Gerhard Heller: "Wien war grauenvoll"

Interview4. Juni 2017, 12:00
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Er war der Kultfotograf der 1980er-Jahre. Seine Bilder prägten die Ästhetik dieses Landes. Ein letztes Interview mit dem Ende April verstorbenen Gerhard Heller

Gerhard Heller war ein Meister des Lichts. Ein Perfektionist, der stundenlang an einem Porträt arbeitete. Anfang der 1980er-Jahre fotografierte der Wiener Fotokünstler für den damals neuen "Wiener" sämtliche Titelblätter – und prägte damit eine neue Ästhetik. Mit seinen Anzeigensujets – meist kantig und in Schwarzweiß – schuf er Ikonen der Werbefotografie, seine Aufnahmen von Politikern wie Bruno Kreisky oder Franz Vranitzky, von Künstlern wie Falco oder Kruder & Dorfmeister sind bis heute legendär.

Im September vergangenen Jahres trafen wir uns zu einer Melange und einem Mineralwasser im Mak. Er hatte Fotos unterm Arm – "Ui, sind die staubig ..." -, war guter Laune, wie immer elegant und sanft. Es war ein Gespräch über sein Leben und seine Arbeit, mit vielen Umwegen und Abschweifungen. Er war damals schon krank, dennoch kam das Ende überraschend schnell. Ende April ist Gerhard Heller im 71. Lebensjahr verstorben. Hier ein Auszug aus dem Gespräch, einem seiner letzten Interviews.

STANDARD: Erinnerst du dich an die erste Fotografie, die man von dir veröffentlichte?

Gerhard Heller: Am 1. Mai 1968 gab es eine Demonstration vor dem Hotel Bristol. Es ging ein bisserl wild zu, und die Polizei kam. So patschert, das kann man sich heute gar nicht vorstellen. Dicke Männer in langen Ledermänteln mit dicken Gürteln und einem Hass auf uns 68er. Es kommt zu einem Gerangel, und ein Demonstrant wird von ihnen zu Boden geworfen. Ich spring dazwischen und mach ein pfeilscharfes Foto. Es erschien in der "Volksstimme", sehr schön, auf der Seite 3. Das war mein Einstieg.

STANDARD: Wie alt warst du damals?

Heller: 21. Wien war damals grauenvoll: schwarze Häuser, alte Nazis, Lederhosen, weiße Stutzen. Ich hab aus diesem Grund nie eine Lederjacke oder Bergschuhe besessen. Es gab auch nur wenige Lokale für uns Junge – das Savoy, das Kleine Café und das Hawelka. Und dann später die Nachtklubs Camera, Wumwum und das Atrium, wo der junge Ernst Fuchs nächtelang wie ein Derwisch tanzte. Das Wasser ist nur so weggeflogen von ihm. Ich hab das bewundert. Ich hab nie getanzt. Zum Tanzen muss ich was sagen: Ich war in New York, den Joe Zawinul fotografieren. Als er mit seinen Adidas-Schlapfen durch sein Loft ging, fragte ich ihn: "Hearst, tanzt du?" Und er: "Bist deppat? I bin ja cool." Da war ich dann sehr beruhigt ...

STANDARD: ... ich glaub, wir verlieren uns ...

Heller: Verlieren tu ich mich sowieso, das gehört zum Geschichtenerzählen dazu.

STANDARD: Diese Lokale wurden zu deinen Kommunikationsplätzen?

Heller: Es waren Fluchtpunkte. Die Camera-Partie machte unabhängige Filme, da war ich mit dabei. Da hieß es einmal, wir sollen den Kreisky fotografieren, er besucht um vier Uhr früh die Ankerbrotfabrik. Bis drei Uhr saßen wir in der verrauchten Camera, damit wir nicht verschlafen, dann sind wir zur Ankerbrotfabrik. Als Kreisky kam, warteten wir schon. Kreisky mochte außerordentliche Dinge, und wir langhaarigen Jungen haben ihm gut gefallen. Ich war in Glockenhosen und Tennisschuhen, er im Kreidestreifanzug. Einen ganzen Tag verbrachten wir mit ihm. Aus diesen Fotos wurde – sehr ökonomisch – ein Werbefilm gemacht. Später bin ich mit ihm zu verschiedenen Staatsbesuchen gefahren. Aber da arbeitete ich schon für die "Bunte".

STANDARD: Wie hast du dein Handwerk erlernt?

