Experiment zum Blinden Fleck bringt seltsames Ergebnis

5. Juni 2017, 16:00
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Deutsche Forscher stellen fest, dass das Gehirn in Eigenregie produzierten Infomationen mehr vertraut als tatsächlichen Sinneswahrnehmungen

Osnabrück – An der Austrittsstelle des Sehnervs kann es keine Lichtrezeptoren der Netzhaut geben. Mitten in unserem Gesichtsfeld liegt also der sprichwörtlich gewordene Blinde Fleck – den wir jedoch nicht bemerken, weil das Gehirn die Wahrnehmungslücke stopft. Und auf diese konstruierte Wahrnehmung verlässt es sich offenbar stark, wie die Universität Osnabrück berichtet.

"Im Fall des Blinden Flecks vervollständigt unser Gehirn automatisch die fehlende Information, indem es auf die Inhalte der benachbarten Stellen zurückgreift. Dadurch fällt uns keine Lücke auf", sagt Peter König vom Institut für Kognitionswissenschaften der Uni Osnabrück. Dieser "Filling-in"-Effekt sei zwar streng genommen vollkommen unzuverlässig, aber im Alltag ausreichend.

Das Experiment

In einer Studie mit 100 Probanden untersuchte ein Team um Studienerstautor Benedikt Ehinger, wie das Gehirn in Sachen Blinder Fleck vorgeht. Die Probanden sollten zwei Kreise vergleichen, von denen einer durchgängig gestreift und der andere unterbrochen war. Da die Unterbrechung aber im Blinden Fleck lag, präsentierten sich beide Kreise dem Betrachter gleich. Nun sollten die Probanden denjenigen Kreis auswählen, der durchgängig gestreift war.

Die Forscher hatten mit zwei möglichen Ausgängen gerechnet: Entweder würden beide Kreise gleich häufig ausgewählt werden oder sich ein Übergewicht zugunsten des tatsächlich vollständigen Kreises ergeben. Das Leben erwies sich aber wieder einmal als ironisch und die dritte Möglichkeit, mit der niemand gerechnet hatte, stellte sich als zutreffend heraus: Die Probanden wählten bevorzugt den unterbrochenen Kreis.

Die Forscher interpretieren das seltsame Ergebnis so, dass das Gehirn den Informationen unterschiedliche Wertigkeit verleiht. Und die vom Gehirn selbst interpretierte bildliche Information besitzt offenbar einen höheren Rang als tatsächlich gesehene Sinnesreize. König abschließend: "Dass subjektive Wahrnehmung bezüglich der Vertrauenswürdigkeit manchmal über die Wirklichkeit gestellt wird, sollte genauer untersucht und beachtet werden." (red, 5. 6. 2017)

  • Welcher Kreis ist der richtige? Die Chance ist groß, dass diese Probandin danebentippt.
    foto: universität osnabrück/ ricardo gameiro

    Welcher Kreis ist der richtige? Die Chance ist groß, dass diese Probandin danebentippt.

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