Taqiyya oder die Lizenz zum Lügen?

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Aus dem Islam kommt das Konzept der Taqiyya. Sie erlaubt es, die Unwahrheit zu sagen, um sich selbst zu schützen, vor allem gegenüber Nichtgläubigen

Die Szene hat sich vor einigen Jahren abgespielt, aber sie könnte sich heute noch genauso zutragen. Schauplatz ist Samarra, eine historisch bedeutende Stadt am Tigris rund 125 Kilometer nördlich der irakischen Hauptstadt Bagdad. Diktator Saddam Hussein ist gestürzt. Die Amerikaner haben das Sagen im Zweistromland. Die Nachrichtenagenturen meldeten Feuergefechte zwischen US-Truppen und lokalen Freischärlern.

Ein eigener Augenschein in Samarra schafft vielleicht Klarheit. "Wir wollen keine Fremden hier", werden die ausländische Korrespondentin und Bashar, der irakische Begleiter, im Stadtzentrum von Passanten begrüßt. Die US-Soldaten hatten erklärt, zwei ihrer Logistikkonvois seien in einen Hinterhalt geraten, bei den anschließenden Gefechten seien 54 Iraker getötet worden.

"Allah wird dich nur für die Absicht deines Herzens und nicht für die Unbedachtsamkeit in deinen Schwüren zur Rechenschaft ziehen."
Koran

Ein einflussreicher lokaler Stammesscheich nimmt sich der Fremden an, führt durch die Stadt, zeigt die Schäden und vertritt energisch seine Version der Ereignisse. Er schwört Stein und Bein, dass nicht seine Männer die Gefechte ausgelöst und als Erste geschossen hätten. Sie seien ohne ersichtlichen Grund angegriffen worden.

Rechtfertigung für Täuschung

"Ich erzähl dir jetzt, was sich wirklich zugetragen hat", sagt der Begleiter auf der Fahrt im Auto zurück nach Bagdad. Als Bashar einen Moment mit dem Scheich allein war, hat dieser ihm offenherzig gestanden, dass seine Mannen aus allen Rohren auf die US-Soldaten gefeuert hätten. Kein US-Soldat würde es in Zukunft mehr wagen, Samarra zu betreten, aber das brauche die fremde Journalistin ja nicht zu wissen, das könnte ein schlechtes Licht auf seine Gefolgsleute werfen.

Ein schlechtes Gewissen muss sich der Scheich wegen dieser Lüge nicht machen. Er kann sich auf seine Religion, den Islam, berufen. Da findet sich in den heiligen Schriften an mehreren Stellen die Rechtfertigung für verschiedene Formen von Lügen und Täuschungen gegenüber Ungläubigen, wenn es der eigenen Religion nützt.

Zwar gibt es verschiedene Varianten, mit den entsprechenden arabischen Bezeichnungen, meist wird aber vereinfachend einfach von Taqiyya gesprochen. In einem Koranvers steht etwa, Allah werde dich nur für die Absicht deines Herzens und nicht für die Unbedachtsamkeit in deinen Schwüren zur Rechenschaft ziehen. Das heißt, die Absicht zählt.

Aus einer anderen Stelle lässt sich schließen, dass Lügen erlaubt ist, wenn die Konsequenzen der Wahrheit schädlicher sind als jene der Lügen. Täuschung oder Lügen gegenüber Fremden können so gerechtfertigt werden, wenn es der eigenen Sache dient.

Politiker mit zwei Zungen

Ein anderes Land, ein anderes Thema. Die Experten eines Medienforschungsinstituts, das sich auf interkulturellen Dialog spezialisiert hat, untersuchten vor einiger Zeit in einem Dorf in Oberägypten die Ursachen für den Ausbruch gewalttätiger Auseinandersetzungen. Religiöse Spannungen zwischen Christen und Muslimen gibt es dort immer wieder. Zündfunke war wie so oft, der Bau einer neuen Kirche.

Die Feldforscher haben mit allen geredet, die entweder Zeugen waren oder Einfluss ausüben, das heißt Bewohnern des Dorfes aus beiden Lagern, Kirchen- und Moscheeverantwortlichen sowie Behördenvertretern und Sicherheitskräften der verschiedensten Ebenen. Die Gespräche wurden aufgezeichnet, ein Bericht veröffentlicht.

Aber die Lektüre von dutzenden Seiten dieser Interviews brachte auch keine Klarheit über das tatsächliche Geschehen. Die Schilderungen waren ganz unterschiedlich. Jeder berichtete aus seiner Sicht, um sich und die Seinen im richtigen Licht darzustellen, das ergibt dann die "eigene Wahrheit".

Auch Politiker in der arabischen Welt sprechen nicht selten mit zwei Zungen. Sie sagen das eine zum englischsprachigen Publikum und etwas anderes zu ihren arabischen Zuhörern. Der verstorbene Palästinenserführer Yassir Arafat war bekannt dafür, in Interviews mit westlichen Medien seinen Wunsch nach Frieden mit Israel auszudrücken, nur um sich umzudrehen und die Palästinenser zu gewalttätigem Widerstand anzufeuern.

Zwar ist die Auslegung der Taqiyya sehr unterschiedlich, und eigentlich ist sie beschränkt auf Situationen, die entweder die Sache des Islam befördern oder Schaden von den Muslimen abwenden. Im Zusammentreffen mit Fremden führt das oft zu einem ganz speziellen Umgang mit der Wahrheit, den etwa ausländische Journalisten in der Region bei ihrer Arbeit immer wieder zu spüren bekommen.

Ihnen wird ohnehin oft unterstellt, dass sie keine lauteren Absichten hätten. Es ist deshalb gut, immer im Hinterkopf zu haben, dass es das Konzept der Taqiyya gibt, und es ist ratsam, bei solchen Begegnungen alle Äußerungen zu hinterfragen und auf die Goldwaage zu legen. (Astrid Frefel aus Kairo, 7.6.2017)

  • In einem Koranvers steht etwa, Allah werde dich nur für die Absicht deines Herzens und nicht für die Unbedachtsamkeit in deinen Schwüren zur Rechenschaft ziehen. Das heißt, die Absicht zählt.
    foto: reuters / faisal al nasser

    In einem Koranvers steht etwa, Allah werde dich nur für die Absicht deines Herzens und nicht für die Unbedachtsamkeit in deinen Schwüren zur Rechenschaft ziehen. Das heißt, die Absicht zählt.

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