Kriminalstatistik: Weniger Verurteilungen trotz mehr Tatverdächtiger

    31. Mai 2017, 17:34
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    Polizei ordnet Delikte immer häufiger Verdächtigen zu, deren Schuld die Gerichte nicht erkennen können

    Wien – Knapp zwei Monate, nachdem Innenminister Wolfgang Sobotka (ÖVP) die polizeiliche Anzeigenstatistik präsentiert hatte, zog das Bundesamt Statistik Austria am Mittwoch mit der Verurteilungsstatistik für das Berichtsjahr 2016 nach. 27.916 Personen fassten demnach im Vorjahr einen rechtskräftigen Schuldspruch vor einem österreichischen Strafgericht aus. Verglichen mit den 29.511 Verurteilten des Jahres 2015, entspricht das einem Rückgang von 5,4 Prozent.*

    Die Verurteilungsstatistik läuft damit der Anzeigenstatistik entgegen, die zuletzt um 3,8 Prozent anstieg. Solche gegenläufigen Trends von einem Jahr zum nächsten sind an sich nicht ungewöhnlich und treten regelmäßig auch mit umgekehrten Vorzeichen auf. In den vergangenen 14 Jahren strebten die Kurven siebenmal auseinander, siebenmal folgten sie derselben Tendenz. Ein Grund für die Verzerrung kann in den teilweise langen Verfahrensdauern liegen: Einer Anzeige in einem gegebenen Jahr folgt die gerichtliche Erledigung womöglich erst in einem der folgenden Jahre.

    Anstieg nur bei Zahl der Tatverdächtigen

    Langfristig aber zeigen beide Grafen nach unten. Die drei Jahre mit den jeweils niedrigsten Werten deckten sich sowohl in der Anzeigen- als auch in der Verurteilungsstatistik mit den Jahren 2014 bis 2016. Während es im Vorjahr also 537.792 Anzeigen und 27.916 rechtskräftig Verurteilte gab, lagen beide Zahlen noch vor vier Jahren deutlich höher, bei 548.027 und 32.285.

    Das eigentliche Überraschungsmoment ergibt sich, wenn man die Zahl der von der Polizei ermittelten Tatverdächtigen in die Gleichung aufnimmt. Denn anders als die Anzeigen und die Verurteilungen sank dieser Wert nicht, er stieg sogar an – zwischen 2012 und 2016 von 253.630 auf 270.160 Personen. Die Polizei ermittelt also von Jahr zu Jahr mehr Verdächtige, die Gerichte können diesen aber immer öfter keine Schuld nachweisen.

    Weniger Inländer und Ausländer verurteilt

    Wenig Veränderung zeigen in der jüngsten Gerichtsstatistik das Geschlechterverhältnis und die Altersstruktur der Verurteilten: 94 Prozent von ihnen waren zum Tatzeitpunkt volljährig, und mit 85,4 zu 14,6 Prozent wurden wie schon in den vergangenen Jahren fast sechsmal mehr Männer verurteilt als Frauen.

    Die Inländerquote unter den Schuldiggesprochenen sank indes zwischen 2015 und 2016 von 59,6 auf 58,7 Prozent. Das liegt aber nicht, wie eine erste Vermutung nahelegen könnte, an einer steigenden Zahl verurteilter Ausländer. Im Gegenteil, auch deren Zahl nahm ab, konkret von 11.908 auf 11.516. Dass ihr prozentueller Anteil trotzdem zunahm, ist einem noch stärkeren Rückgang verurteilter Österreicher geschuldet: Ihre Zahl fiel von 17.603 auf 16.400.

    Laut Statistik Austria wird nur die Staatsbürgerschaft, nicht aber der Wohnstaat der Verurteilten erfasst. Deshalb falle ein Vergleich des Anteils ausländischer Verurteilter mit ihrem Anteil an der österreichischen Wohnbevölkerung verzerrt aus, weist eine Sprecherin der Behörde hin.

    Anstieg bei unbedingten Haftstrafen

    Die wahrscheinlichsten Strafarten nach einem Schuldspruch waren im Vorjahr bedingte Freiheitsstrafen (35,7 Prozent aller Urteile) und unbedingte Geldstrafen (24,2 Prozent). Bußen in Form bedingter Geldstrafen sind mit 0,05 Prozent der Fälle nahezu obsolet geworden – 2000 hatte noch jedes zehnte Urteil ein solches Ende. Dafür geht die Tendenz zur unbedingten Freiheitsstrafe: 2000 folgte rund jedem achten Schuldspruch der zwingende Gang in die Zelle (13 Prozent), 2016 war das bereits nach fast jedem fünften Urteil der Fall (19,8 Prozent).

    Den größten Anteil der Straftaten machten Delikte gegen fremdes Vermögen aus (33,8 Prozent), gefolgt von strafbaren Handlungen gegen Leib und Leben (17,7 Prozent) und Suchtmitteldelikten (15,4 Prozent). Aus der Perspektive des Jahres 2012 wurden bis zum Vorjahr 33,3 Prozent der damals Schuldiggesprochenen wiederverurteilt; 66,7 Prozent von ihnen blieben bis dato unbescholten.

    Detailliertere Zahlen aus der Verurteilungsstatistik werden laut Statistik Austria am 19. Juli bekanntgeben. (Michael Matzenberger, 31.5.2017)

    * In der ursprünglichen Fassung dieses Artikels und in der Printausgabe wurde für das Jahr 2016 die Zahl der Verurteilten, für das Jahr 2015 aber irrtümlich die Zahl der Verurteilungen herangezogen. Die Zahl der Verurteilten sank demnach nicht um 13,1 Prozent, wie ursprünglich angegeben, sondern um 5,4 Prozent.

    • Der am Grazer Straflandesgericht schuldig gesprochene Amokfahrer von Graz war einer von 27.916 im Vorjahr Verurteilten.
      foto: apa/erwin scheriau

      Der am Grazer Straflandesgericht schuldig gesprochene Amokfahrer von Graz war einer von 27.916 im Vorjahr Verurteilten.

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