Schlagerrevue auf der Drau: Franzobels "Ich Zarah"

    3. Juni 2017, 12:00
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    In Form einer geträumten Zeitreise, die eine zweistündige Schifffahrt lang dauert, spürt die Neue Bühne Villach auf der Drau dem Phänomen der letzten Diva des 20. Jahrhunderts nach

    Villach – Im Aufstieg der Chansonette Zarah Leander zur gefeierten "Nazisirene" liegt einige Ironie. Die dunkelrothaarige Schwedin passte so gar nicht in das ab 1933 im "Tausendjährigen Reich" herrschende Bild der "deutschen Frau". Und die Schmiede ihrer größten Erfolge waren der homosexuelle Texter Bruno Balz und der polnische Jude Michael Jary, der unter seinem Geburtsnamen Maximilian Michael Jarczyk als "Kulturbolschewist" (Paul Graener) gebrandmarkt war.

    Die Not der Babelsberger Ufa, die Marlene Dietrich an Hollywood verloren hatte, ließ den Reichspropagandaminister Joseph Goebbels allerdings über all dies hinwegsehen. Und Zarah Leander bedankte sich dafür, indem sie von den Verbrechen des NS-Regimes ablenkte, um mit ihrem vibrierenden Kontra-Alt von der Liebe zu singen.

    Geträumte Zeitreise

    In Form einer geträumten Zeitreise, die eine zweistündige Schifffahrt lang dauert, spürt die Neue Bühne Villach diesen Sommer auf der Drau dem Phänomen der letzten Diva des 20. Jahrhunderts anhand von Franzobels dialogisch erweiterter Schlagerrevue Ich Zarah nach. In der durchdachten Inszenierung Christine Wipplingers opfert Isabella Weitz als Protagonistin ihre moralische Integrität der Karriere.

    In Persianermantel und über dem hell geschminkten Gesicht ein Haarnetz, damit die Perücke sitzt – ein Clown ihrer Kunst. Obschon in weit höherer Stimmlage, macht die Schauspieler-Sängerin geschickt den eigenartigen Sog nachvollziehbar, der von den gefühlsüberladenen Schmachtfetzen heute noch ausgeht. Über das starke Selbstbewusstsein der Frau vergisst man, dass es sich auch dem Umstand verdankt, dass Balz den Großteil der Lieder aus einem Verhältnis zwischen Mann und Mann empfunden hat.

    Wissen und Gewissen von Heute

    Ambroz Tot aus Laibach untermalt am Klavier den Abend, den Andrea Pörtsch, Clemens Matzka und Frankie Feutl in den Zwischenszenen humorvoll bereichern. Helmuth Häusler hat es als Lazarus am schwierigsten. Er muss die Akteure der Vergangenheit recht undankbar mit dem Wissen und Gewissen von Heute konfrontieren. Kein Wunder, dass er dreimal in Ohnmacht fällt. (Michael Cerha, 3.6.2017)

    Nächste Termine: 6. bis 11., 13. bis 17. 6.

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    Neue Bühne Villach

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