Mythomanie: Vom Reiz des Lügens und Hochstapelns

2. Juni 2017, 21:16
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Manche Menschen erfinden ihren Lebenslauf neu – wie der Schriftsteller Karl May. Doch der Hang, Erfundenes für wahr zu halten, ist auch gefährlich.

Manche der erfundenen Lebensgeschichten erscheinen höchst plausibel. Andere finden Zuhörer, die bereit sind, zu glauben: an besondere Qualifikationen zum Beispiel. Weitere Geschichten erregen Misstrauen. Man kann davon ausgehen, dass dies schlechter konstruierte Storys sind, sei es wegen überbordender Fantasie oder aus unbewusstem Antrieb, wobei hier meist eines ins andere hineinwirkt.

Die Rede ist von Scheinidentitäten, Lebensläufen ohne Bodenhaftung – sowie dramatischen, überzeugend geschilderten, aber erfundenen Begebenheiten. Der psychiatrische Begriff dafür lautet Pseudologie, abgeleitet von Anton Delbrücks (1862-1944) Konzept der Pseudologia phantastica, des krankhaften Verlangens, zu lügen. Bekannt ist auch der Ausdruck "Mythomanie", wobei deren krasse Formen im Dienste der Hochstapelei stehen. Sie setzen kriminelle Energie voraus, verändern das Leben ihres Erfinders. Sie schaffen neue Realitäten und erscheinen somit als wahr.

Von Beruf Briefträger

Es sei denn, man deckt sie auf: Gert Postel, heute 58 Jahre alt, war ursprünglich Briefträger. Nach seinem Auszug von daheim erfand er sich als Akademiker und Arzt neu. Mit gefälschten Papieren – einem Fake-Ausweis der Zahnärztekammer, einer ebensolchen ärztlichen Approbationsurkunde und Ähnlichem – wurde er mindestens sechsmal an verschiedenen deutschen Kliniken als Psychiater angestellt.

1999 wurde er, nach mehrfacher Entlarvung als falscher Doktor, schließlich zu vier Jahren Haft verurteilt. Im Gefängnis schrieb er seine Autobiografie. Das Vorwort zu dem Buch (Doktorspiele – Geständnisse eines Hochstaplers) verfasste ein "Dr. Gerd von Berg". Wie sich später herausstellte, war das Postel selbst. In der Folge wurde sein Leben mehrfach verfilmt.

"Sucht" zur Verfälschung

Die Frage, ob Postels Hochstapeleien eine Persönlichkeitsstörung zugrunde lag, wurde vor Gericht ausführlich erläutert. Ein Gutachter sprach von einer "Sucht" zur Verfälschung. Auf alle Fälle aber ging der gebürtige Bremer dabei höchst komplex und intelligent vor: So erkundigte er sich als angeblicher Staatsanwalt über den Stand der Ermittlungen in seinem eigenen Fall – und erhielt Auskunft.

Diese manipulative Cleverness dürfte Postel von einem weiteren historischen Pseudologen und Mythomanen unterscheiden: dem aus einer armen Weberfamilie stammenden deutschen Schriftsteller und Verfasser von Abenteuerromanen Karl May (1842- 1912). Schilderungen zufolge war er seinen Fantasien und Scheinidentitäten weit stärker ausgeliefert. Er konnte Fiktion und Realität zeitweise nicht unterscheiden.

Karl May, Held seiner selbst

Nach seinem Durchbruch als Schriftsteller 1892 mit den Gesammelten Reiseerzählungen identifizierte sich May mit seinem erfundenen Helden Old Shatterhand, ließ sich dessen Waffen und Kleidung anfertigen. Seine Verleger förderten dies, indem sie Leserbriefe in Old Shatterhands Namen beantworteten. In der Folge tat das auch der Autor selbst.

Damit hatte May wohl eines von drei Kriterien für eine krankheitswertige Pseudologie erfüllt. Er habe Fantasiertes subjektiv als wahr erlebt, sagt Alfred Pritz, Psychoanalytiker und Gründungsrektor der Sigmund-Freud-Privatuniversät in Wien. Pathologisch werde die Sache darüber hinaus auch, wenn der Betroffene den Bezug zur übrigen Realität verliere oder wenn andere Personen wegen des Lügengespinstes leiden müssten.

Fließende Übergänge

Doch die Übergänge seien fließend, pseudologe Befindlichkeiten weitverbreitet. Jede Depression, so Pritz, gehe mit einer Neuinterpretation des eigenen Lebenslaufs und einer neuen autobiografischen Sichtweise einher: "Positive Erinnerungen sind dann nicht mehr spürbar. Man fantasiert sich als besonders schwach: eine Umdeutung."

Und was das Leidenlassen anderer angehe: Vor allem in Gestalt erfundener Begebenheiten könnten Pseudologien höchst destruktiv wirken, sagt Pritz. Das treffe Einzelne ebenso wie ganze Gruppen: Vom konkreten Beispiel eines "deutschen Lehrers, der nach falschen Beschuldigungen, Schüler verführt zu haben, mehrere Jahre unschuldig im Gefängnis saß", hin zu den seit vielen Jahrhunderten verbreiteten "bösen Gerüchten über Juden, die sich am Hartnäckigsten dort halten, wo man Juden persönlich gar nicht kennt", ziehe sich ein roter Faden.

Dieser bestehe aus den "mythomanen Tendenzen der Gesellschaft", die sich laut Pritz in den vergangenen Jahren verstärkt haben: "Je vulnerabler ein Mensch oder eine Gemeinschaft ist oder sich fühlt, umso anfälliger ist er oder sie für Storys, die der Wahrheit nicht entsprechen", sagt er. (Irene Brickner, 3.6.2017)


  • Karl May kostümiert als Old Shatterhand.
    foto: imago/teutopress

    Karl May kostümiert als Old Shatterhand.

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