IS beansprucht Anschlag in London für sich

5. Juni 2017, 12:48
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Britische Premierministerin May kündigt härtere Gangart gegen islamistischen Extremismus an – Polizei identifiziert Attentäter

London – Die Extremistenmiliz Islamischer Staat hat den Anschlag von London für sich reklamiert. "Eine Einheit von IS-Kämpfern hat den gestrigen Angriff in London ausgeführt", teilte der IS am Sonntag über sein Sprachrohr Amak mit. Bei dem Anschlag am Samstagabend waren sieben Menschen getötet und etwa 50 verletzt worden. Die drei Angreifer fuhren mit einem Kleintransporter auf der London Bridge in eine Menschenmenge und attackierten dann Passanten willkürlich mit Messern. Sie wurden schließlich von Polizisten erschossen.

Es war das dritte Mal in weniger als drei Monaten, dass Großbritannien von einem Anschlag erschüttert wurde. Premierministerin Theresa May kündigte eine härtere Gangart gegen den islamistischen Extremismus an. "Wir können und dürfen nicht so tun, als könne alles so weitergehen wie bisher", sagte die Konservative am Sonntag in einer Rede vor ihrem Regierungssitz in der Downing Street. "Genug ist genug." Der IS hatte am Samstag seine Anhänger aufgerufen, während des islamischen Fastenmonats Ramadan "Kreuzfahrer" mit Lastwagen, Messern oder Feuerwaffen anzugreifen.

Namen bekannt

Die Polizei hat unterdessen nach eigenen Angaben die drei Attentäter identifiziert. Die Namen würden veröffentlicht, "sobald es die Ermittlungen erlauben", teilte die Londoner Polizei am Montagmorgen mit. Jetzt gehe es darum herauszufinden, ob die Männer weitere Helfer bei der Planung des Anschlags gehabt hätten, sagte Polizeichefin Cressida Dick.

Am Sonntag hatten die Gesundheitsbehörden mitgeteilt, dass noch 36 Verletzte im Krankenhaus behandelt würden. 21 von ihnen schwebten demnach in Lebensgefahr.

Laut dem deutschen Innenminister Thomas de Maiziere (CDU) wurden auch zwei Deutsche verletzt, einer von ihnen schwer. Frankreichs Außenminister Jean-Yves Le Drian will am Montag nach London reisen, um dort Angehörige der französischen Opfer des Anschlags zu treffen, wie aus seinem Umfeld verlautete. Unter den sieben Todesopfern ist auch ein Franzose, ein weiterer wird noch vermisst. Der kanadische Premierminister Justin Trudeau erklärte in Ottawa, es gebe auch ein kanadisches Todesopfer. Nach derzeitigen Informationen sind keine Österreicher unter den Opfern.

Augenzeugen berichteten, die Angreifer hätten "Das ist für Allah" gerufen. Acht Minuten nach dem ersten Notruf erschossen Polizisten die drei Männer, die Sprengstoffattrappen trugen. Acht Polizeibeamte hätten die "beispiellose" Zahl von 50 Schüssen auf die drei Angreifer abgegeben, teilte Mark Rowley von der Londoner Polizei mit. Dabei habe auch ein Unbeteiligter eine Schusswunde erlitten.

Rücktrittsforderung

Premierministerin Theresa May kündigte nach einer Sitzung des Sicherheitskabinetts in London neue Anti-Terror-Maßnahmen an, darunter ein entschlosseneres Vorgehen gegen islamistische Propaganda im Internet und härtere Strafen für Terrordelikte.

Der Chef der oppositionellen Labour-Partei, Jeremy Corbyn, hat May indes zum Rücktritt aufgefordert. Wenige Tage vor der britischen Parlamentswahl verwies Corbyn darauf, dass May in ihrer Zeit als Innenministerin mitverantwortlich dafür gewesen sei, dass es heute 20.000 weniger Polizisten gebe als 2010. Nun aber stelle die Premierministerin die geringe Stärke der Sicherheitskräfte als Problem dar. Die Regierungschefin hatte die Vorwürfe bereits mehrmals zurückgewiesen. Die Polizei sei gut für den Anti-Terror-Kampf gerüstet.

Aus Sicht von Londons Polizeichefin Cressida Dick wurde der Anschlag nicht aus dem Ausland gesteuertn. Die jüngsten Anschläge hätten "zweifellos" eine internationale Dimension gehabt, der Schwerpunkt liege aber in Großbritannien selbst, sagte Dick am Sonntag dem Radiosender BBC4.

Weitere Festnahmen

Bei Razzien in den frühen Morgenstunden sind am Montag im Osten von London zudem "mehrere Menschen" festgenommen worden. Anti-Terror-Einheiten hätten dort zwei Immobilien durchsucht. Die Ermittlungen würden liefen weiter, gab die Polizei bekannt. Zuletzt hatte sie von bisher zwölf Festnahmen gesprochen.

Die Wahl für das britische Unterhaus soll wie geplant am Donnerstag stattfinden. Der Wahlkampf wurde zunächst unterbrochen, soll aber am Montag fortgesetzt werden.

Die Polizei kündigte eine erhöhte Polizeipräsenz für London an. Die Behörden schätzten die Gefahr für die nationale Sicherheit weiterhin als "schwerwiegend" ein, sagte May am Montag nach einem Krisentreffen mit Vertretern der wichtigen Sicherheitsbehörden in London. "Das bedeutet, dass ein terroristischer Angriff sehr wahrscheinlich ist."

May nahm am Montag zudem den Wahlkampf wieder auf. "Das Leben unserer Demokratie muss weitergehen", sagte sie. "Die Frage nach Führung war immer im Zentrum dieser Kampagne." Es gehe darum, jemanden zu haben, der die Aufgabe stemmen könne. Sie biete eine "starke und stabile Führung", und die sei heute "wichtiger denn je" – nicht nur mit Blick auf die Terrorbekämpfung, sondern auch bei den bevorstehenden Gesprächen zum geplanten EU-Austritt.

Die Brexit-Verhandlungen sollen nach den Wahlen am Donnerstag beginnen. Wegen des Terroranschlags hatten die großen Parteien am Sonntag vorübergehend den Wahlkampf ausgesetzt. (Reuters, 5.6.2017)

  • Die Ermittlungen nach dem Terroranschlag in London laufen auf Hochtouren. Unterdessen reklamierte der Islamische Staat die Tat für sich.
    foto: ap/alastair grant

    Die Ermittlungen nach dem Terroranschlag in London laufen auf Hochtouren. Unterdessen reklamierte der Islamische Staat die Tat für sich.

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