Wahrheit und Lüge in den ersten Zeitungen

7. Juni 2017, 11:00
27 Postings

Die ersten periodischen Zeitungen hatten den Anspruch, kommentarlos Neuigkeiten weiterzugeben. Fehlerlos waren die Berichte deswegen nicht. Über die ersten "Wahrheitsberichter"

Am Anfang stand natürlich Gutenberg. Rund 150 Jahre später druckte Johann Carolus in Straßburg die erste periodische Zeitung. Seine Relation aller Fürnemmen und gedenckwürdigen Historien erschien erstmals im September 1605. Carolus, Pfarrerssohn aus Mühlbach im elsässischen Münstertal, und seine Zeitgenossen hatten gewiss noch kein journalistisches Selbstverständnis, sie waren Geschäftsmänner.

Die ersten Nachrichtenschreiber oder "Novellanten", wie die Selbstbezeichnung lautete, wollten die Neuigkeiten, so wie sie zu ihnen gelangt sind, weitergeben. Kommentare oder eine wertende Reihung gab es nicht: "Das ist ein unausgesprochenes Ethos, den sie entwickeln. Kommentare verfälschen Nachrichten, und sie verstehen sich als 'Wahrheitsberichter'. Man spricht von der Subjektlosigkeit der Zeitung", erklärt Daniel Bellingradt, Juniorprofessor für Buchwissenschaft und historische Kommunikationsforschung an der Uni Erlangen-Nürnberg. Es gibt auch keine redaktionelle Auswahl. Carolus gibt alles weiter "auff das trewlichst", so wie er es bekommen hat. Wenn die anfangs vier bis acht Seiten umfassende Relation voll ist, druckt er.

Postkutsche als Taktgeber

Inhalt und Erscheinungsintervall der ersten Zeitungen sind durch die Frequenz der Postkutschen bedingt. Sie bringen die Avisen aus den an den Kutschenrouten liegenden Städten. Gedruckt wurde eine Mischung aus Beobachtungen aus Herrschaftshäusern, Berichte von Konflikten und Kriegsmeldungen. Wichtig waren auch Zusammenhänge wirtschaftlicher Natur, denn die ersten Abonnenten waren Kaufmänner, die erfahren wollten, ob sich Lieferrouten wegen kriegerischer Auseinandersetzungen änderten. Carolus kannte seine Leser wohl anfangs sehr genau, denn als er um eine Monopollizenz für seine Zeitung ansucht, schreibt er, dass er bereits an "ettlichen herren umb ein gewisß jahrgelt" einmal die Woche zustelle.

Neben Wirtschafts- und Kriegsmeldungen gab es auch Skurriles: "Rund zehn Prozent der Nachrichten handelten von Seemonstern oder von wilden Völkern", sagt Bellingradt. Die seriösen Zeitungen, wie sie Carolus druckte, sind von den einmaligen Druckwerken zu unterschieden. Das waren oft "gräuliche, erschreckliche Zeitungen", die von Hexen, allerlei Plagen und Missgeburten berichteten. Die Autoren dieser Zeitungen blieben meist anonym.

Die ersten seriösen Macher der periodischen Zeitungen konnten ihren Wahrheitsanspruch nicht verwirklichen und ihre Quellen nicht verifizieren. Mit dieser Schwierigkeit gehen sie aber ganz offensiv um: Carolus wendet sich in seiner Zeitung direkt an den Leser: Man möge ihm die "Ungleichheiten" in seiner Zeitung verzeihen, denn er könne die Nachrichten aus Zeitmangel nicht genug prüfen, er entschuldigt sich für falsche Namen oder Ortsangaben, Fehler, die häufig vorkamen. Da es in den ersten Druckwerken kein Impressum gab, gab es auch keine Leserreaktionen. Ob ihre Zeitungen Anklang fanden, merkten die Verleger an den Abonnentenzahlen – die eigene Reputation war enorm wichtig.

Zusammen mit den ersten Periodika kam auch die sogenannte Zeitungsdebatte auf. Theologen, Dichter und Rechtswissenschafter diskutieren, ob die weltlichen und religiösen Herrschaftsinstanzen durch das neue Medium bedroht sind. Im 17. Jahrhundert unterhalten sich Theologen und Rechtsgelehrte in Dissertationen und Monografien darüber, wer überhaupt Zeitungen lesen darf. "Es geht um den Wert und die Gefahren des Zeitungslesens", erklärt Daniel Bellingradt. Das Thema der Debatte ist aber auch die Wahrheitsproblematik: Zeitungsmachern wird von Anfang an vorgeworfen, Lügen und Verleumdungen zu verbreiten. (Olivera Stajic, 7.6.2017)

    Share if you care.