Kampf um die letzte Bastion des Onlinehandels

3. Juni 2017, 09:00
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Die Zustellung von Lebensmitteln ist ein Tummelplatz für Pioniere. Amazon Fresh lässt die Nerven großer Supermärkte flattern

Wien – Zuper wollte das Amazon der Supermärkte werden. Ziel war es, unter den Ersten zu sein, die online bestellte Lebensmittel vor die Haustür der Österreicher liefern. Das Abenteuer endete nach zwei Jahren. Heute erinnert nur noch ein einsamer Schriftzug auf einer sonst leeren Homepage an das ambitionierte Start-up. Zuper habe gegen die Konkurrenz der Webshops finanzstarker Handelsketten keine Chance gehabt, zieht Gründer David Savasci Bilanz. "Der Druck war zu groß, wir konnten uns nicht durchsetzen."

An mit Erfolg gesegneten Vorbildern bestand kein Mangel. Da ist etwa der Lebensmittelzusteller Instacart: Der US-Konzern startete 2012. Er heuert Privatpersonen an, um für andere zu shoppen, ist mittlerweile in 1200 Städten vertreten und gut 3,4 Milliarden Dollar schwer. Zuper jedoch fand sich im deutschsprachigen Raum letztlich in einer Riege von Namen wie Shopwings, Froodies oder Supermarkt.de wieder: Ihnen allen ging im Wettlauf um die letzte Bastion des E-Commerce die Luft aus.

Bis Amazon Fresh nach seinem Einstieg in Berlin auch im Wiener Lebensmittelmarkt mitmischt, ist es für Savasci, der sein mit Zuper gesammeltes Know-how nun als selbstständiger Berater nutzt, nur eine Frage der Zeit. Der Onlineriese werde mit stationären Partnern eine Stadt nach der anderen aufrollen, glaubt er, und Österreichs Supermärkte seien dagegen beileibe noch nicht gewappnet. Savasci bezweifelt auch, dass sich die Diskonter Hofer und Lidl dem Thema auf Dauer entziehen. "Hier geht es nur ums richtige Timing."

Letzte Meile zum Kunden

So viele sie suchen – die Lösung für die letzte Meile zum Kunden hat bei Nahrungsmitteln noch keiner gefunden. "Und das macht das Ganze ja auch so spannend", sagt Umut Kivrak. Er selbst ist mit seinem Wiener Start-up Yipbee mittendrin im Getümmel.

Der kleine Betrieb kauft für Endverbraucher, die via Web ordern, bei Metro ein, die sonst nur für Gewerbekunden zugänglich ist. Neuer Partner ist Bellaflora: Ab Sommer werden ihre Pflanzen zugestellt. Seit kurzem beliefert Yipbee auch deutsche Kunden.

Im kommenden halben Jahr soll zudem der Sprung nach Ungarn, Polen und in die Slowakei gelingen. Für die dafür nötigen Investitionen holte sich Kivrak osteuropäische Kapitalgeber. "Wir haben ein Jahr lang auf den Deal hingearbeitet und sind jetzt für die nächsten zwei Jahre finanziell abgesichert." Yipbee ist stets bei Metro eingemietet und hat dort Zugriff aufs Warenlager. Zugestellt wird in Österreich primär über die Post, in Deutschland via GLS. Im März gelang der Turnaround. Die Zeit, in der sich Kivrak, der zuvor andere Unternehmen auf die Beine stellte, selbst kein Gehalt erlaubte, sollte damit vorbei sein.

Seine 18 Mitstreiter und er haben die DNA von Ratten, sinniert er, "diese schaffen es meist immer, irgendwie zu überleben". Dass so manch Mitbewerber aufgab, wundert ihn nicht. "Viele kommen aus dem digitalen Bereich und unterschätzen die Komplexität." Es gelte Kühlketten ebenso zu beherrschen wie Allergene, Reklamationen und Preispolitik. "Konsumenten sind bei Lebensmitteln penibel, und der nächste Supermarkt ist nur wenige Minuten entfernt."

Brücke zu kleinen Betrieben

Kivraks Nische ist die Brücke zwischen Großhandel und Privatkunde. Rainer Neuwirths Spezialität ist es, regionale und bäuerliche Erzeuger mit Kunden zu vernetzen. Über seine Plattform myProduct.at suchen 7000 Produkte, von Lebensmitteln bis zu Zirbenbrotdosen und Bambusfahrradln den Weg vor die Haustür der Österreicher. Noch sei es ein zartes Pflänzchen, sagt der Waldviertler Großhändler Christof Kastner, der an myProduct.at zu 55 Prozent beteiligt ist, "wir sind damit jedoch nicht kopierbar, und der Umsatz hat sich zuletzt verdoppelt."

Einer von 20 Partnern, für die Neuwirth mit fünf Kollegen Webhops betreibt, ist die AUA, über deren Homepage sich Produkte mit Österreich-Konnex international beziehen lassen. Seit Donnerstag ist Bezahlung auch über die Onlinewährung Bitcoin möglich.

Kastner geht davon aus, dass Amazon den Lebensmittelhandel kräftig durchbeuteln wird. "Amazon kann quer subventionieren – das macht es für alle Branchen gefährlich." Dass der Konzern in Österreich jedoch abseits von Wien auch den ländlichen Raum anvisiert, hält er für wenig realistisch. (Verena Kainrath, 3.6.2017)

  • Lebensmittel online bestellen und sich vor die Haustür liefern lassen: Klingt simpel, ist hochkomplex.
    foto: reuters

    Lebensmittel online bestellen und sich vor die Haustür liefern lassen: Klingt simpel, ist hochkomplex.

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    foto: reuters/ralph d. freso/file photo
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