Eindrücke des London-Korrespondenten: "Wir haben Gin"

4. Juni 2017, 14:47
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Die Londoner beschwören Gleichmut. Aber Premierministerin Theresa May will nach dem dritten Terroranschlag binnen drei Monaten härter auftreten. Ob's am Wahlkampf liegt?

Dass man in London die Terrorwarnstufe "ernst" (severe), nun ja, ernst nahm, erlebte ich am Tag der neuerlichen Attacke hautnah. Ehe ich am Samstag im Bahnhof Euston einen Zug nach Manchester bestieg, kaufte ich mir noch schnell einen Kaffee. Der Tresen des Schnell-Imbiss ist allenfalls drei Meter breit, mein Koffer stand ganz rechts, bezahlen musste ich ganz links. Es waren noch keine fünf Sekunden vergangen, da sprach mich eine Stimme von rechts scharf an: "Sir, ist das Ihr Koffer?" Ein Beamter der Transportpolizei wollte sich "nur rasch vergewissern". Ich bedankte mich freundlich.

In Manchester und der Vorstadt Bury wollte ich überprüfen, wie die Parteien im Schatten des Terrors Wahlkampf machen – und wie die Stadt umgeht mit den Folgen der Attacke, die vor knapp 14 Tagen 22 Menschen tötete und Dutzende teils lebensgefährlich verletzte.

Neuer Ernstfall

Am Sonntagmorgen trete ich vorzeitig die Heimreise an – spät abends am Samstag ist auch in London ein neuer Ernstfall eingetreten: Mit einem Kleinlastwagen fährt ein Islamisten-Trio um 22.08 Uhr auf den breiten Gehsteig der London Bridge, mäht dort reihenweise Passanten um. 200 Meter südlich der Brücke kommt das Gefährt zum Stehen, die drei Täter springen heraus und attackieren mit großen Messern – Zeugen sprechen von bis zu 30 Zentimeter langen Klingen – wahllos Pub-Besucher und Spaziergänger. "Das ist für Allah", rufen sie Zeugen zufolge.

Am Ende sind sieben Menschen tot, dutzende weitere werden mit schweren Stichverletzungen in die Spitäler transportiert. Es dauert genau acht Minuten, darauf ist der zuständige Antiterror-Einsatzleiter Mark Rowley später zu Recht ein wenig stolz, bis eine Einheit des bewaffneten Spezialkommandos vor Ort ist. Mehrere Feuerstöße aus ihren Maschinenpistolen machen dem Gemetzel ein Ende, alle drei Terroristen werden getötet. Ein Foto vor dem "Wheatsheaf Pub" zeigt später einen der Täter: Er und seine Komplizen tragen gut sichtbar mehrere Metallkartuschen am Bauch, wollten also zusätzliche Panik verursachen. Die Suizid-Westen stellen sich später als Fake heraus.

Stinkefinger dem Terrorismus

Mehrere Stunden sind normale Kriminalpolizei und bewaffnete Einheiten in der Nacht zum Sonntag damit beschäftigt, die Tatorte und die Umgebung zu sichern. In den Krankenhäusern der Umgebung kämpfen die Operationsteams um die Leben der Schwerverletzten. Premierministerin Theresa May und Oppositionsführer Jeremy Corbyn einigen sich erneut, wie schon nach Manchester, auf eine eintägige Pause der Wahlkampagne.

Gleichzeitig beginnt auf den sozialen Medien die fröhliche Kampagne jener, die dem islamistischen Terrorismus auf ihre sehr britische Weise den Stinkefinger zeigen. "2 Uhr morgens. Wir sind immer noch zu unserer eigenen Sicherheit eingesperrt. Immer noch spielt Madonnas 'Like a prayer'. Wir sind sicher. Wir haben Gin", lautet der Bericht eines 35-Jährigen, der mit seinen Freunden in einem Pub am Borough Market feststeckt.

