Die Kunst, schöne Augen für Prothesenträger zu machen

2. Juni 2017, 12:00
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Kunstaugen sind von natürlichen kaum zu unterscheiden. Zu Besuch bei einem der letzten drei Okularisten des Landes

Wien – Behutsam dreht Nikolaus Kerbl eine walnussgroße Glaskugel über einem Bunsenbrenner und bläst dabei immer wieder mit einem dünnen Strohhalm das flüssige Material zurecht – das Ausgangsprodukt für ein Glasauge. Kerbl ist einer der letzten drei Okularisten in Österreich, die dieses Handwerk noch beherrschen.

Für den Beruf des Okularisten gibt es in Österreich keine geregelte Ausbildung: "Man kann sich das Handwerk nur in der Praxis selbst aneignen", sagt Kerbl im Gespräch mit dem STANDARD. Der gelernte Kunstglasbläser hat das Handwerk von seinem Onkel erlernt und sich in Deutschland, England und den USA weitergebildet: "Es dauert vier bis fünf Jahre, bis man einigermaßen selbstständig arbeiten kann."

Durch das Land touren

Der von Kerbl geführte Familienbetrieb Asprion Augenprothetik existiert seit 1925 in Wien. Um Prothesenträger im ganzen Land betreuen zu können, unternehmen Kerbl und die beiden in Niederösterreich und der Steiermark ansässigen Okularisten regelmäßig Touren durch alle Bundesländer. Mehrmals im Jahr fahren sie in die Augenabteilungen von Krankenhäusern und fertigen Kunstaugen vor Ort an.

Kerbl schätzt die Zahl an Augenprothesenträgern in Österreich auf rund 6000 Personen. Während manchen Menschen von Geburt an ein Auge fehlt, haben es andere durch Krankheiten oder Unfälle verloren: "Wenn die Leute zu mir kommen, haben sie in der Regel schon das Schlimmste hinter sich", erzählt der Augenmacher. Neben der handwerklichen Tätigkeit gehört auch der Umgang mit versehrten Menschen zum Beruf eines Prothesenherstellers: "Eine spannende und herausfordernde Kombination", meint der Okularist.

Kerbl dreht die Glasblase zwischen seinen Fingern. Augenprothesen sind – anders als die weitverbreitete Meinung – keine Kugeln, sondern Schalen, die von der Form und Größe an Walnussschalen erinnern. Mit bunten Zeichenstängeln, die über der Flamme geschmolzen werden, zieht Kerbl winzige Äderchen in Rottönen über die Glasschale: "Stärkere und dünnere, wie in der Natur auch." Jede Farbe und jede Struktur im Auge wird einzeln gezeichnet: Das Handwerk ist Präzisionsarbeit.

Kerbls Praxis im neunten Wiener Gemeindebezirk vertreibt sowohl Glas- als auch Kunststoffprothesen. Für Erstere bezieht der Okularist Glasrohlinge mit verschiedenen Augenfarben aus Deutschland. Bis zu eineinhalb Stunden benötigt die Herstellung einer Glasaugenprothese. Die Produktion von Kunststoffaugen ist um einiges aufwendiger, die Herstellung dauert mehrere Tage. Dafür sind Kunststoffschalen haltbarer, sie können nicht so leicht zerbrechen wie Glas.

Kerbl zeichnet hunderte winzige Linien, die dem natürlichen Bild der Iris entsprechen, händisch auf schwarze Plättchen. Dabei wird die Pupillengröße und Irisfärbung jedes Patienten nachgeahmt: "Deshalb muss jede Prothese individuell angefertigt werden", erklärt Kerbl.

Niedrige Preise

Tiefgehendes medizinisches Wissen bräuchten Okularisten nicht, vielmehr würde Erfahrung zählen. Diese sei in Österreich nur mehr schwer zu sammeln. Bis in die 1980er-Jahre gab es allein in Wien noch drei Augenprothesenhersteller: "Die sind mittlerweile aber alle verstorben." Kerbl bildet zurzeit keinen Mitarbeiter aus. Er hofft, dass eines seiner Kinder einmal die Praxis übernehmen wird.

Die Kosten für Augenprothesen werden in Österreich zur Gänze von den Krankenkassen gedeckt. Der niedrige Prothesenpreis hierzulande könnte die Branche aber kurz- oder langfristig verschwinden lassen, meint Kerbl.

Ganz anders entwickle sich unterdessen das Geschäft in Deutschland, der Tarif im Nachbarland sei dreimal so hoch wie in Österreich: "Ich glaube, in ganz Europa werden keine so hohen Preise für eine Augenprothese bezahlt wie dort", bedauert der Wiener Okularist. (Nora Laufer, 2.6.2017)

  • Augenprothesen werden zuerst aus Glas geblasen und anschließend auf die Augengröße der Patienten zugeschnitten. Die Strukturen und Farben malt der Okularist dann händisch auf die Kunstaugen.
    foto: urban

    Augenprothesen werden zuerst aus Glas geblasen und anschließend auf die Augengröße der Patienten zugeschnitten. Die Strukturen und Farben malt der Okularist dann händisch auf die Kunstaugen.

  • Kerbl bezieht die Rohlinge für Glasaugen aus Deutschland.
    foto: urban

    Kerbl bezieht die Rohlinge für Glasaugen aus Deutschland.

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