Forschung am gleißenden Licht

4. Juni 2017, 16:20
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Julia Thalmann schafft die Grundlagen für künftige Weltraumwetterprognosen

Schickt das GPS wieder einmal jemanden in die Wüste, sucht man die Ursache eher bei der Software als im Weltraum. Dabei könnten auch Sonnenstürme dahinterstecken: Immerhin gelangen durch die heftigen Strahlungsausbrüche der Sonne manchmal elektrisch geladene Partikel in den erdnahen Weltraum. Das kann elektronische Schaltkreise beeinflussen und zu Stromausfällen und Schlimmerem führen. So leitete vor einigen Jahren der Autopilot eines schwedischen Flugzeugs während einer Sonneneruption eine Landung über dem offenen Meer ein. Glücklicherweise konnte der menschliche Pilot das Manöver damals noch rechtzeitig abbrechen.

Die Astrophysikerin Julia Thalmann von der Uni Graz beschäftigt sich seit Jahren mit dem Magnetfeld der Sonne, das solche Sonnenstürme beeinflusst. "Damit man Strahlungsausbrüche der Sonne untersuchen kann, muss man das Magnetfeld in der Sonnenatmosphäre messen", so die 36-jährige Forscherin, die für ihre Arbeit im April den Arne-Richter-Award der European Geosciences Union erhielt. Da direkte Messungen des Koronamagnetfelds kaum möglich sind, wird das Magnetfeld auf der Oberfläche der Sonne erfasst. Früher wurden Messungen von Beobachtungsstationen auf dem Boden geliefert.

Seit dem Start des Satelliten SDO (Solar Dynamics Observatory) vor sechs Jahren beziehen Wissenschafter ihre Magnetfelddaten direkt von dort. "Diese zeitlich und räumlich hochaufgelösten Daten sind qualitativ hochwertiger, da sie außerhalb der Erdatmosphäre gesammelt werden", so Thalmann. Mithilfe mathematischer Methoden errechnet sie aus den Daten dreidimensionale Modelle der Magnetfelder in der darüberliegenden Korona.

Die Fachwelt verfolgt Thalmanns Arbeit mit Interesse, da sie zum besseren Verständnis der Konsequenzen von sonnensturmbedingten Schwankungen im solaren Magnetfeld beiträgt.

"Unser Ziel ist es, diese Phänomene in Zukunft vorhersagen zu können, damit man die Messgeräte schützen und Unfälle vermeiden kann", so die Wissenschafterin. "Auch hinter den Prognosen für das Wetter auf der Erde, an die man sich längst gewöhnt hat, steckt jahrzehntelange Grundlagenforschung. Mit der Sonne verhält es sich nicht anders."

Die gebürtige Kärntnerin hat nach dem Besuch der Höheren Bundeslehranstalt für wirtschaftliche Berufe in Spittal an der Drau an der Universität Graz Physik mit Schwerpunkt Astrophysik studiert. Der Weltraum faszinierte sie früh, und "weil ich mit Mathe und Physik wenig in Berührung gekommen bin, hatte ich gar keine Gelegenheit, eine Abneigung dagegen zu entwickeln".

Ausgestattet mit viel Zähigkeit und Zielstrebigkeit habe sie mit der Zeit Freude daran gefunden. "Wenn ich etwas anfange, mache ich es auch fertig", sagt Thalmann. "Und wenn ich eine Sache nicht verstehe, arbeite ich mich durch, bis es funkt. Das ist bei einem Studium wie Physik auch nötig."

An der Entstehung ihres Weltraumfaibles hat auch Science-Fiction-Literatur einen Anteil: Anspruchsvollere Vertreter des Genres wie Stephen Baxter liest sie heute noch gern. Und wenn es ihre extraterrestrischen Ambitionen zulassen, ist sie ganz erdnah in den Kärntner Bergen unterwegs. (Doris Griesser, 4.6.2017)

  • Untersucht seit Jahren das Magnetfeld der Sonne: Astrophysikerin Julia Thalmann.
    foto: privat

    Untersucht seit Jahren das Magnetfeld der Sonne: Astrophysikerin Julia Thalmann.

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