Oral History neu entdeckt: "In Ottenschlag drinnen sind die Russen"

6. Juni 2017, 18:57
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Eine Projektgruppe der Uni Wien führte bereits 1974 in Ottenschlag im Waldviertel Interviews zur Nachkriegszeit. Eine Historikerin erinnert nun an die Zeitzeugnisse

Wien – "Wir haben auf dem Feld gearbeitet. Auf einmal heißts: In Ottenschlag drinnen sind die Russen", erzählt eine Frau. Man hört sie auf einer Tonbandaufnahme der Österreichischen Mediathek. Das Zeitzeugnis ist über 40 Jahre alt, anonymisiert und Teil des ersten großen Oral-History-Projekts Österreichs – das nur wenige kennen.

1974 führten Dissertanten des noch jungen Zeitgeschichte-Instituts der Uni Wien 94 mehrstündige Interviews in der niederösterreichischen Ortschaft Ottenschlag. Die Forschungsergebnisse wurden aber nie ausgewertet und veröffentlicht, lediglich 1975 eine Radiosendung über das Projekt ausgestrahlt. Historikerin Regina Fritz erinnert in einem Beitrag in der Festschrift 50 Jahre Institut für Zeitgeschichte an das Unterfangen. Das Buch – herausgegeben von Bertrand Perz und Ina Markova – wird am 9. Juni an der Uni Wien präsentiert.

Forscher wohnten im Gasthof

Neun Dissertanten und zwei Dissertantinnen der Uni Wien zogen, so beschreibt Fritz, im Herbst 1974 für eine Woche nach Ottenschlag, um die ortsansässige Bevölkerung zu befragen. Man wohnte im Gasthof Schmid und war mit Tonbandgeräten ausgestattet, die unter anderen der ORF bereitgestellt hatte. Mitglied der Projektgruppe war auch ein gewisser Gerhard Jagschitz, später Professor am Institut für Zeitgeschichte an der Uni Wien und von 1994 bis 2001 Institutsvorstand.

Die Forschergruppe hatte über Monate einen Fragebogen angefertigt, dessen Korsett dann aber zu eng wurde. Man entschied laut Fritz doch das "Erzählen lassen" der Interviewten in den Vordergrund zu rücken. Es waren methodische Gehversuche und erst "die Anfänge der Oral History", der "mündlichen Geschichte".

Im Wald verscharrt

Die Menschen erzählten Verschiedenes von 1945. So gibt es in der Mediathek eine Aufnahme, in der ein Mann von einem Todesmarsch von KZ-Häftlingen durch den Ort berichtete, bei dem drei Personen nicht weitergehen konnten: "Die haben sie dann erschossen an Ort und Stelle und verscharrt, zehn Meter weiter im Wald drinnen, ganz oberflächlich. Da sind wir nach ein paar Tagen hingekommen und haben den Schuh herausschauen gesehen."

Eine Frau schildert ihre Angst, als nach Einmarsch der Roten Armee im Mai 1945 ein russischer Soldat in ihrem Haus übernachtete. "Ich hab mich so gefürchtet, aber der hat sich niedergelegt, hat geschlafen, ist in der Früh aufgestanden und ist wieder gegangen." Ein Mann stellt fest: "Die haben niemandem etwas getan." Im Gegenteil, erzählt er, die Russen hätten auch Essen verschenkt.

"Mit größter Schonung"

Ein Mann erinnert sich daran, wie einige "ehemalige NSDAP-Personen", "der Baumeister, der Postmeister, der Rauchfangkehrermeister, der Arzt – alles was Rang und Namen gehabt hat", abgeführt worden seien. Einige seien sechs Wochen in Krems in Haft gekommen. In einem von Jagschitz gestalteten Radiobeitrag von 1975 über Ottenschlag heißt es, in der Frage der Entnazifizierung habe man "einen konzilianten Standpunkt" eingenommen und sei "selbst gegen illegale Parteimitglieder mit größter Schonung" vorgegangen.

Dass die Dissertanten für die Studie den Ort im Waldviertel auserwählten, hing im Übrigen damit zusammen, dass man dort eine seit 1945 kaum veränderte Sozialstruktur vorfand und man die Größe für geeignet hielt.

Oral History lange belächelt

Mündlich überlieferte Geschichte – Oral History – galt in der Geschichtswissenschaft "bis vor wenigen Jahren als etwas, das sich nicht lohnte, ernstgenommen zu werden", schildert Historikerin Regina Fritz. Auch 1974 waren sich die Projektteilnehmer nicht sicher, ob Zeugenaussagen rund 30 Jahre nach Geschehnissen noch verwertbar sein würden. Sie erwarteten sich offenbar zu viel: Eine Publikation der Ergebnisse blieb laut Fritz wohl aus, da man nicht nur den Anspruch hatte, eine Vorstellung der Vergangenheit aus den Erzählungen herauslesen zu können, sondern auch "ein Abbild vergangener Geschehnisse" erwartete.

Auch finanzielle Schwierigkeiten und die sukzessive Auflösung der Arbeitsgruppe spielten mit. Fritz‘ Fazit zieht dennoch ein positives Fazit: Die Gruppe habe "eine hohe Zahl wertvoller Bestände über das Kriegsende 1945" produziert, welche "die Erinnerung an den Nationalsozialismus und an die sowjetischen Truppen in den frühen 1970er-Jahren eindrucksvoll wiedergeben". (Gudrun Springer, 6.6.2017)

  • Eine Kontrollstelle in der russischen Zone nach dem Zweiten Weltkrieg. Auch Ottenschlag im Waldviertel war "russisch".
    foto: votava

    Eine Kontrollstelle in der russischen Zone nach dem Zweiten Weltkrieg. Auch Ottenschlag im Waldviertel war "russisch".

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