Nachbarstaaten kappen alle diplomatischen Beziehungen zu Katar

5. Juni 2017, 14:36
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Vorwürfe der Unterstützung des Terrorismus

Riad – Saudi-Arabien, Ägypten, Bahrain und die Vereinigten Arabischen Emirate (VAE) haben am Montag ihre diplomatischen Beziehungen zum Emirat Katar abgebrochen. Saudi-Arabien schloss zudem die Grenzen zu dem Nachbarland, "um die nationale Sicherheit vor Gefahren durch Terrorismus und Extremismus zu schützen", wie die amtliche Nachrichtenagentur SPA berichtete.

Stellungnahme von US-Außenminister Rex Tillerson.

Das ägyptische Außenministerium warf Katar vor, "Terrorismus" zu unterstützen und schloss alle Häfen und Flughäfen für Schiffe und Maschinen aus dem Emirat. Auch die von Saudi-Arabien angeführte Militärkoalition, die seit März 2015 Luftangriffe auf mutmaßliche Stellungen von Aufständischen im Jemen fliegt, schloss Katar aus. Grund dafür sei die Unterstützung des Emirats von "terroristischen Organisationen im Jemen, darunter Al-Kaida und Daesh (die Jihadistenmiliz Islamischer Staat)", hieß es in einer Erklärung, die SPA verbreitete.

Die VAE geben den Diplomaten in Katar unterdessen 48 Stunden Zeit, um aus der Hauptstadt Doha auszureisen, wie die BBC berichtet.

Die Nachbarländer stoßen sich offiziell daran, dass Katar die "islamistische Muslimbruderschaft" fördert. Außerdem wird der Golfstaat beschuldigt, Pläne des Erzrivalen Iran zu unterstützen. DER STANDARD berichtete.

Offizielle Begründung

In einer Erklärung der staatlichen saudi-arabischen Nachrichtenagentur SPA hieß es, Katar verbreite die Botschaften zahlreicher Terrorgruppen über seine Medien. Dazu zählten neben der Muslimbruderschaft auch Al-Kaida und die Extremistenmiliz "Islamischer Staat" (IS). Damit würde die Stabilität in der Region gestört. Die staatliche Nachrichtenagentur Ägyptens warf Katar einen gezielten Plan vor, der sich gegen die Einheit der arabischen Welt richte.

Auch die radikalislamische Hamas gilt in Katar als besonder aktiv und hatte dort seit Jahren ihr Hauptquartier. Nach Medienberichten hat Katar die Hamas-Führung zur Ausreise aufgefordert, der Hamas-Politiker Salih al-Bardawil nannte die Berichte am Montag allerdings "komplett unwahr". Nach seiner Darstellung organisiere sich die kürzlich gewählte Führung der Hamas lediglich neu, weil dies für ihre Arbeit notwendig sei. Die Beziehungen zwischen Katar und Hamas seien gut.

Trumps Besuch in Saudi-Arabien

Saudi-Arabien tritt seit geraumer Zeit aggressiver auf. So hat es massiv im Nachbarland Jemen eingegriffen. Dass Trump seinen ersten Auslandsbesuch als US-Präsident in Saudi-Arabien machte, dort einen Gipfel mit mehr als 50 islamischen Ländern (ohne Iran) abhielt und dem Königreich in sehr großem Umfang moderne Waffen verkaufte, habe der Regierung in Riad deutlichen Rückhalt gegeben, heißt es bei EU-Diplomaten.

In Saudi-Arabien unterstützt man begeistert den Versuch Trumps, eine neue Front gegen den Iran zu schmieden. Die traditionelle Rivalität zwischen den beiden sunnitischen und schiitischen Führungsmächten der Region eskaliert deshalb. "Es scheint, dass die Saudis und die Vereinigten Arabischen Emirate sich durch die US-Regierung ermutigt fühlen", sagt auch Kristian Ulrichsen, Golf-Experte des amerikanischen Baker Instituts. Katar wirkt dabei eher wie ein Bauernopfer. Denn das kleine Emirat unterhält traditionell Kontakte in alle Richtungen – auch zum Iran. Es gilt aber trotz eines erheblichen Teils schiitischer Bevölkerung nicht als Iran-Verbündeter. Dennoch ist die diplomatische Unabhängigkeit dem großen westlichen Nachbarn Saudi-Arabien ein Dorn im Auge – zumal es im Golf-Kooperationsrat auch keine Einigkeit gibt, welche Gruppen man im syrischen und im libyschen Bürgerkrieg unterstützen soll.

US-Reaktion

US-Außenminister Rex Tillerson rief die Golfstaaten auf, ihren Streit beizulegen. Er ermuntere die Beteiligten, sich an einen Tisch zu setzen "und die Differenzen anzusprechen", sagte Tillerson in Sydney. Es sei wichtig, dass der Golf-Kooperationsrat "geeint bleibe". Der Organisation gehören neben Katar, Saudi-Arabien, Bahrain und den Vereinigten Arabischen Emiraten auch der Oman und Kuwait an.

In den vergangenen Wochen war der Führung in Doha unter anderem in mehreren US-Medienberichten die Finanzierung von terroristischen Gruppen vorgeworfen geworden. Katar ist Teil der US-geführten Koalition im Kampf gegen die IS-Miliz.

