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7. Juni 2017, 13:18

Kurz nach drei Uhr Früh brach auf den Hügeln in der Nähe der belgischen Kleinstadt Messines (Mesen) bei Ypern ein wahres Inferno aus. Die Briten hatten gut zwei Jahre lang darauf hingearbeitet, um am Morgen des 7. Juni 1917 in Westflandern die Tore zur Hölle zu öffnen.

foto: ap/australian war memorial
Was macht der Feind? Ein australischer Soldat checkt am 5. Juni 1917 in seinem Schützengraben die Lage. Zwei Tage später begann die Offensive.

Mineure und Sappeure hatten seit Sommer 1915 die Stellungen der deutschen Armee untergraben. Dafür wurden zahlreiche Stollen mit einer Gesamtlänge von fast zehn Kilometern in den lehmigen Untergrund gegraben. "Wir werden morgen vielleicht nicht Geschichte machen, aber wir werden ganz sicher die Landschaft verändern", hatte der Stabschef der britischen Zweiten Armee, General Charles Harington, am Vorabend der Offensive gemeint.

Punkt 3.10 Uhr war es nun so weit: Innerhalb von zwanzig Sekunden zündeten zwanzig gewaltige unterirdische Sprengsätze unter den Stellungen der deutschen Armee an der Westfront. Rund 425 Tonnen Ammonal, ein Gemisch aus Ammoniumnitrat und Aluminium, detonierten – bis heute eine der größten menschgemachten konventionellen Explosionen.

Das lauteste Geräusch

Der Knall soll bis Dublin zu hören gewesen sein, auch Großbritanniens Premierminister David Lloyd George konnte ihn in seinem Büro in Downing Street 10 in London vernehmen.

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Zeitzeugen der Schlacht bei Messines berichten. Die Aufnahmen der Explosionen stammen von anderen Orten des Minenkrieges.

Vermutlich handelte es um das bis dato lauteste vom Menschen verursachte Geräusch.

Noch im 24 Kilometer entfernten Lille glaubten die deutschen Besatzungstruppen an ein Erdbeben. Auch die Folgen sind beispiellos: Bis zu zehntausend deutsche Soldaten starben durch die Minen und ihre Druckwelle – so viele wie bei keiner anderen nichtatomaren Explosion. Und Harington behielt recht: Die Krater der Explosionen sind bis heute in der Landschaft sichtbar.

foto: ap/mayo
Der "Pool of Peace" in Wijtschate ist das Resultat der größten Explosion vom 7. Juni 1917.

Gesang der Nachtigall vor dem Inferno

Seit 21. Mai hatten die Briten die deutschen Stellungen an der Wijtschate-Front mit 2.000 Artilleriegeschützen ununterbrochen bombardiert.

foto: ap/australian war memorial
7. Juni 1917: Australische Soldaten rücken mit Panzern vor.

In den letzten sieben Tage vor der Offensive wurden zweieinhalb Millionen Geschoße auf die Front gefeuert. Am 7. Juni überflogen um zwei Uhr morgens britische Flugzeuge die Frontlinien, um den Lärm zu tarnen, den die gepanzerten Fahrzeuge verursachten, als sie sich gemeinsam mit 80.000 britischen, australischen und neuseeländischen Infanteristen zum Angriff in Stellung brachten.

Erst um 2.50 Uhr, kurz vor der Dämmerung, wurde das Feuer der Artillerie eingestellt. In der folgenden ungewöhnlichen, fast gespenstischen Stille soll der Gesang einer Nachtigall zu hören gewesen sein, berichteten einige der auf den Angriff wartenden Soldaten später.

foto: ap/mayo
Ein Schützengraben der Deutschen in der Stellung "Bayernwald" in Wijtschate. Die Anlage wurde im Jahr 1998 restauriert.

