Flüchtlingskinder in Athen: Gestrandet und traumatisiert

Reportage1. Juni 2017, 07:00
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Ein Drittel der Flüchtlinge in Griechenland sind Kinder und Jugendliche. Den Erwachsenen sind sie oft schutzlos ausgeliefert

Sie sucht ein wenig frische Luft und Abwechslung von dem ständigen Lärmpegel drinnen in der ehemaligen Ankunftshalle. Batul Khasmi ist müde, doch sie hat ihre beiden Kinder im Blick: die vierjährige Tochter, die mit einem Kugelschreiber auf einem Blatt Papier Kreise malt, und den Sohn. Zwei Jahre ist er alt, er spielt Verstecken hinter den Betonsäulen der kleinen Arkade, die einmal die Einfahrt zum Athener Flughafen Ellinikon markierte. "Luxus-Limousinen-Service" steht noch auf Englisch auf dem Hinweisschild für eine Haltestelle gegenüber der Arkade. Seit einem Jahr und zwei Monaten lebt sie hier, sagt die junge afghanische Mutter. Batul Khasmi zählt die Tage und Wochen in dem verfallenen Flughafen.

Noch rund 1.000 Flüchtlinge – Erwachsene wie Kinder – sind in Zelten in der Ankunftshalle des ehemaligen Flughafens und in zwei Stadien untergebracht, die auf dem weiten Gelände von Ellinikon für die Olympischen Sommerspiele 2004 errichtet worden waren und seither auch dem Verfall preisgegeben sind. Ellinikon war als Provisorium für die Flüchtlinge gedacht, als Notunterkunft, nachdem Österreich und die Balkanländer Anfang 2016 ihre Grenzen dichtgemacht hatten und der Flüchtlingsstrom sich seither in Griechenland staut.

Die drei Lager auf dem alten Athener Flughafen, die nun endlich geschlossen werden sollen, gelten als die schlimmsten auf dem griechischen Festland: als unsicher und als so unhygienisch, dass sie von Ärzten als gesundheitsgefährdend eingestuft werden. In Ellinikon lebt man dazu ohne Privatsphäre zwischen den Zelten und ohne großen Schutz vor tätlichen Angriffen. "Jede Nacht gibt es Probleme, die Männer kämpfen gegeneinander", erzählt Batul Khasmi.

Sexuelle Übergriffe

Für die 28-Jährige und ihren Ehemann ist es eine zermürbende Erfahrung. Für die Kinder in den griechischen Lagern jedoch, immerhin ein Drittel der Flüchtlinge im Land, wird dieses Leben zum Trauma. Nächtliche Schlägereien unter Erwachsenen und die ständige Furcht sind das eine; Misshandlungen und sexuelle Übergriffe, vor allem auf minderjährige Flüchtlinge, die sich allein, ohne Begleitung durch Eltern und Verwandte durchschlagen, das andere.

Selbst gesonderte Bereiche für Kinder, die es in manchen, besser organisierten Lagern gibt, bieten nachts nicht unbedingt einen Schutz vor Eindringlingen. "Einige Kinder haben Glück und andere nicht", sagte ein NGO-Mitarbeiter den Autoren einer jüngsten Studie der Universität von Harvard. Sie kommt zu schockierenden Ergebnissen: nächtliche Übergriffe in den Lagern, Verheiratungen minderjähriger Mädchen an ältere Flüchtlinge, käuflicher Sex für 15 Euro.

Die griechische Regierung stellt die Angaben zur sexuellen Ausbeutung minderjähriger Flüchtlinge nicht in Abrede. "Wir haben Gründe zu glauben, dass dieses Phänomen existiert", heißt es in einer Stellungnahme des Ministeriums für Migration. Doch die Polizei sei bei Kontrollen einschlägiger Orte nie auf unbegleitete Flüchtlingskinder gestoßen. "Sie fanden Erwachsene, die zur Prostitution veranlasst wurden, aber nie Minderjährige."