Verkehrsverbindungen auf Eis

Als Reaktion auf die diplomatische Krise mit Katar stellte die Fluglinie Etihad Airways alle Flüge in das Golfemirat ein. Etihad ist die nationale Fluggesellschaft des arabischen Golfstaates Vereinigte Arabische Emirate (VAE). Von Dienstagmorgen an würden bis auf weiteres keine Maschinen mehr in die katarische Hauptstadt Doha fliegen, teilte Etihad mit.

Kritik aus Katar

Katar verurteilte unterdessen den Abbruch der diplomatischen Beziehungen als "ungerechtfertigt". Der Schritt basiere auf "falschen und gegenstandslosen Behauptungen", erklärte das Außenministerium in Doha. Ziel sei es offenbar, Katar politisch zu "bevormunden". Das katarische Außenministerium erklärte, es sei vom Abbruch der diplomatischen Beziehungen überrascht. Katar sei einer Hetzkampagne ausgesetzt, die auf Verleumdungen basiere.

In den vergangenen Wochen war der Führung in Doha unter anderem in mehreren US-Medien die Finanzierung von terroristischen Gruppen vorgeworfen geworden. Im vergangenen Monat hatte es zudem Aufregung über Meldungen der amtlichen katarischen Nachrichtenagentur gegeben, die Emir Scheich Tamim bin Hamad Al-Thani mit brisanten Äußerungen zitiert hatte. Er habe die Nachbarländer kritisiert und den schiitischen Iran als Staat gelobt, der zu Stabilität in der Region beitrage.

Doha spricht von "Hackerangriff"

Die Regierung in Doha bezeichnete die angeblichen Äußerungen als gefälscht und sprach von einem Hackerangriff auf die Nachrichtenagentur. Trotzdem hielten die Spannungen an. Der schiitische Iran ist ein Erzrivale von Saudi-Arabien und der anderen von Sunniten regierten Golfstaaten.

Das Verhältnis mehrerer Golfstaaten zu Katar ist seit langem angespannt. Bereits vor rund drei Jahren hatten Saudi-Arabien, Bahrain und die Emirate ihre Botschafter für einige Monate aus Katar abgezogen. Sie stießen sich vor allem an der Unterstützung Katars für die ägyptischen Muslimbrüder. Ägypten, Saudi-Arabien und die VAE haben die Islamisten als Terrororganisation verboten.

Die diplomatische Krise der arabischen Golfstaaten hat im Iran unterdessen Schadenfreude ausgelöst. "Das war wohl der erste Riss in der (Anti-Iran)-Koalition und auch das erste Ergebnis des Schwerttanzes in Riad", twitterte Hamid Aboutalebi, Vize-Stabschef im Präsidialamt.

Er wunderte sich, wie politisch "zerbrechlich die arabischen Staaten sein müssen, wenn ein kleines Emirat wie Katar für sie zu einer strategischen Gefahr wird". Aboutalebi bezog sich auf einen traditionellen Schwerttanz während des Besuchs von US-Präsident Donald Trump Ende Mai in Saudi-Arabien. Trump hatte während eines Gipfeltreffens die arabischen Verbündeten auf ein gemeinsames Vorgehen gegen die Terrormiliz "Islamischer Staat" (IS) sowie eine gemeinsame Front gegen den Iran eingeschworen.

Die Krise strahlt bis in den Sport aus. Die Fußball-Weltmeisterschaft 2022 soll in Katar stattfinden, der Weltverband FIFA wollte die Vorgänge bis auf weiteres aber nicht kommentieren. Die FIFA sei "in regelmäßigem Kontakt" mit dem lokalen Organisationskomitee und weiteren Stellen, die sich um Angelegenheiten in Zusammenhang mit der kümmern, teilte der Weltverband am Montag auf Anfrage mit. "Wir äußern uns darüber hinaus bis auf weiteres nicht", hieß es von der FIFA. (APA, red, 5.6.2017)

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Hintergrund: Das Emirat Katar

Das Emirat Katar im Osten der arabischen Halbinsel ist geografisch zwar eine Spur kleiner als Oberösterreich, gewinnt international aber sowohl politisch als auch wirtschaftlich immer mehr an Bedeutung. Große Vorkommen an Erdöl und Erdgas machten Katar zu einem der reichsten Länder der Erde. Das Land ist 2022 Gastgeber der Fußballweltmeisterschaft.

Rund 2,2 Millionen Menschen leben in Katar, von denen der Großteil aus dem Ausland kommt und als Gastarbeiter beschäftigt ist. Das Land hat zahlreiche Beteiligungen an europäischen Unternehmen, darunter etwa Anteile am VW-Konzern und an der Baufirma Hochtief. Der arabische Nachrichtensender Al-Jazeera hat seinen Sitz in Katar.

Katar ist Mitglied der Organisation Erdöl exportierender Länder (OPEC) und hat unter anderem zusammen mit Saudi-Arabien, Bahrain und den Vereinigten Arabischen Emiraten den Golfkooperationsrat mitgegründet, der eine gemeinsame Außen- und Sicherheitspolitik in der Region als Ziel hat. Südlich der Hauptstadt Doha befindet sich der größte Stützpunkt der US-Armee in der arabischen Welt.

Die Menschenrechtsorganisation Amnesty International kritisiert Katar für die Ausbeutung von Gastarbeitern und eingeschränkte Meinungsfreiheit. (APA)

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    Saudi-Arabien, Ägypten, Bahrain und die Vereinigten Arabischen Emirate haben am Montag ihre diplomatischen Beziehungen zum Emirat Katar abgebrochen.

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