Frauen im Film: Der "fuckability factor" – bitte lächeln!

7. Juni 2017, 07:00
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Schauspielerin Monica Reyes über Sexismus beim Film und warum Frauen auch in ernsten Szenen ein Lächeln nahegelegt wird

In "Tree of Life", dem Gewinnerfilm der Festspiele in Cannes von 2011, sehen wir Brad Pitt als strengen Familienvater an der Seite von Jessica Chastain, die die Mutter der gemeinsamen drei Söhne mimt. Ganz selbstverständlich spielt der Hollywoodstar Pitt den Gatten dieser gottgläubigen Frau. Ein schönes Paar, rein optisch betrachtet, und doch entfaltet sich schnell ein Moment der Irritation. Könnte Jessica Chastain nicht fast Pitts Tochter sein? Nicht ganz, aber immerhin beträgt der Altersunterschied 14 Jahre. Das kommt in der Realität auch vor. Aber ist das die Norm? Wohl kaum. Der durchschnittliche Altersunterschied bei heterosexuellen Paaren in den USA liegt bei nur 2,3 Jahren.

Junge Frau und ältere Herren

Für einen Film, der von einer "normalen" amerikanischen Familie handelt, sind 14 Jahre also doch beachtlich. Selbstverständlich ist die Frau die jüngere, denn wäre es umgekehrt, wäre der Altersunterschied das Thema des Films. Würde also die 14 Jahre ältere Meryl Streep die Ehefrau von Brad Pitt mimen, würde der Plot ungefähr so lauten: eine außergewöhnliche Liebesgeschichte zwischen einer älteren Frau und einem jüngeren Mann. Ausgeschlossen, dass Streep unkommentiert Pitts Ehefrau spielen könnte. Umgekehrt ist es hingegen kein Thema.

Wir haben uns daran gewöhnt, auf der Leinwand jüngere Frauen an der Seite von älteren Männern zu sehen. Maggie Gyllenhaal adressierte das Problem 2015, als sie laut Filmstudio als 37-Jährige "zu alt" war für einen 55-jährigen Spielpartner. Robert Redford oder Richard Gere spielen prinzipiell neben 20 Jahre jüngeren Frauen. Nie würde Tom Cruise eine gleichaltrige, also 54-jährige Frau, an seiner Seite besetzen.

Welche Botschaft vermittelt Hollywood den ZuschauerInnen mit diesen Bildern von jungen Frauen neben gereiften Alphamännern? Dass Männer besser altern? Dass das Hauptkapital der Frau ihr Aussehen ist und nicht etwa ihr Intellekt oder ihr Charakter? Was sonst spräche gegen eine gleichaltrige Besetzung? Filme zeigen unterschiedlichste Männertypen: alte, junge, dicke, dünne, hässliche und gutaussehende Männer. Der Frauentypus hingegen entspricht meist einem einfachen Schema: jung und hübsch.

Dieses Schema wird schlicht "fuckability factor" genannt, ein so unfassbarer wie gängiger Begriff in Hollywood. Der Wert einer Frau auf der Leinwand wird proportional zur Lust der Männer festgelegt. Also: Je eher der durchschnittliche männliche Kinobesucher mit der Darstellerin Sex haben will, desto höher ihr "fuckability factor", desto höher ihr Wert, desto wahrscheinlicher ihre Besetzung, desto höher ihre Gage. Scarlett Johansson: hoher FF. Meg Ryan: niedriger FF. So einfach, so brutal. Es ist also nicht verwunderlich, dass Frauen ab 40 kaum mehr in Hauptrollen besetzt werden. Man(n) will mit ihnen offensichtlich nicht mehr ins Bett.

Lächeln ist Pflicht

Doch das darf den jungen, "fickbaren" Frauen nicht die gute Laune verderben. Vor der Kamera oder auf dem roten Teppich ist für sie lächeln Pflicht. Schaut Frau nämlich neutral, meint der Betrachter oder die Betrachterin, schlechte Laune zu erkennen, und schon attestiert man ihr ein "resting bitch face". Auch ich bekam vor gar nicht langer Zeit einen gut gemeinten Ratschlag einer amerikanischen Casterin. Als ich einen Monolog zum Besten gab, erhielt ich das Feedback, ich solle das Ganze mit einem Lächeln spielen, sonst hätte ich ein "resting bitch face". Ich verstand nur Bahnhof. Die Szene handelte von einer Journalistin, die von ihrer Kollegin angeschwärzt wird und dadurch ihren Job verliert. Nicht gerade eine Situation, die zum Lachen anregt. Nichts da, sie insistierte, Frauen mit neutralem Gesichtsausdruck wirken oft genervt oder verachtend. Ich möge es doch mit einem Lächeln probieren.

