt. Danach entkoppelten sich die Kurven aber weitgehend, die Preisverläufe allein konnten nicht mehr für den frappanten Rückgang der Delikte verantwortlich gemacht werden. Ausgehend vom Jahr 2012 sanken die Kupfer- und Aluminiumpreise zuletzt lediglich auf rund 70 bis 80 Prozent ihres ursprünglichen Werts, die Bleipreise zogen sogar an. Die Zahl der Anzeigen aber fiel auf 25,8 Prozent.

Die "Landplage", wie es die Konzernleitung formulierte, hatte vor dem Rückgang vor allem die ÖBB mit ihren 5.000 Kilometern Kupferkabel geschädigt. 2013 gingen 2,2 von acht Millionen Euro Schaden in Österreich auf das Konto des Bahnunternehmens. 2014 meldeten die ÖBB 246 Metalldiebstähle und damit rund jeden sechsten im Land. Fälle wie die mehrtägige Sperre der Tiroler Außerfernbahn oder der Ausfall von 28 S-Bahn-Zügen im Wiener Frühverkehr wegen der Entwendung von Erdungs- oder Gleisfreimeldekabeln im Herbst 2012 waren keine Seltenheit.

Kein Anstieg bei versuchten Delikten

"Ein gestohlenes Erdungskabel mit einem Wert von fünf bis sechs Euro verursacht einen Schaden, der in die Tausende geht", sagte ÖBB-Vorstandsmitglied Franz Seiser bei einem "Internationalen Kupferdiebstahl-Gipfel", zu dem das Unternehmen im Mai 2014 die Sicherheitschefs mehrerer europäischer Bahnen und Vertreter der Polizei nach Wien lud.

"Seiser konnte bereits von ersten Erfolgen berichten", schrieb die APA damals, denn dank neuer Streifendienste und mehr Überwachungskameras sei es bereits zu mehreren Festnahmen gekommen. Auch Vincenz Kriegs-Au, Sprecher des Bundeskriminalamts, vermutet, dass die Festnahme mehrerer notorischer Tätergruppierungen zum "rasanten Abstieg der Anzahl von Metalldiebstählen geführt hat, auf den wir stolz sind".

Die langjährigen Zahlen zeigen allerdings keinen Anstieg der Zahl versuchter Delikte und also erwischter oder verhinderter Diebe. Im Verhältnis zu den vollendeten Delikten blieben die Versuche relativ konstant, sie waren hoch, als auch die Zahl der Taterfolge hoch war, und sanken wieder mit ihnen.

Wenn der verstärkte Patrouilleneinsatz einen Effekt hatte, konnte er demnach allenfalls präventiver Natur gewesen sein und potenzielle Täter schon vor dem Versuch abgehalten haben. Die Anzeigenzahlen jedenfalls gingen bei den ÖBB weiter zurück: 2015 auf 51 Diebstähle, 2016 auf 31, und heuer in den ersten fünf Monaten waren es gar erst fünf – und das obwohl die Maßnahmen "schon zur Hochblüte der Diebstähle" erfolgten. "Zuletzt wurden keine speziellen Maßnahmen mehr gesetzt", sagte ÖBB-Sprecher Roman Hahslinger zum STANDARD.

Kampf gegen das Verschachern

Verschärfte Bedingungen stellten allerdings auch erfolgreiche Diebe vor größere Herausforderungen, das Metall zu Geld zu machen. Bereits 2013 hatte die damalige Innenministerin Johanna Mikl-Leitner (ÖVP) vorgeschlagen, eine Ausweispflicht bei Kupferverkäufen einzuführen, um verdächtige Transaktionen zurückverfolgen zu können. Die Gewerbeordnung wurde zwar nicht nach dem Vorschlag novelliert, Österreichs Schrotthändler unterwarfen sich aber freiwillig einer Ausweispflicht.

Hehlern erschwert schließlich auch eine neue Technologie, die Ware zu verschachern: Die Deutsche Bahn etwa entwickelte ein System auf Basis künstlicher DNA, mit der die Metalle unsichtbar markiert werden und die die Herkunftserkennung selbst nach dem Einschmelzen noch ermöglicht. Mehrere internationale Unternehmen folgten diesem Vorbild, auch die ÖBB setzen die Markierungen nach einem Testbetrieb 2013 ein.

foto: sebastian willnow/dapd/apa

Darüber hinaus könnte die Erhöhung des Strafrahmens bei Beschädigungen kritischer Infrastruktur weniger risikobereite Täter abgeschreckt und so zum Rückgang beigetragen haben, sagt Kriegs-Au.

Einen weiteren Grund für den Rückgang vermuten Alfred Störchle und Manfred Kandelhart von der Abteilung Sekundärrohstoffhandel in der Wirtschaftskammer darin, "dass unsere Mitgliedsbetriebe umfangreiche Sicherheitsmaßnahmen getroffen haben, um Diebstähle in ihrem Bereich zu verhindern". Investitionen in Alarmanlagen und Sicherungstechnik haben zu einer Entwicklung geführt, "die für uns natürlich erfreulich ist", schreiben Störchle und Kandelhart auf Nachfrage des STANDARD. (Michael Matzenberger, 16.6.2017)