Was dann folgte, beschreiben die Zeugen in dramatischen Worten. Der Boden habe sich sekundenlang gehoben und gesenkt wie bei einem Erdbeben, dann stiegen riesige Erdpilze aus dem Boden. Über der Anhöhe von Mesen stiegen rote Flammen auf wie gigantische Rosen. Der offizielle britische Kriegsreporter Philip Gibbs berichtete: "Plötzlich im Morgengrauen, wie ein Signal zum Feuern an alle unsere Kanonen, stiegen aus dem dunklen Rücken von Messines (...) riesige Mengen scharlachroter Flammen (...) hohe Türme aus Erde und Rauch wurden von der Flamme erleuchtet und ergossen sich in Fontänen aus glühenden Farben, sodass viele unserer Soldaten, die auf den Angriff warteten, zu Boden geworfen wurden. Die deutschen Truppen waren gelähmt, betäubt und entsetzt, wenn sie nicht sofort getötet wurden. Viele von ihnen lagen tot in den großen Kratern, die von den Minen aufgerissen wurden."

Geheimnis

Die Zündung der Minen war der Auftakt der sieben Tage dauernden britischen Offensive, die als "Schlacht bei Messines von 1917" Eingang in die Geschichte des Ersten Weltkrieges fand. Innerhalb weniger Stunden hatten die Deutschen die Anhöhe verloren, innerhalb einer Woche starben auf beiden Seiten jeweils rund 25.000 Soldaten.

Einige der Stollen waren bereits seit einem Jahr fertiggestellt, die letzten konnten erst wenige Tage vor Beginn der Offensive komplettiert werden. Trotz der enormen Erdbewegungen und zweijährigen Vorbereitungen ahnten die Deutschen nichts vom Ausmaß des tiefliegenden Stollensystems, während sie oberflächennähere Gänge regelmäßig entdeckten und mit Kontergrabungen angriffen. Die Minen von Messines gehören damit zu den am besten gehüteten Geheimnissen der Briten im Ersten Weltkrieg.

Lehm treten

Die Arbeiten in den Tunneln in einer Tiefe zwischen 17 und 42 Metern mussten so leise wie möglich stattfinden, um die Deutschen, die ihrerseits Gegentunnel gruben, nicht aufmerksam zu machen. Daher gruben die Bergleute und Mineure mit einer speziellen Technik: dem "clay kicking". Dabei sitzt der Arbeiter auf einem in einem Winkel von 45 Grad geneigten Brett und treibt mit seinen Füßen ein schalenförmiges Werkzeug in die Stollenwand. Mit einer Drehung wird das Erdreich herausbefördert.

graphik: west point department of history/ krasnoborski, martini
Innerhalb einer Woche konnten die Briten die Anhöhe von Messines erobern und sichern. Die Frontlinie wurde damit deutlich verkürzt.

Mit dieser Methode war ein weitaus rascherer Stollenvortrieb möglich. Die Tunnelwände mussten mit Hölzern ausgekleidet werden, damit sie in dem lehmigen Boden nicht einstürzten. Aus Lärmgründen wurde die Verschalung jedoch eingebaut, ohne sie mit Nägeln oder Schrauben zu verbinden. Zusammengehalten wurden sie durch den Druck des Erdreichs.

Den Aushub mussten die Soldaten verschwinden lassen, bevor die Deutschen ihn sehen konnten. Zu verräterisch wäre der bläuliche Ton gewesen, denn dieser konnte nur aus tiefliegenden Schichten stammen.

foto: ap/mayo
Angehörige der australischen Federation Guard tragen am 22. Juli 2008 den Sarg des australischen Soldaten Alan James Mather am Militärfriedhof Prouse Point in Ploegsteert zu Grabe. Mather stammte aus Invernell in New South Wales und hatte gemeinsam mit 216.000 anderen Soldaten aus Australien, Neuseeland und Großbritannien in der Schlacht bei Messines von 7. bis 14. Juni 1917 gekämpft. Mathers Überreste waren von einem britischen Archäologenteam entdeckt und mithilfe von DNA-Tests identifiziert worden.

