Fälschungsprozess: Dubiose Ermittlungen um elf Picassos

2. Juni 2017, 15:55
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Vier Angeklagte sollen versucht haben, gefälschte Bilder zu verkaufen. Ob die nicht doch echt sind, ist unklar, es gibt kein Gutachten

Korneuburg – Gottes Zorn ist quasi ein Kindergeburtstag im Vergleich zu jenem von Verteidiger Werner Tomanek. "Solche Anklagen sind eine Frechheit!", empört er sich und wirft Staatsanwalt Thomas Ernst auch vor, sie sei "infam". Dieser repliziert nicht weniger emotional: "Wenn Sie der Meinung sind, dass das alles ein Topfen ist, hätten Sie ja Einspruch gegen die Anklage erheben können!"

Der Grund der Gefühlsausbrüche ist der Prozess gegen vier Angeklagte vor einem Korneuburger Schöffensenat unter Vorsitz von Xenia Krapfenbauer. Sie sollen im Juli 2016 versucht haben, in einem Schwechater Flughafenhotel einem verdeckten Ermittler der Polizei elf gefälschte Bilder von Pablo Picasso sowie drei von Emil Nolde zu verkaufen.

Jugoslawische Fälscher?

Nur: Ob die Werke überhaupt Fälschungen sind, ist schwer zu beurteilen. Es gibt nämlich kein Sachverständigengutachten, ob sie schon Anfang des 20. Jahrhunderts gemalt wurden oder erst nach dem Zweiten Weltkrieg von staatlichen jugoslawischen Fälschern, wie der Ankläger vermutet.

Tomanek zürnt darob weiter: "Die Anklage stützt sich auf ein Schrifterl von der Polizei!", sagt er und zieht die Vereinbarkeit von Kunstsinnigkeit und Exekutivdienst in Zweifel: "Polizei und Kunst in einem Satz zu nennen ist pfiffig. Und selten."

Andererseits gibt es auch ein Schreiben der Picasso Foundation in Paris, in dem die Erben "nicht bestätigen können", dass der Spanier die Bilder produziert hat. Allerdings stützt sich diese Einschätzung nur auf übermittelte Fotos, nicht auf die Werke selbst. Und, wie Tomanek kritisch anmerkt: Die Foundation, die den Erben Picassos gehört, habe ein Interesse daran, möglichst wenige Arbeiten ihrem Ahnen zuzuschreiben, da das die Preisentwicklung stören könnte.

Sammlung als Erbe Titos

Zunächst versucht Krapfenbauer herauszuarbeiten, wie die Angeklagten überhaupt zu den Bildern gekommen sind. Es ist der Viertangeklagte Jozef S., der sie organisiert hat. Der Slowene trat als Vermittler für einen ehemaligen serbischen Diplomaten auf, der sie wiederum aus dem Nachlass des ehemaligen jugoslawischen Präsidenten Josip Broz Tito erworben haben soll.

Von ihrer Echtheit ist S. noch immer überzeugt. Ein Freund Picassos soll sie in den 20er-Jahren in Paris von diesem bekommen und sie später auf den Balkan gebracht haben. Dem 66-Jährigen ist das Problem aber klar: "Ohne Echtheitszertifikat kauft kein Mensch so ein Bild." Das gäbe es nur bei vier Stellen weltweit, unter anderem bei der Picasso Foundation.

Der Zweit- und Drittangeklagte hätten versprochen, dass sich ein Rechtsanwalt in Wien um dieses Zertifikat kümmern werde. Die beiden, 43 und 50 Jahre alt, beteuern ebenfalls, an die Echtheit geglaubt zu haben. "Für mich war immer klar, dass es einen Sachverständigen geben wird, der die Bilder vor einem Verkauf untersucht."

Reinigungskraft als Kunstmakler

Über Expertise verfügen die beiden nicht – der eine ist Kaufmann, der zweite Reinigungskraft. "Wissen Sie, was ein Picasso ist?", fragt die Vorsitzende Letzteren. "Heute weiß ich es." – "Und damals?" – "Ehrlich? Nein."

Er habe einfach gehofft, als Subvermittler eine Provision von bis zu 30 Prozent, teilbar durch fünf Involvierte, zu bekommen. "Ich dachte, das ist ein Lottosechser!" Zu der ganzen Sache sei man überhaupt zufällig über eine Bekannte gekommen.

Was tatsächlich seltsam ist: Zwischen dem Rechtsanwalt, der das Zertifikat besorgen sollte, und jenem, der einen fiktiven russischen Oligarchen als Kaufinteressenten vertrat, sollte es einen Treuhandvertrag geben. Soll heißen – erst wenn die Bilder geprüft sind, gibt es Geld.

Rechtsanwalt als Lockspitzel?

Verteidiger Tomanek vermutet überhaupt, dass sein Berufskollege als Lockspitzel von der Polizei eingesetzt worden sei. Der bestreitet das im STANDARD-Gespräch: "Ich überprüfe meine Klienten nicht, solange es noch nicht um Geld geht. Mit dem Mandanten ging es um einen Immobiliendeal, dann kam der Bilderwunsch ins Spiel."

Und warum gerade er mit der Vermittlung der Kunstwerke beauftragt werden sollte? "Der Klient hat mir den Kontakt zu einem Anwalt gegeben, mit dem ich die Treuhandschaft vereinbaren sollte." Überhaupt könne er kein Agent Provocateur sein, da die Ermittlungen bereits gelaufen seien.

Verhaftung vor Verhandlungen

Zur Festnahme kam es in einem Hotel am Flughafen, wo sich die Angeklagten mit dem angeblichen Sohn des angeblichen Oligarchen treffen sollten. Die Aktion lief eher blamabel ab: Noch bevor überhaupt über einen etwaigen Verkauf oder Preise gesprochen worden war, alarmierte der "Käufer" seine Kollegen von der Cobra. Was den Angeklagten die Möglichkeit eröffnet, zu sagen, sie wollten die Werke nur unverbindlich präsentieren.

Auch umfangreiche Telefonüberwachungen liefern nur vage Hinweise, dezidiert von Fälschungen ist nie die Rede.

In Zusammenhang mit einem anderen vergleichbaren Geschäft wurden einige der Beteiligten im Oktober 2016 übrigens schon in Wien rechtskräftig freigesprochen. Wie der aktuelle Prozess ausgeht, bleibt offen, für die ersten Zeugenbefragungen wird auf 26. September vertagt. Bis dahin will die Staatsanwaltschaft auch ein Gutachten über die Echtheit erstellen lassen. (Michael Möseneder, 2.6.2017)

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