Umfrage: Fast die Hälfte will staatliche Richtigstellungen von Falschmeldungen

3. Juni 2017, 17:00
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Staatlichen Verlautbarungen wird nur bedingt geglaubt – Gratiszeitungen, Facebook und Twitter wird am wenigsten geglaubt

Wer weiß schon, ob das alles stimmt, was da Tag für Tag an Nachrichten vermeldet wird! Ob die Fakten stimmen, die man sich ergoogelt hat? Und kann man dem Arbeitgeber trauen, der einem eine glänzende Zukunft im Unternehmen verspricht – oder wird derselbe Arbeitgeber vielleicht schon im nächsten Quartal eine Kündigung aussprechen?

Wer also sagt die Wahrheit? Das Linzer Market-Institut fragte das 800 repräsentativ ausgewählte Wahlberechtigte und ließ sie Schulnoten vergeben – für eine Quelle, der man zutraut, immer die Wahrheit zu sagen, sollte ein Einser vergeben werden, für eine völlig unglaubwürdige Quelle ein Fünfer. Dem eigenen Partner oder der Partnerin gaben 48 Prozent der Befragten die Note "sehr gut" und keiner ein "nicht genügend", Notenschnitt 1,7. Ähnlich ist das Vertrauen in die Wahrheitsliebe der Eltern (1,86).

Arbeitskollegen (2,81) und der Arbeitgeber schneiden als Informationsquelle schon deutlich schlechter ab.

Im Buch liegt die Wahrheit

Aber eine Quelle sticht das Arbeitsumfeld aus: 27 Prozent halten Sachbücher für eine sehr gute Quelle der Wahrheit, weitere 56 Prozent vergeben einen Zweier. Damit kommt das Buch auf eine Durchschnittsnote von 1,94 und genießt damit fast so viel Glaubwürdigkeit wie die eigene Familie.

"Die Daten zeigen, dass das Sachbuch ein Medium ist, dem vor allem junge und hochgebildete Befragte die Bestnote geben", sagt Market-Chef Werner Beutelmeyer. Für den STANDARD erhob er auch alle möglichen anderen Informationsquellen: "Dem ORF-Radio und dem ORF-Fernsehen sowie den Kaufzeitungen wird nicht viel weniger Wahrheitsliebe zugetraut als den Menschen aus dem täglichen Arbeitsumfeld, da liegen die Durchschnittswerte zwischen 2,88 fürs ORF-Radio und 3,03 für gekaufte Tageszeitungen." Allerdings liegt der Anteil derer, die hier ein glattes "sehr gut" geben, nur noch im einstelligen Bereich.

Freiheitliche misstrauen traditionellen Medien

Auffallend ist, dass diese traditionellen Medien bei erklärten Anhängern der Freiheitlichen durchgängig schlechtere Noten bekommen – "FPÖ-Wähler trauen Büchern und Zeitungen, aber auch dem ORF weniger. Etwa jeder dritte Freiheitliche gibt dem ORF-Fernsehen ein 'nicht genügend'. Dafür geben FPÖ-Anhänger den Informationen, die man über Google findet, etwas bessere Noten als der Rest der Bevölkerung."

Google liegt mit einer Gesamtnote von 3,10 knapp hinter den Kaufzeitungen und knapp vor den Privatradios.

Wenig Vetrauen in Facebook und Twitter

Ganz am Ende des Glaubwürdigkeitsrankings stehen Meldungen auf Facebook (4,11) und auf Twitter (4,0). Gratiszeitungen liegen mit 3,81 nicht viel besser.

Für den STANDARD ging Market auch der Frage nach, was man denn gegen Falschmeldungen tun könnte. "Welcher dieser beiden Meinungen stimmen Sie eher zu? Meinung 1: Eine staatliche Stelle soll den Wahrheitsgehalt von Meldungen, die in Österreich verbreitet werden, kontrollieren und Falschmeldungen richtigstellen. Meinung 2: Es ist nicht Aufgabe des Staates, Falschmeldungen zu kontrollieren."

45 Prozent wünschen Korrektur von Fake-News

So gefragt, sprechen sich immerhin 45 Prozent für eine staatliche Meldungskontrolle beziehungsweise eine offizielle Richtigstellung von Fake-News aus. Junge Befragte tun das mit noch größerer Mehrheit (53 Prozent), auch die städtische Bevölkerung neigt mehr dazu, den Staat Falschmeldungen richtigstellen zu lassen. Der Meinung, dass die Kontrolle von wahr oder falsch keine Aufgabe des Staates sein sollte, schließen sich 41 Prozent an.

