Mordversuch an Tschetschenen in Kiew mit Bezug zu Wiener Mordfall

4. Juni 2017, 14:00
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Mutmaßlicher Täter bedrohte den 2009 in Wien ermordeten Kadyrow-Kritiker Israilow

Kiew/Wien – Der in der Ukraine prominente Tschetschene Adam Osmajew, der in vergangenen Jahren gegen pro-russische Einheiten im Osten des Landes kämpfte, hat am Donnerstag einen Mordanschlag in Kiew nur knapp überlebt. Osmajews ebenfalls kriegserfahrene Gattin konnte den mutmaßlichen Täter Artur K. niederstrecken, der seinerseits im Zusammenhang mit dem Wiener Mordfall Umar Israilow von 2009 bekannt ist.

Der Täter hatte sich gegenüber den in der Ukraine lebenden Tschetschenen Adam Osmajew und seiner Gattin Amina Okujewa als Ausländer und Vertreter eines Journalisten der Pariser Tageszeitung "Le Monde" ausgegeben. Beim vierten Treffen im Zusammenhang mit einem angeblich geplanten Dokumentarfilm griff er am 1. Juni unerwartet zu einer versteckten Pistole der Marke Glock, eröffnete das Feuer und traf Osmajew mehrmals. Doch dessen Gattin Amina Okujewa trug ebenfalls eine Handfeuerwaffe – sie schoss zurück und rette ihrem Mann damit wahrscheinlich das Leben: Sowohl Osmajew, als auch der angebliche Journalistenvertreter wurden schwer verletzt in ein Kiewer Krankenhaus eingeliefert.

Drei Jahre U-Haft

Seit ihrem militärischen Engagement in der Ostukraine, wo Osmajew zuletzt ein tschetschenisches Freiwilligenbataillon befehligte und Okujewa in einer Sondereinheit des ukrainischen Innenministeriums kämpfte, zählt das fotogene Ehepaar zu den bekanntesten Tschetschenen der Ukraine.

Der 36-jährige Osmajew, der aus einer wohlhabenden Familie in Grosny stammt und in Moskau sowie in Großbritannien studierte, hatte bereits 2012 Schlagzeilen geschrieben: Nachdem er von einer ukrainischen Sondereinsatzeinheit in Odessa verhaftet worden war, hatte das russische Staatsfernsehen wenige Tage vor den Präsidentschaftswahlen im März 2012 ein Verhör mit Osmajew ausgestrahlt, in dem dieser gestand, ein Attentat auf Wladimir Putin zu planen.

Osmajews Anwälte legten gegen eine Auslieferung nach Russland erfolgreich Rechtsmittel ein. Nach knapp drei Jahren Untersuchungshaft in der Ukraine wurde er schließlich im November 2014 wegen unerlaubten Waffenbesitzes in Odessa zu einer Haftstrafe in Länge der abgesessenen Untersuchungshaft verurteilt und freigelassen. In Folge zog der Tschetschene auf ukrainischer Seite in den Krieg im Osten des Landes.

Israilow-Mordfall

Aus österreichischer Perspektive ist vor allem die Identität des mutmaßlichen Attentäters interessant, bei dem ein ukrainischer Reisepass mit falschem Namen gefunden wurde. Der ukrainische Parlamentarier Anton Geraschtschenko, ein Berater von Innenminister Arsen Awakow, bestätigte gegenüber der APA Medienberichte, wonach es sich beim Schützen um Artur K. handle. "Ja, er ist es ganz sicher", sagte Geraschtschenko in einem Telefonat am Samstagabend und kündigte an, dass sich ukrainische Strafverfolger in diesem Fall um Rechtshilfe aus Österreich bemühen würden.

Artur K. ist in Österreich aus Ermittlungen zu einem spektakulären Mordfall bekannt. Umar Israilow, ein ehemaliger Leibwächter von Tschetscheniens Präsident Ramsan Kadyrow, war im Jänner 2009 in Wien erschossen worden. Der gebürtige Tschetschene K., der damals in St. Petersburg lebte, war zuvor im Sommer 2008 nach Österreich gekommen und hatte vergeblich versucht, Israilow zur Heimkehr nach Tschetschenien und Rücknahme einer Klage gegen Kadyrow beim Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte zu bewegen. Beim Wiener Landesamt für Verfassungsschutz und Terrorismusbekämpfung (LVT) wurden K.s Handlungen damals als Nötigung qualifiziert. Die Staatsanwaltschaft Wien verzichtete jedoch auf die Einleitung eines Ermittlungsverfahrens und K. wurde Ende Juni 2008 nach Moskau abgeschoben.

Zeugenaussage als "Fälschung"

Vor seiner Abschiebung hatte K. in einer freiwilligen Zeugenaussage gegenüber dem LVT Wien erklärt, im Auftrag von Ramsan Kadyrow und dessen rechter Hand Magomed Daudow alias "Lord" tätig zu sein. Wenige Monate später und kurz nach der Ermordung von Israilow sagte er dann jedoch der Moskauer "Nowaja Gaseta" , dass diese Zeugenaussage eine Fälschung österreichischer Behörden wäre.

Nachdem K. im Anfangsstadium der Ermittlungen im Mordfall Israilow als möglicher Mittäter gegolten hatte, konnten diese Verdachtsmomente im Laufe der Ermittlungen laut der APA vorliegenden Gerichtsakten jedoch nicht weiter erhärtet werden. Auch von Besuchen K.s in Österreich nach 2008 ist in der tschetschenischen Community in Wien nichts bekannt.

Ein österreichischer Gesprächspartner, der K. 2008 in Wien getroffen hatte, verwies am Samstagabend gegenüber der APA auf die Sprachbegabung und schauspielerischen Fertigkeiten des nunmehr verdächtigen Attentäters, die K. auch bei seiner aktuellen Mission in der Ukraine sichtlich einsetzen konnte. Nach Angaben von Anton Geraschtschenko hat K. seit 2016 nicht nur ukrainische Journalisten, sondern auch hochrangige Politiker wie den berüchtigten Rechtspopulisten Oleg Ljaschko getroffen. Stets konnte er sich dabei erfolgreich als Vertreter westeuropäischer Journalisten ausgeben. Dass K. gegenüber den Tschetschenen Osmajew und Okujewa zudem seine eigene tschetschenische Herkunft in vier Treffen verbergen konnte, dürfte als weiteres Indiz für seine Fähigkeiten gelten. (APA, 4.6.2017)

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