Frankreich sagt dem TGV adieu

2. Juni 2017, 12:17
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Er ist "die" französische Marke und Aushängeschild. Nun wird der Hochgeschwindigkeitszug umbenannt, der Aufruhr ist groß

Seit 36 Jahren ist er Inbegriff französischer Ingenieurskunst, eine Ikone technischer Meisterleistung: der train à grande vitesse, kurz TGV. Mit 2. Juli ist diese Ära zu Ende: Die französische Staatsbahn SNCF benennt den Hochgeschwindigkeitszug in "Inoui" um. Was unglaublich klingt, ist es auch. Denn der neue Name ähnelt dem Wort "inouï", was ebendiese Bedeutung hat.

Nach Bekanntgabe der Entscheidung Ende Mai wurde nicht lange gefackelt. Die ersten Züge sind bereits neu bemalt. Ab 2. Juli und auf 16 Bahnstrecken ist der TGV dann mit neuem Logo unterwegs, bis 2020 sollen es alle sein. Die Reaktionen ließen nicht lange auf sich warten. Viele sehen in der Umbenennung einfach nur eine Entgleisung. Im Netz hagelt es Spott und Gelächter bis hin zu Unverständnis. So meint User Lyonrail etwa: "Den TGV umzutaufen ist, als ob du den Namen der Ariane (europäische Trägerrakete, Anm.) oder den von Airbus änderst, dein industrielles Erbe wegschmeißt."

Der Vorstandsvorsitzende der SNCF-Gruppe, Guillaume Pepy, gibt sich davon unbeeindruckt und meint in der Tageszeitung "Le Parisien" sinngemäß: Auch wenn auf den Zügen nicht mehr TGV draufstehe, sei doch TGV-Technik drin. Und: Es seien die Kunden gewesen, die für diesen Namen gestimmt hätten.

Die SNCF verfolgt mit der TGV-Umbenennung ein ambitioniertes Ziel: Der neue Name soll als Premiumsegment zur Billigschiene Ouigo mehr Passagiere anlocken, erwartet wird ein Zuwachs von 15 Millionen Zuggästen. Heute liegt die Zahl bei 105 Millionen im Jahr, wovon Ouigo-Kunden allerdings erst fünf Prozent ausmachen. Bis 2020 soll ihr Anteil auf 25 Prozent steigen. Auch der Bus- und der Autoservice der SNCF, Ouibus und Ouicar, wurden bereits auf die Namenslinie Oui getrimmt.

Geschichte – Fortschritt – Schwindel – Privatisierung.

Hintergrund der neuen Marketingstrategie ist die Liberalisierung des französischen Eisenbahnnetzes: Ab 2021 dürfen auch andere Bahnunternehmen die Hochgeschwindigkeitstrassen nutzen. Um noch wettbewerbsfähiger zu sein, sollen bis 2020 rund 2,5 Milliarden Euro für neue Züge, den WLAN-Ausbau auf dem gesamten Streckennetz und die Modernisierung von veraltetem Rollmaterial investiert werden. (ch, 2.6.2017)

  • Gleiche Technik, neues Gesicht: Aus TGV wird Inoui.
    foto: twitter

    Gleiche Technik, neues Gesicht: Aus TGV wird Inoui.

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