Gut möglich, dass Schauspielerinnen nach Veröffentlichung der Statistik über die Teilhabe von Frauen im Film nicht zum Lachen zumute ist. Nur ein Drittel der Rollen geht an Frauen, obwohl diese bekanntlich die Hälfte der Bevölkerung stellen. Frauen haben deutlich weniger Textzeilen und sind meistens in ihren 20er- und 30er-Jahren. Die meisten Worte sprechen Filmfrauen im Alter von 22 bis 31 Jahren. Männer hingegen haben die meisten Dialoge zwischen 42 und 65 Jahren. Ein männlicher Schauspieler kann also guter Hoffnung sein, dass er auch im fortgeschrittenen Alter Arbeit findet. Schauspielerinnen ab 40 können sich eigentlich einen neuen Job suchen oder gelegentlich mal als Großmutter durchs Bild laufen. Die britische Komödiantin Tracey Ullman brachte das bei der Verleihung des AFI Life Achievement Awards 2011 herrlich auf den Punkt, als sie in ihrer Laudatio auf Meryl Streep sagte "You are the only one working!".

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Interessant ist, dass die Zahl weiblicher Protagonistinnen steigt, wenn für die Regie oder für das Drehbuch eine Frau verpflichtet wird. Die Zahlen zu den 100 erfolgreichsten Filmen Hollywoods zeigen deutlich: Je mehr Frauen hinter der Kamera arbeiten, desto höher der Anteil vor der Kamera. In Filmen, in denen Männer die Schlüsselpositionen Regie und Drehbuch belegen, fällt der prozentuelle Anteil von Frauenrollen sogar auf mickrige 18 Prozent. Von diesen 100 erfolgreichsten Filmen haben übrigens gerade einmal elf Frauen das Drehbuch geschrieben und vier Regie geführt.

Ist die US-amerikanische Filmbranche womöglich oberflächlicher und sexistischer, und werden im deutschsprachigen Raum Filme anders besetzt? Eine vergleichbare Statistik, wie die über die 100 erfolgreichsten Filme Hollywoods, gibt es nicht, doch die Nominierungen des Deutschen Filmpreises zeigen eine positive Tendenz: War 2015 in der Kategorie "Bester Film" keine einzige Regisseurin vertreten, so waren 2016 schon zwei von sechs Filmen von Frauen. Dieses Jahr waren es sogar drei von sechs. Und wie sieht es mit dem Alter der DarstellerInnen bei den nominierten Filmen 2017 aus?

In "24 Wochen" erfährt Julia Jentsch (39), dass sie ein schwer behindertes Kind erwartet und muss mit ihrem Mann eine Entscheidung über Leben oder Tod treffen. Den Gatten mimt Bjarne Mädel (49), der zehn Jahre älter ist. Im echten Leben beträgt der durchschnittliche Altersunterschied bei Paaren in Deutschland 3,9 Jahre.

Hauptcast und zwölf Jahre jüngerer Mann

Im wunderbaren Drama "Wild" entfernt sich Lilith Stangenberg (28) immer mehr von ihrer menschlichen Umgebung und verliebt sich in einen Wolf. Das Alter des Tieres lässt sich schwer eruieren, das Alter des Vorgesetzten, mit dem sie eine Affäre hat, schon. Georg Friedrich ist mit 50 ganze 22 Jahre älter als sie.

In "Die Blume von gestern" ist Lars Eidinger (41) ein Holocaustforscher und mit Hannah Herzsprung (35) verheiratet. Er ist impotent, weswegen er mit seiner Frau keinen Sex hat. Das gemeinsame Kind ist adoptiert. Als er die junge Praktikantin Adèle Haenel (28) zur Seite gestellt bekommt und mit ihr im Bett landet, ist die Potenzstörung auf wundersame Weise verschwunden. Klar, mit der sechs Jahre jüngeren geht nichts, aber mit der 13 Jahre jüngeren ist die Manneskraft wieder zurück. Sogar ein Kind ist aus dem One-Night-Stand entstanden. Beeindruckend.

Zumindest hatten bei den diesjährigen Nominierungen Frauen tragende Rollen. Sie waren nicht bloß optisches Beiwerk und hatten tatsächlich was zu sagen. Im Siegerfilm "Toni Erdmann" hat Sandra Hüller (39) außerdem ein Techtelmechtel mit einem neun Jahre Jüngeren. Wer jetzt meint: Ja, aber alle genannten Schauspielerinnen sind unter 40, dem sei ein kleiner Trost gespendet. Eine Frau schafft es mit 76 in den Hauptcast. Es ist Senta Berger in "Willkommen bei den Hartmanns". Sie ist im Film außerdem mit dem zwölf Jahre jüngeren Heiner Lauterbach verheiratet. (Monica Reyes, 7.6.2017)

Monica Reyes ist eine österreichische Schauspielerin und Sängerin. Sie studierte Schauspiel und Gesang am Konservatorium in Wien und am AIM in Sydney. Als Sängerin wurde sie durch das Debütalbum "Schmusen" bekannt, dessen gleichnamige Single Platz eins der FM4-Charts belegte. Als Schauspielerin war sie unter anderem 2010 in der Komödie "Die unabsichtliche Entführung der Frau Elfriede Ott" zu sehen. Seither dreht sie fürs deutschsprachige Kino und Fernsehen. Reyes lebt in Berlin und Wien.

  • An Schauspielerinnen werden andere Maßstäbe angelegt als an ihr Kollegen. Attraktivität, Jugend und ein Dauerlächeln sind gefordert.
    foto: apa/afp/antonin thuillier

    An Schauspielerinnen werden andere Maßstäbe angelegt als an ihr Kollegen. Attraktivität, Jugend und ein Dauerlächeln sind gefordert.

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