Kampf um Großbritanniens "Battleground States"

5. Juni 2017, 09:00
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Der Wahlkampf in Großbritannien konzentriert sich auf nur wenige Parlamentssitze

Am Donnerstag wählen die Briten ein neues Unterhaus, und es könnte spannend werden:

Während Umfragen lange prophezeiten, dass den regierenden Konservativen unter Theresa May ein überragender Sieg nicht zu nehmen sein wird, hat sich das Blatt in den vergangenen Tagen gewendet. Der Abstand zur größten Oppositionspartei Labour ist geringer geworden, laut dem Institut Yougov könnte sogar die absolute Mehrheit für die Torys in Gefahr sein.

Insgesamt 650 Parlamentssitze werden nach dem Prinzip "The winner takes all" vergeben. Sprich: Erlangt eine Partei in einem Wahlbezirk die relative Mehrheit, geht der Sitz an diese Partei. Durch dieses System hatten die Torys mit nur 36,9 Prozent der Stimmen bei der Parlamentswahl 2015 eine absolute Parlamentsmehrheit von 330 Sitzen erreicht.

Aufgrund dieses Systems kommt einigen Wahlbezirken – genau wie den "Battleground States" bei Präsidentenwahlen in den USA – im Wahlkampf besondere Bedeutung zu. Hat eine Partei weniger als zehn Prozent Vorsprung in einem Wahlbezirk, gilt der Parlamentssitz als "marginal seat".

Insgesamt 124 Parlamentssitze hatten 2015 eine Mehrheit von weniger als zehn Prozent. Nachvollziehbar, dass die Spitzenkandidaten am meisten Zeit und Geld in diese "marginal seats" investieren. So war es zum Beispiel kein Zufall, dass Labour-Spitzenkandidat Jeremy Corbyn am Tag der Bekanntgabe der Neuwahlen seinen ersten Auftritt im Bezirk Croydon Central im Süden Londons hatte. Die Konservativen gewannen den Sitz 2015 mit einem Vorsprung von nur 165 Stimmen.

foto: dominic lipinski/pa via ap
Wahlkampf in Croydon: Am Tag, an dem die Neuwahl ausgerufen wurde, eilte Labour-Chef Jeremy Corbyn in den umkämpften Bezirk im Süden Londons.

Es geht aber noch knapper: Im walisischen Gower gewannen die Konservativen mit einem Vorsprung von nur 27 Stimmen oder 0,1 Prozent. Mit 41 Stimmen ähnlich knapp ging es 2015 für die Konservativen im englischen Derby (Wahlbezirk: Derby North) aus.

Im englischen Chester (Wahlbezirk City of Chester) müssen hingegen die Sozialdemokraten einen hauchdünnen Vorsprung von nur 93 Stimmen (0,2 Prozent) verteidigen.


Die knappsten Parlamentssitze im britischen Unterhaus

Parlamentssitz



Gower

Derby North

City of Chester

Croydon Central

Ealing Central and Acton

Berwickshire, Roxburgh and Selkirk

Ynys Mon

Vale of Clwyd

Brentford and Isleworth

Bury North

Vorsprung



0,1 Prozent (27 Stimmen)

0,1 Prozent (41 Stimmen)

0,2 Prozent (93 Stimmen)

0,3 Prozent (165 Stimmen)

0,5 Prozent (274 Stimmen)

0,6 Prozent (328 Stimmen)

0,7 Prozent (229 Stimmen)

0,7 Prozent (237 Stimmen)

0,8 Prozent (465 Stimmen)

0,8 Prozent (378 Stimmen)


All diese Überlegungen der Parteistrategen werden zunichtegemacht, wenn eine Partei einen Wählerzuspruch auf breiter Basis bekommt. Das ist zuletzt der schottischen Unabhänigkeitspartei SNP 2015 gelungen. Sie errang bei ihrem fulminanten Wahlsieg in Schottland – dem "Scots landslide" – einige Sitze, die als "sicher" galten, von anderen Parteien. (Stefan Binder, 5.6.2017)

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