Wie Trump, Brexit und die Krise unser Denken verändert haben

6. Juni 2017, 07:15
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Der Westen kommt nicht zur Ruhe, stürzt von wirtschaftlichen Krisen in politische. Das lässt auch die Ökonomie nicht kalt

Die Märkte, sie regeln sich von allein. Das war bis zum Krach die vorherrschende Meinung unter Ökonomen. Wenn wir sie nur mit den vielen Regeln und Bestimmungen in Ruhe lassen, dann sind sie "effizient", sie funktionieren, sie sorgen dafür, dass Geld zu denen findet, die es gerade brauchen, dass sich Firmen gut um die Bedürfnisse der Gesellschaft kümmern. Dann kam die Pleite der Investmentbank Lehman Brothers. Sie sorgte für einen Krach im globalen Finanzsystem, legte es beinahe in Schutt und Asche.

Aber nicht nur bei den Bankern und Anlegern, auch in den Köpfen vieler Ökonomen knarrte es gewaltig. Was, wenn das alles gar nicht stimmt? Wenn Märkte nicht so effizient, stabil und selbstregulierend sind, wie wir dachten?

Der Konsens, der sich so lange hielt, die Wahrheit, sie waren wieder ein Stück weit verhandelbar geworden. Und das Bewusstsein, dass das mit der einen Wahrheit in der Ökonomie so eine Sache ist, ins Zentrum der öffentlichen Debatte gerückt. In den vergangenen Jahren ist vieles verhandelbarer geworden. Durch die wirtschaftlichen Krisen, die Millionen Menschen die Jobs kosteten, nicht zuletzt aber auch durch die politischen: die Wahl Donald Trumps, die Brexit-Abstimmung oder die Sorge um den enormen Zulauf der Rechtspopulisten.

"Wir haben viel gelernt", sagt der Leiter des Volkswirtschaftsinstituts der Wiener Wirtschaftsuni, Jesus Crespo Cuaresma. Spekulative Blasen seien ein Phänomen gewesen, dass die Ökonomie relativ schlecht verstanden habe. "Das ist aber das Schöne an der Wissenschaft. Wir glauben, wir verstehen eine Sache halbwegs, und dann passiert etwas, das das Gegenteil beweist." Dann gehe es wieder von vorn los, "wir denken nach, es bewegt sich was, das ist ein langsamer Prozess." Die Ökonomie funktioniere da nicht anders als andere Wissenschaften.

Nicht nur über die Selbstheilungskräfte von Märkten denken wir heute anders.

Zinsen fallen nie unter null – oder doch?

Bis vor einigen Jahren war sich die Ökonomie einig: Bei null ist Schluss. Der "Zero Lower Bound", so die technische Bezeichnung, war in der Forschung omnipräsent. Unter null können die Zinsen nicht gehen, denn wer würde sein Geld verborgen, wenn er dafür zahlen müsste? Oder Geld anlegen und dafür Minuszinsen kassieren? Nun wissen wir: Das geht. Viele Banken und Fonds tun es seit geraumer Zeit. Viele Notenbanken verlangen Minuszinsen von Banken, die ihr Geld bei ihnen parken wollen. Das passiert zum Beispiel in der Eurozone, in Schweden und der Schweiz.

Gleichzeitig kann sich der österreichische Staat für einige Jahre Geld borgen: ebenfalls zu Minuszinsen. Banken und Fonds parken das Geld lieber zu niedrigen Negativzinsen, als sich unzählige riesige Tresore anzuschaffen. "Bislang hat unser Verständnis auf ganz wenigen Beispielen und Modellen beruht", sagt Crespo. Jetzt könne man das Thema besser verstehen.

Wenn wir Geld drucken, kommt die Inflation – oder doch nicht?

Als die Notenbank der USA, die Fed, damit begann, die Märkte mit Geld zu fluten brachen in den USA hitzige Diskussionen aus. Viele konservative Wirtschaftswissenschafter sahen die Inflation durch die Decke gehen, passiert ist: nichts. Die Preise stiegen nicht mehr als um ein, zwei Prozent. Aus der Vergangenheit wissen wir, dass es gefährlich werden kann, wenn in einem Land Geld gedruckt wird. In der Weimarer Republik oder in Simbabwe hat das zu einer Hyperinflation geführt. Warum aber diesmal nicht?