Verdacht gegen NGO

Nun laufen dafür Ermittlungen gegen eine einzelne NGO. Der griechische Migrationsminister übergab der Justiz zu Wochenbeginn ein Schreiben der EU-Kommission, in dem die Anschuldigungen detailliert werden. Mitarbeiter der NGO, deren Namen bisher nicht öffentlich gemacht wurde, sollen Flüchtlinge sexuell ausgebeutet und Mittel der EU, die für Flüchtlinge bestimmt waren, zweckentfremdet haben.

2.150 unbegleitete Flüchtlingskinder sind derzeit in Griechenland, so gibt EKKA an, die staatliche Behörde für soziale Fürsorge. Nur für knapp die Hälfte gibt es Plätze in neu eingerichteten Heimen; mehr als 1.000 Kinder und Jugendliche stehen auf der Warteliste. Und 61 waren der jüngsten Statistik zufolge in Polizeigewahrsam. Völlig inakzeptabel für das UN-Flüchtlingshilfswerk. Man könne Kinder nicht einsperren, heißt es beim UNHCR in Athen. Mehr als 90 Prozent der unbegleiteten Minderjährigen sind Jungen und über 14 Jahre alt. Die Zahl der undokumentierten Flüchtlingskinder, die auf den Straßen oder in besetzten Häusern in den drei Großstädten Athen, Thessaloniki und Patras leben, schätzen NGOs auf wenige hundert. Doch niemand weiß es wirklich.

Hauptakteur UNHCR

Den größten Teil der Heimplätze für junge unbegleitete Flüchtlinge in Griechenland, mehr als 700 Plätze, verwaltet das UNHCR, gestützt auf Mittel der EU und outgesourct an NGOs, die sich auf die Betreuung spezialisiert haben. Ende Juli, so ist es geplant, wird das UNHCR seine 28 Heime dem griechischen Staat übergeben.

Ein Heim für junge Flüchtlinge zu organisieren, ist dabei eine aufwendige Unternehmung. "Xenia teens", ein kleines Wohnhaus auf fünf Etagen in Piräus, beschäftigt 18 Mitarbeiter für ebenso viele jugendliche Bewohner: Psychologinnen, Sozialarbeiter, einen Koch, Sporttrainer, Übersetzer, Sicherheitpersonal. Junge Afghanen leben dort, Iraner und Syrer. Einige von ihnen geben gern Auskunft, berichten von dem langen Weg nach Europa. "Du musst gehen, hat meine Mutter gesagt", erzählt ein 17-Jähriger aus Teheran. Seine Familie soll wegen ihrer politischen Gesinnung immer stärkerem Druck ausgesetzt gewesen sein. Andere im "Xenia" sind verschlossener.

"Auf der Flucht waren sie in einem Modus der Selbstverteidigung", sagt Stella Mavridi, die Leiterin des Heims der griechischen NGO Nostos, über die Jugendlichen. "Doch jetzt, wo es nicht mehr ums Überleben geht, kommen alle psychologischen Probleme hoch." Bis sie wenigstens 18 sind, bleiben die jungen Flüchtlinge in Griechenland. Manche, die syrischen Jugendlichen zumal, können auf Asyl hoffen und Zusammenführung mit Familienangehörigen. Den anderen aber droht die Abschiebung, sobald sie volljährig sind. (Markus Bernath aus Athen, 1.6.2017)

  • "Jede Nacht gibt es Probleme": Flüchtlingszelte im ehemaligen Athener Flughafen Ellinikon.
    foto: reuters/alkis konstantinidis

    "Jede Nacht gibt es Probleme": Flüchtlingszelte im ehemaligen Athener Flughafen Ellinikon.

  • Privatsphäre gibt es hier kaum.
    foto: afp/angelos tzortzinis

    Privatsphäre gibt es hier kaum.

  • Protest am 18. Februar 2017 gegen die schlechten Lebensbedingungen.
    foto: reuters/michalis karagiannis

    Protest am 18. Februar 2017 gegen die schlechten Lebensbedingungen.

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