Schirnhofer: "Ich habe es weggesteckt, bin wieder aufgestanden"

31. Mai 2017, 17:49
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Der Fleischwarenbetrieb versucht nach der Pleite neu Fuß zu fassen. Über schlaflose Nächte und Schlachten ohne Zeitdruck

Wien – "Ich bin kein gelernter Manager, sondern ein gelernter Fleischer. Das, was ich konnte, hab ich gemacht. Nicht schlecht, nur anders als alle anderen. Aber in den Spiegel schauen kann ich immer noch." Karl Schirnhofer baute den kleinen Betrieb seines Vaters zum großangelegten Fleischverarbeiter und Feinkosthersteller aus.

1500 Mitarbeiter zählte er in seinen besten Zeiten, gut 190 Millionen Euro Umsatz gingen auf sein Konto. Bis es in dem komplexen Geflecht zu knirschen begann und der Konkurs der Supermarktkette Zielpunkt, auf die Schirnhofer zu lange nahezu ausschließlich vertraut hatte, auch die Insolvenz seines Firmenreiches einläutete.

Das war 2015. Zweieinhalb Jahre später sieht sich der Steirer, der einst eigentlich Fußballer werden wollte, auf dem sicheren Weg zurück ins angestammte Gewerbe. Unter dem Druck der Größe, der ihm zuvor sehr wohl zu schaffen gemacht hatte, wie er im Gespräch mit dem STANDARD offen einräumt, leidet er derzeit nicht mehr: "Wir spielen wieder Familienbetrieb."

Sechs Millionen für Gläubiger

An seiner Seite stehen die verbliebenen 140 Mitarbeiter in Kaindorf, die zuletzt 32 Millionen Euro umsetzten. 2017/18 peilt Schirnhofer mit bis zu 20 Leuten mehr gut 42 Millionen Euro an und verspricht mit einem Gewinn von 1,2 Millionen Euro den Turnaround. Die letzte Insolvenzquote will er kommenden Jänner begleichen. In Summe flossen dann sechs Millionen Euro an die Gläubiger.

Schirnhofer bleibt den Almochsen treu, die im Sommer vor allem über die steirische Teichalm ziehen. Mit der Tierschutzorganisation Vier Pfoten hat er ein Gütesiegel erarbeitet, das deutlich höhere Standards in der Tierhaltung, der Schlachtung und im Transport gewährleisten soll, als in der Branche weithin üblich ist. Bei Milchkühen ist die Anbindehaltung etwa verboten, Ferkel dürfen allein unter Betäubung kastriert werden. Geschlachtet sollen die Tiere ohne Zeitdruck werden – in Weiz. Betäubt wird in eigenen Boxen, alles werde gefilmt und kontrolliert.

Direktverkauf im Onlineshop

Schirnhofer scheiterte mit dem Versuch, ein eigenes Netz an Feinkostfilialen aufzubauen, mit dem er die Abhängigkeit von Zielpunkt mindern wollte. "Von dieser Idee bin ich geheilt." Stattdessen übt er sich im Direktverkauf über einen Onlineshop und hofft, stärker bei Österreichs Handelsriesen Fuß zu fassen. Bei Metro ist dies gelungen. Ab Juni vertreiben seine Produkte auch Merkur und Penny. Gelistet sind sie zudem bei Rewe in Süddeutschland. "Auf mich gewartet hat keiner", sagt Schirnhofer, der sich bei Spar keine Chancen als Lieferant einräumt. "Der Markt wird immer enger, Ware ist in Hülle und Fülle da." Differenzieren könne er sich mit der Marke Almo vor allem über Tierwohl.

Schirnhofer macht keinen Hehl daraus, dass er zeitlebens immer wieder an einen Ausstieg aus der Fleischbranche gedacht habe – ursprünglich wollte er sich im Alter von 50 allem operativen Geschäft entziehen und sich dem Markt für Alternativenergien verschreiben. "Natürlich fragst du dich, warum du dir das alles antust, ob du das wirklich für dein Leben brauchst." So gern er anderswo "die Welt gerettet" hätte, letztlich aber empfinde er für das, was er gelernt habe, nach wie vor Leidenschaft. "Außerdem bin ich gern bei Bauern."

Enttäuscht von den Banken

Stigmatisiert eine Pleite? Viele, die ihn kannten, hätten dennoch für ihn gekämpft, sagt Schirnhofer. Wehgetan habe ihm, wie Banken mit ihm umgingen, auch jene, die er nicht geschädigt habe. Was jetzt ein Mitgrund dafür sei, dass er sich für Vorhaben wie eine neue Verpackungsanlage über Crowdfunding finanzieren will. Partner ist die Grazer Plattform Lion Rocket. Ziel ist es, über sie mindestens 100.000 Euro auf die Beine zu stellen. Ansonsten will es der Steirer ohne Investoren schaffen.

An Hilfe habe es nach der Insolvenz nicht gefehlt – auch wenn sofort einmal "Haie" angebissen hätten. "Ich wusste gar nicht, was es alles gibt auf der Welt." Was eine Pleite neben schlaflosen Nächten alles in einem auslöse, lasse sich kaum beschreiben, sagt Schirnhofer. "Aber ich habe es weggesteckt und bin wieder aufgestanden." (Verena Kainrath, 31.05.2017)

  • Zweieinhalb Jahre nach der Insolvenz sieht sich Schirnhofer auf gutem Weg zurück in die Fleischwarenbranche. Bei der Finanzierung neuer Projekte vertraut der Steirer  auf die Macht  des Schwarms.
    foto: apa/erwin scheriau

    Zweieinhalb Jahre nach der Insolvenz sieht sich Schirnhofer auf gutem Weg zurück in die Fleischwarenbranche. Bei der Finanzierung neuer Projekte vertraut der Steirer auf die Macht des Schwarms.

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