Heller: Mein Vorbild waren die Magnum-Fotografen und das "Life"-Magazin. Meine Lehrzeit war das Filmmuseum, Musik und der Architektur-Professor Ernst Plischke, in dessen Klasse ich ein U-Boot war. In der Klasse war übrigens auch der Hermann Czech. Ich lernte dann den Fotografen Claude Buri kennen, der ein ehemaliger Assistent von David Hamilton war. Bei ihm habe ich ein halbes Jahr assistiert. Er hatte eine tolle Dunkelkammer, super Equipment, eine Hasselblad. Von Herbst bis Jänner war ich bei ihm, und manchmal hab ich auch bei ihm übernachtet, seine Frau hat gekocht, es wurde viel Wein getrunken und am nächsten Tag viel Kaffee. Im Februar kam der Journalist Franz Prassl auf mich zu und fragte, ob ich nicht mit ihm gemeinsam für die "Bunte" arbeiten möchte. Ich wollte Geld verdienen und dachte: Das mach ich jetzt mal für drei Jahre.

STANDARD: War die "Bunte" nicht ein Kompromiss für deine Ansprüche?

Heller: Ich wollte lieber für den "Stern" fotografieren, später hab ich dann gemerkt, dass man für die "Bunte" leichter Termine bekam, weil jeder dort gut weggekommen ist. Mein erster Staatsbesuch mit Bruno Kreisky war 1974. Das war auch mein erster Flug – nach Moskau. Das Reporterhafte hatte ich ja nicht wirklich drauf. Aber mit viel Bauchweh klappte es. Am Abend saßen wir dann in der Gästevilla, und Kreisky erzählte stundenlang Geschichten. Unfassbare Geschichten! Er hat es geliebt. Und ich war begeistert. Viel später einmal schaute er mir auf die Schuhe – ich trug Maßschuhe von Materna – und er sagte: "Ich glaub, wir ham denselben Schuster." Dann legte er seine Füße auf den Tisch und sagte ganz lakonisch: "Mit denen bin ich im 38er- Jahr in die Emigration gegangen." Er hatte ja gefärbte Haare, das hat man unter Eingeweihten das "Kreisky-Orange" genannt.

STANDARD: Bei der "Bunten" bliebst du dann länger als geplant?

Heller: Ja, zwölf, 13 Jahre. Ich fotografierte auch Niki Lauda sehr oft und alle Olympiaden. Das Abfahrtsrennen von Franz Klammer auf der Streif war mein letzter Job. Das überlappte schon mit dem "Wiener". Einmal flog ich nach Los Angeles, um Österreicher in Hollywood zu fotografieren. Das war ein Highlight. Billy Wilder war einer davon. Seine Wohnung war relativ klein und angeräumt. Der Couchtisch war voll mit Aschenbechern, weil er in jedem Grand Hotel einen mitgehen lassen hat. Und auf dem Balkon – man glaubt's nicht – eine Wiener Bassena. Wilder sprach ein wunderbares Zwischenkriegszeit-Wienerisch.

STANDARD: Hast du Wilder auch am Set besucht?

Heller: Ja bei MGM. Er war mitten in den Dreharbeiten für den Film "Buddy Buddy". Eine Komödie mit Walter Matthau und Jack Lemmon, die leider nicht sehr erfolgreich war. Ich schaute mir einige Szenen mit den beiden an, in der Mittagspause ist Wilder in seinem kleinen Wohnwagen verschwunden und schrieb mit seinem Drehbuchautor die Dialoge für die nächsten Szenen. Sie plauderten einfach drauflos und schrieben es auf. Dann setzte sich Wilder an eine Mauer in der Sonne und ließ sich von mir fotografieren. Mit seinem kleinen Huterl, einer Zigarre und Gucci-Schuhen. Ein sehr schönes Foto.

STANDARD: Du meintest einmal, für den "Wiener" zu arbeiten bedeutete Herzblut. Wieso das?

Heller: Die Zusammenarbeit mit dem Art-Director Lo (Breier, Anm.) war einfach wunderbar. Vor ein paar Jahren sagte er zu mir: "Wir waren wirklich die größten Trotteln überhaupt. In Amerika wollten sie uns haben, den roten Teppich haben sie uns beim "Rolling Stone"-Magazin ausgerollt! Und wir Deppen haben nur darüber nachgedacht, wie wir das nächste Wiener-Cover fotografieren werden." Genau so war es.

STANDARD: Klingt hochmütig.