Auch eine spezielle Tunnelbaumaschine kam zum Einsatz. Diese basierte auf den Maschinen, die beim Bau der Londoner Tube verwendet wurden. Was eine Beschleunigung der Arbeiten bringen sollte, erwies sich als das Gegenteil: Die Maschine musste regelmäßig ausgeschaltet werden, um nicht zu überhitzen, und da sie ständig im Boden einsank und verstopfte, musste sie immer wieder vom Erdreich befreit werden. Darüber hinaus erwies sie sich als außerordentlich wartungsintensiv und gab bald den Geist auf.

An den Endpunkten unter den deutschen Stellungen wurden große Kammern für die Sprengsätze gebaut. Die Stollen selbst wurden zugeschüttet, damit sich die gesamte Wirkung der Bomben in Richtung der Oberfläche entfalten würde.

Auftakt zur Dritten Flandernschlacht

Der 6. Juni 1917 stellt den Höhepunkt des Minenkrieges an den Fronten des Ersten Weltkrieges dar. Trotz der gewaltigen Sprengkraft und der hohen Opferzahlen war die Schlacht von Messines jedoch bloß das Vorspiel einer noch viel brutaleren Auseinandersetzung an der Westfront. In der rund hunderttägigen Dritten Flandernschlacht bei Ypern starben zwischen Ende Juli und Anfang November 1917 hunderttausende Soldaten.

foto: ap/mayo
Der Turm im irischen Friedenspark in Mesen erinnert an die Schlacht vom Juni 1917. Das innere des 34 Meter hohen Turmes wird nur in der elften Stunde des elften Tages des elften Monats erhellt. Der 11. November ist der Jahrestag des Waffenstillstandes von Compiègne, der den Ersten Weltkrieg beendete.

Trotzdem gilt der Einsatz der Minen von Messines als ein wichtiger Puzzlestein für den Sieg über Deutschland im Ersten Weltkrieg. Die enormen Explosionen sorgten neben einem lokalen Zusammenbruch der Front zu einem weitaus entscheidenderen Zusammenbruch der Moral der deutschen Truppen.

Brisantes Erbe

Ursprünglich waren bei Messines 26 Minen angelegt worden. Sechs davon wurden jedoch nicht gesprengt. Die Mine La Petite Douve Farm wurde aufgegeben und geflutet, nachdem sie am 24. August 1916 von den Deutschen entdeckt worden war. Die unter einem Bauernhof positionierte Mine Peckham 2 musste nach einem Wassereinbruch aufgegeben werden. Die vier früh fertiggestellten Minen Birdcage 1 bis Birdcage 4 wurden nicht gezündet, da sie zum Zeitpunkt des Angriffs bereits hinter den britischen Linien lagen.

foto: ap/mayo
Die heutige ländliche Idylle täuscht: Im Ersten Weltkrieg ließen rund um Mesen tausende Menschen sinnlos ihr Leben.

Nach Ende des Krieges wurde die zerstörte Petite-Douve-Farm von den Besitzern wieder aufgebaut. Die nicht gezündete Mine befindet sich unter einer Scheune in der Nähe des Bauernhauses – eine permanente Gefahr. Zwar sind alle Schächte mittlerweile unter Wasser, doch das bedeutet nicht zwingend, dass die Sprengsätze nicht mehr scharf sind. Das zeigte sich 38 Jahre nach der Schlacht auf dramatische Weise. Am 17. Juni 1955 ließ ein Blitzschlag die Mine Birdcage 3 hochgehen, die unter einem Feld in zwanzig Metern Tiefe lag. Dabei kam eine Kuh ums Leben. Der von der Explosion verursachte Krater hatte vierzig Meter Durchmesser und war zwanzig Meter tief. Die exakte Lage von Birdcage 1, Birdcage 2 und Birdcage 4 ist nicht mehr bekannt, das könnte sich jedoch schon beim nächsten Gewitter ändern. (Michael Vosatka, 7.6.2017)