Forscher entschlüsseln neuronales Netzwerk der Liebe

1. Juni 2017, 07:00
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Präriewühlmäuse sind streng monogam und konnten deshalb US-Wissenschaftern helfen, einige Rätsel rund um die Paarbindung bei Tier (und Mensch) zu lösen

Atlanta/Wien – Selbst im Zeitalter von Tinder und Polyamorie sind und bleiben Treue und Liebe ein großes Thema: Man werfe nur einen Blick auf das aktuelle Cover des Nachrichtenmagazins Profil oder in Doris Knechts neuen Bestseller Alles über Beziehungen.

Die Fragen werden natürlich schon seit Jahrhunderten immer wieder neu gestellt: Ist echte Liebe mit Treue verbunden? Geht das eine auch ohne das andere? Oder werden beide überschätzt? Man kann sich diesem Fragenkomplex aber auch anders – nämlich neurowissenschaftlich – nähern: Was sorgt eigentlich in unseren Gehirnen dafür, dass wir große Zuneigung für eine Person empfinden und dieser dann treu sind?

Neuronaler Code der Paarbindung

Diese Frage mag echten Romantikern als irrelevant erscheinen. Eine neue Studie mit Präriewühlmäusen deutet nun aber darauf hin, dass es einen solchen neuronalen Code der Liebe in unseren Hirnen tatsächlich geben dürfte.

Warum sich ausgerechnet Präriewühlmäuse für solche Untersuchungen bestens eignen, ist leicht erklärt: Die kleine, in Nordamerika heimische Mäuseart gehört zu den ganz wenigen (Säuge-)Tierarten, die während ihres gesamten Lebens einem einzigen Partner treu bleiben. Warum das so ist, hat auch mit dem recht spektakulären "Ehebeginn" zu tun: einem der längsten Paarungsakte, die im Tierreich bekannt sind und der bis zu 40 Stunden lang dauert.

Oxytocin sichert Monogamie

Bei und nach diesem einzigartigen Liebesauftakt sorgt vor allem die starke Ausschüttung des Hormons Oxytocin dafür, dass die Präriewühlmäuse im Gegensatz zu allen ihren nächsten Verwandten ein streng monogames Sexual- und Sozialleben führen.

Das ist seit langem bekannt. Und dank rezenter Studien weiß man auch, dass Oxytocin gemeinsam mit Dopamin im sogenannten mittleren präfrontalen Kortex, der unter anderem an Entscheidungsfindungen beteiligt ist, und im Nucleus accumbens, der für "Belohnung" zuständigen Hirnregion, für die Paarbindung sorgt.

foto: todd ahern
Das Ergebnis des elaborierten Paarungsverhaltens: die perfekte Präriemauskleinfamilie.

Kuscheln unter Beobachtung

Robert Liu (Emory University) und seine Kollegen wollten noch genauer wissen, was zwischen den beiden Hirnregionen während der ersten prägenden Paarung von zwei Präriewühlmäusen geschieht. Für ihre im Fachblatt Nature veröffentlichte Studie führten sie eine ganze Reihe von Experimenten durch, bei denen sie unter anderem ein Männchen und ein Weibchen sechs Stunden lang "kuscheln" ließen und dabei die Hirnaktivitäten der weiblichen Tiere aufzeichneten.

Die Wissenschafter beobachteten, dass der präfrontale Kortex die rhythmischen Schwingungen im Nucleus accumbens beeinflusst und dass die Bindung zwischen den Tieren mit der Stärke der funktionalen Beziehung zwischen den beiden Hirnregionen korrelierte. Und je stärker die Hirnsignale waren, desto schneller kamen die Tiere zur Sache.

Optogenetische Beeinflussung

Damit nicht genug, stimulierten die Forscher bei Weibchen, die sie nur kurz mit Männchen kuscheln ließen, das "neuronale Netzwerk der Liebe" mittels Optogenetik, also eines feinen Laserstrahls, der Neuronen gezielt aktivieren kann. Die solcherart behandelten Weibchen ließen am nächsten Tag sehr viel größere Zuneigung zu jenen Männchen erkennen, die sie kurz kennenlernten, als zu Vergleichstieren.

Für Zack Johnson, einen der Koautoren der Studie, ist der Gedanke jedenfalls faszinierend, dass man Paarbindung durch einen feinen Laserstrahl im Hirn von außen beeinflussen kann. Für die Umsetzung auf den Menschen haben die US-Neurowissenschafter aber etwas anderes im Sinn: Sie hoffen, dass sich durch entsprechende Hirnstimulierungen womöglich auch einmal Autismus behandeln lassen könnte. (tasch, 1.6.2017)

  • Präriewühlmäuse paaren sich beim ersten Mal bis zu 40 Stunden lang. Forscher haben analysiert, was sich dabei im Gehirn abspielt.
    emory university

    Präriewühlmäuse paaren sich beim ersten Mal bis zu 40 Stunden lang. Forscher haben analysiert, was sich dabei im Gehirn abspielt.

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