Heller: Nein. Wir hatten einfach keine Weltkarriere im Sinn. Das war nicht unser Ding. Wir wollten etwas Gutes in und für Österreich machen. Für den "Wiener" zu arbeiten war immer chaotisch. Nach dem Erscheinen einer Ausgabe waren alle völlig fertig. Es war blinder Enthusiasmus.

STANDARD: Deine Fotosessions dauerten oft bis lange in die Nacht hinein. Du warst dafür gefürchtet.

Heller: Ich bin ein Perfektionist. Ich bin nicht stolz auf die ersten Cover des "Wiener", aber zwei Geschichten sind mir ganz gut gelungen: In der Blutgasse habe ich Hunde mit Schmuck fotografiert. Da bin ich auf dem Boden gelegen und habe mit Handblitz fotografiert. Und ein anderes war ein Auto-Bild. Da schlug ich vor, das Auto auf die Strudelhofstiege zu stellen, so als würde es darüber fahren.

STANDARD: Auch die Robert-La-Roche-Brillenanzeigen fotografiertest du für viele Jahre. Diese wurden im amerikanischen "Interview Magazine" geschaltet. Wollten dich darauf hin nicht viele Agenten in New York engagieren?

Heller: Doch, in New York traf mich eine Agentin in meinem Hotel. Sie schaute sich meine Bilder an und meinte: "Beautiful, but too editorial." Meine Arbeiten waren nicht kommerziell genug, nicht tauglich für Kataloge, was Geld bedeutet hätte. Somit war das für mich erledigt. Erst etwas später verband sich das Redaktionelle mit dem Kommerziellen, so wie man Werbefotos heute kennt. Seltsamerweise gelte ich als Schwarzweißfotograf, dabei habe ich so viel in Farbe fotografiert.

STANDARD: Gab es einen Fotografen, der dich besonders beeindruckte?

Heller: In Wien gab es beim Morawa nur fünf französische "Vogues", und die waren alle vorbestellt. Dort entdeckte ich Helmut Newton und Guy Bourdin, aber vor allem den amerikanischen Fotografen Irving Penn. In der Zentralbuchhandlung in Wien gab es ein einziges, abgegriffenes Buch mit Fotografien von Penn. Da hab ich mich nicht einmal die Seiten umblättern getraut vor lauter Ehrfurcht. Die Bilder habe ich eindringlich studiert: Wie geht das, dass hinter einer Figur das Licht noch einmal hervorkommt? Seine Technik ist unglaublich. Bis heute kann ich mich an guten Fotografien nicht sattsehen.

STANDARD: Bis heute?

Heller: Ja, an sonnigen Freitagnachmittagen setze ich mich an einen Tisch und schau mir in aller Ruhe ein großes Fotobuch an. Ich liebe diese Ruhe. (Cordula Reyer, RONDO, 4.6.2017)

Zur Person

Geboren 1947 in Wien, bereiste Gerhard Heller als Fotojournalist der "Bunten" jahrelang die Welt und legte damit den Grundstein für seine Porträtfotografien. In den 1980ern fotografierte er für die Zeitschrift "Wiener" viele Prominente und gab stilbildende Impulse in der Mode- und Lifestylefotografie. Heller starb am 25. April in Wien.

  • Bei diesem Bild handelt es sich um das Viennale-Plakat von 1993.
    foto: gerhard heller

    Bei diesem Bild handelt es sich um das Viennale-Plakat von 1993.

  • Der Fuß des Tänzers Vladimir Malakhov, fotografiert 1994 von Gerhard Heller.
    foto: gerhard heller

    Der Fuß des Tänzers Vladimir Malakhov, fotografiert 1994 von Gerhard Heller.

  • Seine Porträts waren kantig und meist in Schwarzweiß: eine Werbekampagne für Robert La Roche.
    foto: gerhard heller

    Seine Porträts waren kantig und meist in Schwarzweiß: eine Werbekampagne für Robert La Roche.

  • Das Model für die Werbekampagne für Robert La Roche ist unsere Autorin.
    foto: gerhard heller

    Das Model für die Werbekampagne für Robert La Roche ist unsere Autorin.

  • Das Viennale-Plakat von 1994.
    foto: gerhard heller

    Das Viennale-Plakat von 1994.

  • Hellers bekanntes Falco-Porträt.
    foto: gerhard heller

    Hellers bekanntes Falco-Porträt.

  • Gerhard Heller war der Kultfotograf der 1980er-Jahre.
    foto: westlicht / sandro zanzinger

    Gerhard Heller war der Kultfotograf der 1980er-Jahre.

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