Adrián Villar Rojas: Wunderkammer mit Madonna und Kopffüßler

1. Juni 2017, 16:49
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New York, Bregenz, Athen, Los Angeles. An vier Kunstorten gastiert der argentinische Konzeptkünstler mit "The Theatre of Disappearance". Im Kunsthaus Bregenz wird das fragile Dasein des Menschen mit schwerem Material inszeniert

Bregenz – Adrián Villar Rojas, Meister des Großformats, der 2009 für die Bienal del Fin del Mundo einen riesigen Tonwal in einem patagonischen Wald stranden und bei der 14. Istanbul Bienali kolossale Fabeltiere aus dem Bosporus steigen ließ, macht das Kunsthaus Bregenz zur Bühne seiner (Traum-)Symbolik.

Gnadenlos nutzt der junge Konzeptkünstler aus Argentinien Heroen der Kunstgeschichte – von den prähistorischen Höhlenmalern über Michelangelo bis Picasso – für seine Zwecke, macht sich die Architektur Peter Zumthors untertan und führt die Architekturanbeter als Gralshüter vor. "Dieses Haus ist ein Tempel, und die, die hier arbeiten, sind seine Mönche", macht er sich über das KUB-Team lustig, aber nicht ohne ihm Bewunderung zu zollen: Die Achtsamkeit und Exaktheit, mit der das Haus errichtet und gewartet werde, sei beispiellos.

Mit seiner Ausstattung für The Theater of Disappearance wollte er an Akribie und Sorgfalt in nichts nachstehen. Das Theater des Verschwindens wurde zum Hochamt der Perfektion, das man sich in Bregenz zum 20-jährigen Bestehen des Hauses leistet. Kurator Rudolf Sagmeister und Direktor Thomas D. Trummer werden nicht müde, ihr Technikteam, das das Unmögliche möglich machte, zu loben. Fast scheinen Material- und Arbeitseinsatz schwerer zu wiegen als Inhalt und Aussage.

Respektlos geht Villar Rojas, der seine Ideen als parasitär bezeichnet, seinen Vierteiler durch die Menschheitsgeschichte an. Er lässt den Zumthor-Tresen wegräumen, Treppen und Lifte mit Betonimitationen verbauen, die leeren 530 Quadratmeter mit einer Nachbildung der Madonna del Parto des Renaissancemeisters Piero della Francesca auslegen. Die schwangere Gottesmutter mit ihren Engeln wurde in Argentinien auf Holzplatten gemalt, mit Patina versehen und dient als Bodenbelag.

Ab in die Höhle

Je nach Lichteinfall ist das Werk als Ganzes oder nur in Teilen zu sehen. Im Kontrast dazu die bunten Folien der Glasfenster: Sie erinnern an Straßenzüge einer nächtlichen Großstadt. Villar Rojas zitiert mit der Installation seine Lieblingsregisseure Wong Kar-Wai und dessen Liebesfilm 2046 sowie Andrej Tarkowski und Nostalghia. Der zweite Akt führt in eine prähistorische Höhle. In Lascaux, Pech Merle und Trois-Frères holten sich Villar Rojas' Mitarbeiterinnen Anleihen für die Wandmalereien, die Marmorplatten mit 400 Millionen Jahre alten Versteinerungen von Kopffüßlern wurden aus Marokko geliefert. Ein halbes Jahr verbrachte eine Mitarbeiterin des Künstlers in Erfoud, um die Bearbeitung der Steine zu organisieren.

Villar Rojas ließ eine Wunderkammer einrichten, eine in der man sich durch die Zeiten träumen kann. Wenn man nicht gerade über einen Kopffüßler stolpert.

Von der Grotte führt Villar Rojas in den Bunker, dort lodert unter einer großformatigen Kopie von Picassos Guernica echtes Feuer. Dahinter ein buntes Dinosauriergemälde, davor auf schwarzem Marmor eine Tafelrunde aus Glas und Marmormöbeln. Oval Office am Tag danach? Kaminzimmer von James Bond? Wer weiß.

Es sei ein Problem unserer Zeit, immer alles verstehen zu wollen, sagt der Künstler. Er will Emotionen auslösen, die Fantasie der anderen ist seine Werkstatt. Das Bunkerszenario bleibt trotz züngelnder Flammen merkwürdig steril. Zu sehr geht es um den Wow-Effekt. Richtiges Feuer im Kunsthaus! Es soll wohl Zerstörung symbolisieren, Grauen auslösen, bleibt aber Bühnenbild.

Gleißende Helligkeit empfängt die Fantasiereisenden ganz oben, quasi im Olymp. Die Techniker und Handwerker haben ganze Arbeit geleistet, das Geschoß komplett mit Kunstharz in hellem Grau ausgegossen. Auf einer vierteiligen Rampe thront, was Villar Rojas von David, dem Gott aller Skulpturengötter, übrig gelassen hat – die Beine. Exakt vom Computer nachgeformt und aus Carraramarmor geschnitten.

Zu Füßen des Torsos spielen zwei Kätzchen. Sie sind die Signatur des Künstlers. Nach Bunkerstimmung und Fegefeuer ist man dankbar für die Ironie. Die Ausstellung ist die aufwendigste, die man sich im KUB je leistete, was die Gerüchteküche brodeln lässt. Konkrete Zahlen werden von den Verantwortlichen nicht kommuniziert. Die Mehrkosten trügen die Galerie des Künstlers und Villar Rojas selbst, wird versichert. (Jutta Berger, 1.6.2017)

  • Aus dem marokkanischen Marmor ragen versteinerte Kopffüßler. Adrián Villar Rojas führt im Kunsthaus Bregenz durch die Zeiten.
    foto: jörg baumann

    Aus dem marokkanischen Marmor ragen versteinerte Kopffüßler. Adrián Villar Rojas führt im Kunsthaus Bregenz durch die Zeiten.


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