Terror als Herausforderung für Unfallchirurgie

    2. Juni 2017, 09:00
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    Traumachirurgen in Europa sind auf Terrorangriffe schlecht vorbereitet, sagen Experten. Das Erlernen von "Kriegsmedizin" sei wieder notwendig

    Nach den Anschlägen in Paris, London, Brüssel, Berlin und jüngst Manchester waren der globale Terror und seine Auswirkungen auf die Gesundheitssysteme Thema beim europäischen Orthopädie-Kongress in Wien. "Als orthopädische und unfallchirurgische Spezialisten müssen wir auch in der Lage sein, mit seltenen und unerwarteten Herausforderungen fertigzuwerden. Wir haben eine große Verantwortung, auch unter widrigsten Umständen die beste Versorgung zu gewährleisten", sagte dazu Jan Verhaar von der Erasmus-Universitätsklinik in Rotterdam und Präsident der European Federation of National Associations of Orthopaedics and Traumatology (Efort).

    In Europa seien solche Attacken mit plötzlich sehr vielen Schwerstverletzten nach dem Endes des Bürgerkriegs in Nordirland selten geworden. "Doch Kollegen waren überall in Europa und anderen Teilen der Welt im letzten Jahr mit den Folgen steigender Gewalt konfrontiert", so Verhaar weiter.

    "Terror ist immer etwas Unvorhersehbares. Darauf sind wir in Europa nicht gut genug vorbereitet und müssen unser Wissen über viele Implikationen, die solche Gewalttaten auf unsere Arbeit haben, deutlich verbessern", sagte der Efort-Präsident.

    Herausforderung für ein Spital

    Darum wurden zum Kongress Mediziner eingeladen, die in jüngster Zeit in Paris, Brüssel, Berlin und Israel unmittelbar mit den Folgen terroristischer Anschläge konfrontiert waren. "Indem sie von ihren Erfahrungen berichten, helfen sie uns dabei, uns auf die unerwarteten, ungewollten, aber nichtsdestotrotz realen Möglichkeit eines Terroranschlages vorzubereiten", so Verhaar.

    Von den medizinischen Ereignissen nach den Anschlägen am 13. November 2015 in Paris berichtete etwa der orthopädische Chirurg am L'hôpital d'instruction des armées (HIA) Bégin, Olivier Barbier: "Wir haben schnell erkannt, dass wir es mit dem schlimmsten Angriff seit dem Zweiten Weltkrieg zu tun haben." Für 120 Opfer kam jede Hilfe zu spät, 302 erlitten zum Teil schwerste Verletzungen, 45 davon hatte allein das Bégin-Krankenhaus zu versorgen. 22 von ihnen mussten notoperiert werden, um Gewebeschäden, Schussverletzungen und Bauchwunden zu versorgen.

    Nach Verletzung eingeteilt

    "Das war die zivile Anwendung von Kriegsmedizin", so Barbier. "Verletzte, die in solchen Fällen in Militärkrankenhäuser eingeliefert werden, profitieren von der professionellen Einsatzerfahrung der Mitarbeiter mit einem Triage-Management und den Grundsätzen der Schadenskontrolle." So wurden auch in Paris die eingelieferten Opfer nach dem Triage-Management, also nach der Schwere ihrer Verletzungen, eingeteilt: Acht kamen in die dringlichste Behandlungsstufe T1, zehn in die Sichtungskategorie T2, und 27 wurden als weniger dringlich mit T3 kategorisiert. So konnten die Chirurgen die insgesamt 50 Operationen in geordneter und gezielter Reihenfolge durchführen.

    "Die Schlüsselkriterien in den ersten Stunden nach einem Anschlag sind, die Vitalfunktionen der Patienten zu managen, zusätzliches medizinisches Personal einzuberufen und den Zugang zu allen OP-Räumen zu sichern", fasste Barbier die Erfahrungen zusammen. Am Ende konnten die Pariser Ärzte eine – inzwischen auch in wissenschaftlichen Journalen publizierte – beachtenswerte Bilanz vorweisen: 24 Stunden nach Beginn der Anschläge waren alle 302 Verletzten aus den Notfallaufnahmen und Trauma-Units entlassen und alle Notfalloperationen abgeschlossen. Vier der verletzten Patienten verstarben.

    Mediziner vorbereiten

    "So etwas kann heute überall, auch in kleineren Städten geschehen", so Verhaar. "Wir müssen daher dafür sorgen, dass alle darauf vorbereit sind, schlagartig mit einer so großen Anzahl von Verletzten umzugehen". Dazu würden die teilweise vorhandenen Notfall- und Katastrophenpläne nicht immer ausreichen. "Ein Terrorattentat unterscheidet sich immanent von einem Massenunfall. Während zum Beispiel eine Massenkarambolage auf der Autobahn klar definiert und zeitlich begrenzt ist, ist nie klar, wann ein terroristisches Attentat zu Ende ist und wie viele Patienten wirklich versorgt werden müssen."

    Nachholbedarf ortete Verhaar in der medizinischen Schulung: "Bei den Unfällen, die Orthopäden und Unfallchirurgen in der Regel behandeln, erleiden die Opfer meist eine Reihe von Knochenbrüchen, und das Überleben hängt davon ab, wie und in welcher Reihenfolge diese behandelt werden. Terroristen benutzen aber oft Kriegswaffen, die Verletzungen verursachen, mit denen wir im zivilen Bereich kaum Erfahrungen haben und die vor allem sehr starke Blutungen verursachen. Deshalb müssen auch zivile Ärzte in der Behandlung von Schuss- und Explosionsverletzungen geschult werden."

    Essenzielle Erstbehandlung

    Von seinen Erfahrungen mit mehr als 800 zum Teil schwer verletzten Flüchtlingen an der Grenze zu Syrien berichtete auf dem Kongress der israelische Arzt Alexander Lerner: "Die Erstbehandlung muss eine generelle Stabilisierung, eine Erhaltung der Vitalfunktionen, die Kontrolle des Blutverlusts und häufig eine effektive und minimalinvasive Stabilisierung von Frakturen umfassen. Das häufigste Problem sind Wundinfektionen. Die Erfahrung zeigt, dass eine radikale Sanierung des Wundbettes mit einer Fixierung sowie ein stufenweiser Behandlungsplan auf Basis von Schadensbegrenzung entscheidend für den Behandlungserfolg und die Erhaltung der Funktionalität von Gliedmaßen sind."

    Und noch eine weitere wichtige Einsicht hat Lerner bei seinen Einsätzen gewonnen: "Die psychologische Unterstützung von Patienten, Ärzten und Helfern ist essenziell. Ohne diese kann niemand den Druck aushalten, der bei der Behandlung von so vielen hilflosen und ernsthaft verwundeten Menschen, insbesondere von Kindern, entsteht." (APA, red, 2.6.2017)

    • Terroranschläge könnten überall passieren, auch in kleineren Städten, sagt ein Mediziner. Daher müssten Ärzte überall darauf vorbereitet sein, schlagartig mit einer großen Anzahl von Verletzten umzugehen.
      foto: reuters

      Terroranschläge könnten überall passieren, auch in kleineren Städten, sagt ein Mediziner. Daher müssten Ärzte überall darauf vorbereitet sein, schlagartig mit einer großen Anzahl von Verletzten umzugehen.

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