"Es liegt nicht daran, dass unsere Theorie nicht wahr gewesen wäre", sagt Paul De Grauwe von der London School of Economics. "Diese Leute haben schlicht nicht auf sie gehört." Das Geld, das gedruckt wurde, blieb in den Banken stecken, es wurde selten als Kredit weiter in die "echte Wirtschaft" gegeben. "Das war bei den Bedingungen erwartbar." Auch deutsche Ökonomen warnten vor einer hohen Inflation, mittlerweile ist es um das Argument still geworden. Es gibt Wahrheiten in der Ökonomie – manchmal müssen sie sich aber eben mühsam durchsetzen.

Freier Handel ist gut für die Welt – aber nicht für alle?

Dass Freihandel positiv für die Welt ist, ist für Ökonomen so etwas wie die menschgemachte Erderwärmung für Klimaforscher: ein Faktum. Fast alle Ökonomen sind der Ansicht, dass die Welt als Ganzes durch freien Handel reicher wird. Eine Wahrheit, die noch immer hält, der Glaube an das absolut Gute des Handels hat in den vergangenen Jahren aber etwas zu bröckeln begonnen.

Der MIT-Ökonom David Autor hat die Branche aus dem Gleichgewicht gebracht. In den USA hätten zwei Millionen Menschen ihre Jobs wegen des Handels mit China verloren – und entweder gar keine neuen oder schlecht bezahlte gefunden. Spätestens seit sich immer mehr gegen die Globalisierung auflehnen, beschäftigen sich mehr Ökonomen mit den Schattenseiten des Freihandels. Die sind seit langem bekannt, wahr haben wollten sie aber viele nicht.

Wenn Reiche reicher werden, profitiert jeder – oder doch nur sie selbst?

Wenn fast das ganze Wachstum der Einkommen an die Reichen geht, dann ist das kein Problem: Sie investieren, stellen Leute an, geben ihr Geld in Boutiquen aus. Am Ende des Tages profitieren so alle. Die "Trickle down"-Theorie hat in den USA viele Anhänger, etwa den jetzigen Präsidenten, es deutet aber nicht viel darauf hin, dass sie wahr ist. "Man kann auf keinen Fall sagen, das weiß man empirisch", sagt Ökonom Crespo. "Es ist noch eine offene Frage."

Wahr ist aber, dass sich immer mehr Ökonomen damit beschäftigen, wer wie viel vom Kuchen bekommt. Die Ungleichheit, die lange kaum jemanden interessierte, ist unter Ökonomen jetzt in Mode. Dass man auf die weniger Privilegierten schauen sollte, sagen viele heute so selbstverständlich, wie sie früher Märkte als effizient und stabil bezeichneten.

Handel mit der Wahrheit

"Es gibt Moden und Trends, ja", sagt der Ökonom Crespo. "Wissenschaft, Politik und Medien beeinflussen sich." Obwohl die Ökonomie keine Gesetze wie die Physik kennt, kann man zu vielen Themen verlässliche Aussagen treffen, sagt Martin Kocher, Chef des Instituts für Höhere Studien: "Wir Ökonomen sind uns in grundlegenden Dingen relativ einig."

Die Ökonomie versucht, sich der Wahrheit zu nähern. Unbequeme Wahrheiten brauchen meist etwas länger, um sich durchzusetzen. Was als wahr und falsch gesehen wird, ändert sich aber mit der Zeit. Die gerade plausibelste Form der Wahrheit, sie muss immer wieder aufs Neue ausgehandelt werden. (Andreas Sator, 3.6.2017)

Hinweis

Wenn Sie dieser Text interessiert hat, könnten Sie auch den Podcast des Autors Andreas Sator spannend finden. Dort finden Sie ausführliche Interviews, viele davon mit Ökonomen. Hier geht es zu "Nachfrage – Der Interview-Podcast von Andreas Sator".

  • "Die Preisabsprache" – ein Bild des deutschen Fotografen Frank Kunert. Seine Werke aus der Serie "Fotografien kleiner Welten" bebildern unseren Schwerpunkt.
    foto: frank kunert

    "Die Preisabsprache" – ein Bild des deutschen Fotografen Frank Kunert. Seine Werke aus der Serie "Fotografien kleiner Welten" bebildern unseren Schwerpunkt.

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