In dubio veritas

6. Juni 2017, 12:47
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Über religiöse Glaubenswahrheiten und theologische Beweise, die es nur als subjektive Visionen gibt

Vom Apostel Thomas sind im Johannesevangelium drei bedeutende Momente mit Jesus überliefert. Einmal, als Jesus nach Bethanien geht, wo er Lazarus aus dem Grab rufen wird, macht Thomas auf starker Mann, der notfalls bis in den Tod mit seinem Meister gehen will. Einmal, als er eine Erscheinung des Auferstandenen versäumt hat, zeigt er sich als Zweifler, so wurde er zum "ungläubigen Thomas". Ein besonders authentisch wirkender Moment aber ist der, in dem Thomas kurz vor dem Karfreitag fragt, wie es mit Jesus weitergehen wird. Er bekommt eine starke Antwort: "Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben."

Dass Jesus sich so persönlich mit der Wahrheit identifiziert, sagt viel über die Welt, aus der die jüdische und die christliche Bibel kommen. Eine Wahrheit, die ein Weg ist, die mit dem Leben zusammenfällt, das man mit Jesus (oder mit dem Bundesgott) führt, das ist etwas anderes als eine Wahrheit, die grundlegende Erkenntnisse über die Welt sicherstellen soll.

Mit der Figur des Thomas taucht aber in der berühmten Osterszene ein überraschend modernes Moment auf: Der Apostel fragt nach einem Beweis, er möchte sich keine Fake News einreden lassen, allerdings ist der Beweis nicht von (schon gar nicht naturwissenschaftlicher) Eindeutigkeit. Denn Thomas hat, wie die Jünger davor auch, eine Erscheinung. Die Wahrheit des Christentums beruht auf Visionen. Sie wird immer nur eine Glaubenswahrheit sein und damit ein entscheidendes Kriterium eines neueren Wahrheitsverständnisses vermissen lassen: dass sie sich intersubjektiv überprüfen lässt.

Der wahre Glaube

Trotzdem kam mit den Buchreligionen und ihren Glaubenswahrheiten ein Aspekt, der sich auf das abendländische Wahrheitsverständnis insgesamt fundamental auswirken sollte: Sie schaffen Ordnung und vereinheitlichen. Gesellschaftliche und intellektuelle Prozesse gehen dabei Hand in Hand. In der jüdischen Geschichte ist Wahrheit immer eher implizit verstanden worden.

Die Beziehung zu Gott war vor allem eine praktische, man lebte sie, indem man sich an die Gesetze hielt, im Tempel bekam dieses Verhältnis schließlich eine Architektur und ein Zentrum. Dass der Glaube an Gott "wahr" war, war so selten eine Frage, wie die Geschichte mit diesem Gott vieldeutig blieb, auch wenn immer wieder Propheten kamen, die mit ihrer Deutung das Handeln Gottes erklären wollten.

Als Jesus auftrat, ging es ihm vor allem darum, dieses Handeln Gottes wieder in den Mittelpunkt zu rücken, indem er das "Reich Gottes" verkündete. Im Grunde steckt in dieser Verkündigung auch eine Art Wahrheitsbeweis, aber es ist einer, den Gott immer nur im Verein mit den Menschen erbringen kann und der wiederum eher praktischer als theoretischer Natur ist.

Viele Wahrheiten nebeneinander

Die Ethik Jesu, die in zentralen Punkten noch über die ohnehin schon radikalen jüdischen Sozialgesetze hinausgeht, schafft potenziell einen Raum der Wahrheit. Der ultimative Beweis für das Gottesreich wäre der Jüngste Tag. Auf den haben die Christen aller Jahrhunderte auch intensiv gewartet. Es gibt Theorien, denen zufolge die Neuzeit und die Moderne unter anderem sehr wesentlich mit einem veränderten Zeithorizont zu tun haben: Zuerst einmal mussten die Eschatologen, die sich nach den Letzten Dingen sehnten, beruhigt werden, dann konnte man sich einer gestaltbaren Zukunft zuwenden.

Das Christentum entstand in einer Welt, in der viele Wahrheiten vergleichsweise problemlos nebeneinander bestehen konnten. Der "polymythische" Hellenismus könnte für die Gegenwart in vielerlei Hinsicht als Vorbild dienen. Allerdings stellt gerade die Entwicklung des kirchlichen Dogmas auch das beste Beispiel dafür dar, wie religiöse Erfahrungen immer wieder nach Begründung verlangen – und wie sich daraus Zugewinne für das allgemeine Wahrheitsverständnis ergaben.