Beutelmeyer: "Auffallend ist, dass auch Befragte, die offiziellen Stellungnahmen der Bundesregierung eher schlechte Noten geben, die Erwartung haben, dass der Staat Falschmeldungen glaubwürdig entgegentreten kann und soll." Beutelmeyer spricht von einer Sehnsucht nach Wahrheit bei gleichzeitigem Zweifel, dass man sie erfahren wird.

Wobei er eine ganze Reihe von Situationen zur Auswahl gestellt hat, in denen man sagen würde: "Selbst wenn es wahr ist, will ich es lieber nicht wissen."

Nur 10 Prozent wollen Todesdatum wissen

Ganz oben auf der Liste steht das eigene Todesdatum – von diesem sagen 85 Prozent, dass sie es lieber nicht so genau wissen wollen. Nur jeder Zehnte möchte wissen, wann er oder sie das Zeitliche segnen wird.

Das zweite Tabu: "wenn ich ausgelöst habe, dass jemand Selbstmord begangen hat" – damit würden sich 44 Prozent nicht auseinandersetzen wollen, 32 Prozent würden sich der Situation stellen wollen.

Von einem allfälligen Seitensprung des Partners oder der Partnerin wollen 32 Prozent nichts wissen – eine 58-Prozent-Mehrheit will aber die Wahrheit kennen. Frauen drängen mit 62 Prozent stärker auf die Wahrheit als die Männer (54 Prozent) – und der Wunsch, es genau zu wissen, ist altersabhängig: Je jünger die Befragten sind, desto mehr bestehen sie darauf, im Bilde zu sein.

Wahrheit über Krankheit

Über eine eigene unheilbare Krankheit wollen 69 Prozent Klarheit, über eine unheilbare Krankheit eines Familienmitglieds sogar 80 Prozent. Ebenso hoch ist der Anteil jener, die über einen allenfalls bevorstehenden Krieg Bescheid wissen wollen.

Und wie sieht es umgekehrt mit dem eigenen Umgang mit der Wahrheit aus?

66 Prozent behaupten, dass sie versuchten, selbst immer die Wahrheit zu sagen – besonders Wähler von SPÖ und Grünen sagen das von sich. In vielen Situationen greift man dann doch zur (Not-)Lüge. Etwa um Familienmitglieder zu schützen, was 53 Prozent zugeben – auch jeder Zweite von denen, die sich bemühen, sonst die Wahrheit zu sagen.

Nur ein Drittel glaubt, nicht belogen zu werden

Und andersherum: Nur 33 Prozent geben an, dass ihnen ihre engste Umgebung "fast immer die ungeschminkte Wahrheit" sage. Als besonders skeptisch erweisen sich in diesem Punkt die SPÖ-Anhänger.

Aber was wahr ist, ist ja auch umstritten: Immerhin meinen 64 Prozent, dass Wahrheit etwas Relatives sei und man nicht in allen Fällen klar entscheiden könne, was wahr und was falsch sei.

Jeder 50. leugnet Holocaust

Anhand einer weiteren Liste (in der Grafik dargestellt) zeigt sich, was die Österreicherinnen und Österreicher für wahr halten. 91 Prozent sehen den Judenmord durch die Nazis als wahr an, zwei Prozent halten die Aussage für unwahr. Dass alle Menschen das gleiche Recht auf würdige Behandlung haben, wird sogar von jedem neunten Befragten (darunter viele Freiheitliche) verneint.

Verschwörungstheorien haben eine breite Anhängerschaft. 15 Prozent der Befragten halten es nicht für wahr, dass die Anschläge auf das World Trade Center im Jahr 2001 auf das Konto von Al-Kaida gehen. Ein Drittel der Befragten meint, das Weltgeschehen werde von Geheimbünden gesteuert – von den FPÖ-Wählern hält sogar jeder Zweite diese Aussage für wahr.

Unfaire Wahlen, flache Erde

Dafür sind es besonders die Freiheitlichen, die bezweifeln, dass Wahlen in Österreich fair und ohne Fälschung durchgeführt würden. Allerdings: An faire Wahlen in Russland glauben sie (wie der Rest der Österreicher) auch nicht. Nur 15 Prozent halten die im Zusammenhang mit Flüchtlingsbewegungen genannten Zahlen für wahr. Dafür sind sieben Prozent der Meinung, dass gelegentlich Ufos landen.

Drei Prozent glauben schließlich, die Erde sei eine Scheibe.

Und noch etwas geht aus dieser Umfrage über die Wahrheit hervor: Es gibt die wahre Liebe. 48 Prozent der Befragten sagen, sie hätten sie in ihrem Leben gefunden. (Conrad Seidl, 3.6.2017)

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  • Dieses Bild von Fotokünstler Frank Kunert trägt den Titel "Privatsphähre"
    foto: frank kunert

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