"Old Boys" des New Journalism: Zweimal Wahrheitsfindung

10. Juni 2017, 18:00
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Tom Wolfe und Gay Talese haben jeweils ein aktuelles – und sehr streitbares – Buch geschrieben

Tom Wolfe und Gay Talese haben einiges gemeinsam. Sie sind ungefähr gleich alt, Mitte 80, haben als Journalisten begonnen und sind Bestsellerautoren geworden. Sie wohnen auf Manhattans schicker Upper East Side und sind für ihre maßgeschneiderten Anzüge und kecken Hüte bekannt. Vor allem aber gelten sie als Pioniere des New Journalism, der literarischen Reportage, die sich durch Freiheiten wie innere Monologe oder Perspektivenwechsel auszeichnet.

Neue Bücher der beiden sind letzten Sommer in den USA und in diesem Frühjahr auf Deutsch erschienen, Wolfes Das Königreich der Sprache und Taleses Der Voyeur. Die Verwendung der ersten Person – auch das eine Besonderheit des New Journalism – zeigt sich bereits am jeweiligen Beginn. "Eines schönen Abends im Jahr 2016 surfte ich im Netz (...), als ich auf einen Webknoten stieß und las: The mystery of language evolution", heißt es bei Wolfe, und bei seinem Kollegen: "Ich kenne einen verheirateten Mann und zweifachen Vater, der vor vielen Jahren ein Motel (...) kaufte, um dort seine voyeuristische Neigung auszuleben." Während der eine Grundannahmen der Evolutionstheorie hinterfragt, verfolgt der andere eine lange geheim gehaltene, sehr persönliche Geschichte. Beide haben von der Kritik ihr Fett abbekommen.

In seinem Königreich verfolgt Wolfe mehrere Ziele. Er will zeigen, dass der Darwinismus zumindest teilweise eine intellektuelle Mode einer aufgeklärten Minderheit war, die sich "weit über der muhenden Herde tief unter ihr" dünkte. Darwins Theorie stehe auf nicht ganz festen Füßen. Insbesondere den Spracherwerb hätte sie nie befriedigend erklären können. In einem zweiten Teil argumentiert Wolfe, dass auch der Linguist Noam Chomsky mit der "universellen Grammatik" und einer "angeborenen Sprachfähigkeit" empirisch nicht überprüfbare Dogmen geschaffen habe. Den großen Autoritäten stellt Wolfe Underdogs gegenüber, die gegen die begeisterten Jünger Darwins und die Brüderschaft der Chomsky-Schule keine Chance gehabt hätten.

Sprache, was ist das?

Es macht dem Autor Freude, die wissenschaftlichen Auseinandersetzungen vor allem als Statuskämpfe darzustellen, insbesondere den Ikonen einer modernen Weltanschauung eins auszuwischen. So wie er einmal den New Yorker Kunstbetrieb als Diktat einiger Kritiker karikierte und sich darüber lustig machte, dass "Mieslinge" über die Einhaltung der Jalousienhöhe in Bauten von Mies van der Rohe wachten, so beschreibt er hier die Verteidiger des Linguisten als "Wahrheitskommandos" und nennt ihn "Noam Charisma". Dies besonders gerne, weil er damit auch eine Leitfigur der Linken treffen kann.

"Sprache – was ist das?" Niemand scheint das beantworten zu können. Gegen Ende aber fällt es Wolfe "wie Schuppen von den Augen, (...) weil es so ungemein klar auf der Hand liegt": Die Sprache ist eine Waffe, die den Menschen vom Tier trennt, ein Artefakt, ein Werkzeug! Nix Evolution! Das klingt zu gut, um nicht schon lange erwogen worden zu sein. Der Statusvermesser Wolfe dürfte aus dem komplexen Gebäude der Entwicklungslehre die ihm passenden Ziegel herausgeholt und damit zugeschlagen haben. Das jedenfalls halten ihm Fachleute in zahlreichen Kritiken vor, die nicht unbedingt irgendwelchen Wahrheitskommandos angehören.

Um Wahrheitsfindung geht es auch bei Gay Talese, und um Sex, ein Thema, das er bereits 1981 in seinem Bestseller Thy Neighbor's Wife mit viel teilnehmender Beobachtung und beobachtender Teilnahme behandelt hat. Das war auch der Grund, warum Gerald Foos, ein Motelbesitzer aus Colorado, ihm einen Brief schrieb: Er habe seine Herberge so modifiziert, dass er ungestört die Gäste von oben beobachten kann, und er tue das seit Jahren. Was er dabei sehe, habe er in einem Tagebuch festgehalten. Bei Vertraulichkeit könne der Schreiber aus New York alles einsehen. Ein Spanner also. Talese macht sich auf den ersten Seiten des Voyeurs Gedanken, ob und wie er auf dieses Angebot eingehen soll. Die Neugier siegt. Er reist an und wird zum Mitwisser – und Mitbetrachter.

Das Buch besteht zum Gutteil aus Foos' Tagebuchzitaten, die man je nachdem nur angewidert lesen kann oder mit Staunen darüber, was sich in den Schlafzimmern von Menschen zuträgt, die sich unbeobachtet fühlen. Dazwischen holt Talese wie immer weit aus, lässt sich von Foos erzählen, wie er schon als Kind vom Zuschauen erregt wurde, wie er seine beiden Ehefrauen in seinen Dachzirkus miteinbezogen und Widerwärtigstes und Liebevollstes beobachtet hat, wie er sich als "Sexualforscher" fühlt. Dem Zuhörer wird das zwar zu viel und zu brisant, doch er bleibt dran, bis er von Foos, den er nach dem Verkauf des Motels nochmals besucht, die Erlaubnis zur Veröffentlichung bekommt.

Schon Talese sind technische Ungereimtheiten aufgefallen, den Rezensenten noch weitere. Schwerer wiegt der Vorwurf, dass der Leser zum Komplizen einer problematischen Versuchsanordnung gemacht wird. Foos verweist zwar darauf, dass wir sowieso in einer totalen Überwachungsgesellschaft leben und seine Form der Spionage für die Betroffenen folgenlos geblieben ist (was nicht stimmt), doch das sollte seine Aktivitäten nicht rechtfertigen. Talese lässt es offen. Ein polemisches Buch und ein fragwürdiges. Warum soll man sie lesen? Weil sie einem Futter zum Nachdenken geben, Wolfe provozierend bis ins sprachliche Delirium, Talese nüchterner. Beide können sie verdammt gut schreiben. (Michael Freund, 10.6.2017)

Tom Wolfe, "Das Königreich der Sprache", übersetzt von Yvonne Badal. € 20,60 / 224 Seiten. Blessing, 2017

Gay Talese, "Der Voyeur", übersetzt von Alexander Weber. € 20,60 / 224 Seiten. Hoffmann & Campe, Hamburg 2017

  • Der Autor und Journalist Tom Wolfe.
    foto: ap / bebeto matthews

    Der Autor und Journalist Tom Wolfe.

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