"Wir haben Gin"

"Verschüttet keinen Tropfen"

Ein anderer verbreitet ein Foto fliehender Samstagabend-Trinker. Am Rande des Bildes trägt ein junger Mann sein halbgefülltes Bierglas mit sich und, lautet der bewundernde Kommentar, "verschüttet keinen Tropfen. Gott segne die Briten."

"Verschüttet keinen Tropfen"

"Blitz-Spirit"

Natürlich darf auch eine Anspielung auf den Zweiten Weltkrieg nicht fehlen. Das am Sonntag auf Twitter und Facebook weit gestreute Foto zeigt eine junge Londonerin, die auf den Trümmern ihres Hauses eine Tasse Tee trinkt. Den "Blitz-Spirit" beschwören die Hauptstädter routinemässig immer dann, wenn ihre Stadt von Bomben und Gewalt bedroht ist. Und tatsächlich hat die Bedrohung auch diesmal wieder anrührende Gesten der Solidarität gezeitigt: Verängstigten Touristen boten Einheimische ein Nachtquartier, Taxifahrer fuhren schockierte Augenzeugen kostenlos nach Hause.

"Blitz-Spirit"

"Geist von Manchester"

Das erinnert an die Geschehnisse in Manchester in der Mai-Nacht, als Selbstmord-Islamist Salman Amedi nach dem Konzert von US-Popstar Ariana Grande im Foyer der Arena-Konzerthalle seine Bombe zündete und 22 Menschen, überwiegend junge Mädchen und deren Eltern, in den Tod riss. In den Tagen danach war viel vom "Geist von Manchester" die Rede, vom Zusammenstehen der unterschiedlichen Glaubensrichtungen und Ethnien, von den kleinen Gesten der Nachbarschaftshilfe.

An diesem Sonntagabend tritt Ariana Grande erneut in Manchester auf, auch andere Pop-Größen haben ihr Kommen angesagt. Der Gig "One Love" soll zur Heilung und Versöhnung der Stadt beitragen, der Erlös kommt den Terror-Opfern zugute. Sämtliche 14.200 Inhaber von Tickets für Grandes so schrecklich beendeten Auftritt konnten sich für kostenlose Eintrittskarten bewerben. Binnen einer Stunde war das Konzert ausverkauft. Um Gratis-Tickets beworben hatten sich, wie der Veranstalter kühl mitteilte, insgesamt 25.000 Personen – es gibt also auch den Geist der betrügerischen Geschäftstüchtigkeit von Manchester.

"Genug ist genug"

Business as usual. Den alten Slogan hatten Politiker, angefangen bei Premierministerin Theresa May, nach der Terrorattacke auf der Westminster Bridge im März häufig bemüht: Großbritannien und seine Hauptstadt sollten sich von Terroristen nicht den Alltag beeinträchtigen lassen. Der Grundsatz gilt auch an diesem Sonntag noch. Aber "business as usual" gehört nicht zu den Worten, die May in ihrer Ansprache vor der Downing Street benutzt. Im Gegenteil: "Genug ist genug", sagt die erkennbar zornige Regierungschefin. Im Umgang mit Extremismus und Terrorismus "müssen sich die Dinge verändern". Es gebe "viel zu viel Toleranz" gegenüber Extremisten auf der Insel, sagt May und kündigt "schwierige und oftmals peinliche Gespräche" an.

Ob damit die (fast immer männlichen) Sprecher muslimischer Gruppen gemeint sind, die sich der Präventionsstrategie (Prevent) der Regierung verweigern? Oder Labour-Politiker wie Manchesters Bürgermeister Andrew Burnham, der Prevent gar als "vergiftend" beschrieben hat? Einzelheiten bleibt May schuldig. Politische Gegner bezichtigen die zuletzt panisch wirkende Premierministerin, sie benutze die eintägige Wahlkampfpause zum Vorteil ihrer konservativen Partei. (Sebastian Borger aus London, 4.6.2017)

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