Julya Rabinowich: Kindermund und Veritas

2. Juni 2017, 16:00
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In Kinderbirnen bildet sich offenbar schnell ein faszinierendes Amalgam an Wahrgenommenem und dem eigenen Gefühl für die Sache selbst

Die unschuldige Kinderseele und ihr Anspruch des Entschleierns von gesellschaftlich Verborgenem ist ein zeitloser Dauerbrenner für Buch, Film und Fernsehen.

Das Kind – eine latente Gefahr zu Zeiten der Diktatur. Wer politische Witze, zu Hause hinter vorgehaltener Hand erzählt, großzügig in der Gegend verteilt, wie ich das tat, mutiert zum Lieblingsschatzerl der Familie, beliebt wie eine unerwartete Lawine und nur noch getoppt von der Beulenpest. Aber auch in Zeiten des Friedens und der Demokratie und der vom Staat subventionierten, unterirdisch gestalteten und deswegen wohl auch so gerne in der U-Bahn offerierten Massenblätter kann Kindermund eine ungemein bereichernde Sache für alle darstellen. In Kinderbirnen bildet sich offenbar schnell ein faszinierendes Amalgam an Wahrgenommenem und dem eigenen Gefühl für die Sache selbst. Und wie die meisten Naturgewalten drängt auch dieses gnadenlos an die Oberfläche des Seins.

Das manifestiert sich dann zum Beispiel im gut gefüllten Schulfestsaal, wenn die Autorin zur Lesung geladen ist – an einem besonderen Tag. Die engagierte Lehrerin, die die Meute gut unter Kontrolle hält, raunt verschwörerisch in den Raum: "Kinder, wisst ihr, was heute für ein besonderer Anlass für unseren Besuch hier ist?"

Der Saal schweigt. "Heute hat ein ganz berühmter Märchenerzähler Geburtstag! Wer kennt seinen Namen?" Der Saal schweigt noch lauter.

Die Lehrerin, schmeichelnd: "Ich helfe euch! Sein Vorname ist ..." Dramatische Pause. "Sein Name ist ... Hans ... Christian ..." Es ertönt ein empört-verwunderter Ruf aus dem Saal: "Strache?!"

Der Kaiser, pardon, der Bürgerkanzler war nackt.

Und Hans Christian Andersen rotierte heftig in seiner letzten Ruhestätte. (Julya Rabinowich, 3.6.2017)

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