Dass eine Gruppe von Juden im Jahr 30 in Jerusalem den Eindruck hatte, sie hätten den gekreuzigten Propheten Jesus wiedergesehen, ist eine schmale Grundlage für das nicht zuletzt theoretische Riesengebäude, das darauf vor allem im ersten Jahrtausend errichtet wurde. Entscheidend war dabei die Verbindung der jüdischen und christlichen Traditionen mit dem Instrumentarium, das die griechische Philosophie an die Hand gab: Auf Platon und Aristoteles gingen Denkmöglichkeiten zurück, die im Abendland immer wieder miteinander konkurrierten.

Ein Aspekt des Seins

Auf dem Höhepunkt der Systematisierung im hohen Mittelalter hatte dann eindeutig die Wirkungsgeschichte von Aristoteles den Vorrang. Denn Thomas von Aquin errichtete sein Lehrgebäude, mit dem er das Christentum als vernünftig erweisen wollte, auf der Grundlage der aristotelischen Ontologie und Logik. Für die Scholastik war Wahrheit ein Aspekt des Seins als solchem:

"Ens et verum convertuntur" lautet das geflügelte lateinische Wort. Dahinter steckt ein prinzipieller Optimismus hinsichtlich der Erkennbarkeit der Welt (zu der Thomas von Aquin selbstverständlich auch Gott zählte).

Man könnte es ein wenig vereinfacht so auf den Punkt bringen: Die Welt und der Mensch passen intellektuell (und auch praktisch) prinzipiell gut zusammen, weil Gott sie so eingerichtet hat. Der Mensch ist wahrheitsfähig, auch wenn die Sündenfallgeschichte, in der die ersten Menschen gerade durch die Einsicht in Gut und Böse in eine Welt voller Missverständnisse fallen, immer ein Stachel für die optimistischen, vielleicht sogar triumphalistischen Systeme des hohen Mittelalters war. Es war ja auch eine Zeit, in der das Papsttum als politischer Machtfaktor kaum zu umgehen war. Die Scholastik lieferte dazu die Universaltheorie.

Wie es mit großen Entwürfen nun einmal erfahrungsgemäß der Fall ist, ließ sich auch dieser nicht auf Dauer halten. Und aus den Krisen (man kann das in ihrerseits wieder großen Entwürfen bei Hans Blumenberg oder Charles Taylor nachlesen) entstand allmählich das, was im weitesten Sinn die Moderne genannt wird. Darunter ist ja nicht zuletzt ein Wirklichkeitsverständnis gemeint, das seine Wahrheitsansprüche ständig moderiert.

Die Erfahrungen der ungeheuren Grausamkeiten in den vielen Konfessionskriegen der frühen Neuzeit brachten im 17. Jahrhundert die Nationalstaaten hervor, in deren Rahmen Souveränitätsfragen nunmehr ausgehandelt wurden. Der letzte Anker im Überirdischen, die Kaiserwürde, verlor allmählich an Überzeugungskraft, der Papst konnte die Lücke nicht schließen. Das Unfehlbarkeitsdogma im späten 19. Jahrhundert war schon eindeutig ein defensives Manöver.

Deutungsgemeinschaft

Was bleibt also von den Religionen für die Wahrheitsfragen? Wahrscheinlich das Allerwichtigste: Religionen sind Deutungsgemeinschaften in der Geschichte, sie leben davon, dass sie ihre Traditionen nicht versteinern lassen. Das Prinzip der Interpretation, das schon die frühesten Redakteure der Bibel nicht umgehen konnten, ist grundlegend für jedes Wahrheitsverständnis.

Da die meisten Wahrheitsfragen, mit denen man es im Leben zu tun bekommt, nichts mit Logik zu tun haben (also mit der formalen Domäne, die sich mit widerspruchsfreien Prädikationen beschäftigt), befindet man sich in fast allen Fällen in einem Bereich der Vorläufigkeit und der begrenzten Begründbarkeit. Das muss man erst einmal aushalten.

Vermutlich ist es eine auch medienhistorisch verstärkte Reaktion auf diese latente Überforderung, dass man den Eindruck bekommt, unbelehrbare Wahrheitsansprüche wären wieder im Kommen. Wenn nichts mehr so richtig absolut ist, gibt es immer noch den kleinen Absolutismus, in dem man selbst der Sonnenkönig ist. Genau dagegen wurden aber die Religionen erfunden. (Bert Rebhandl, 3.6.2017)

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    foto: frank kunert

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