Konsens statt Kompromiss: Macrons mutiger Weg

Userkommentar31. Mai 2017, 17:47
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Frankreichs neuer Präsident hat die Parteienlandschaft uberisiert und versteht die rasanten Veränderungen unserer Zeit

Frankreich hat mit Emmanuel Macron einen in vieler Hinsicht revolutionär neuen Präsidenten, der die rasanten Veränderungen unserer Zeit versteht und dessen Vision in ihrer Tragweite noch nicht erfasst wird.

Selbstfahrende Autos, Flüchtlingsströme, 3D-Drucker, Terrorismus, Schuldenkrisen, Jugendarbeitslosigkeit – tagtäglich hören, lesen oder erleben wir selbst, dass die Welt im Umbruch ist. Dem mag man entgegenhalten, dass Entwicklungen in der Menschheitsgeschichte schon immer schubweise erfolgt sind, Veränderungen hat es schon immer gegeben, und der Mensch wird sich auch heute damit zurechtfinden. Man denke an die ersten Webstühle, die ersten Autos oder die ersten Computer, alles wurde zunächst angefeindet und hat schließlich breiten Massen das Leben angenehmer gemacht. Heute neu sind allerdings die Dynamik dieser Entwicklungen und die Tatsache, dass sie alle Bereiche der Technologie, der Wirtschaft, der Gesellschaft, ja sogar jeden Einzelnen direkt beeinflussen. Das gab es noch nie.

Die Menschen fühlen sich betroffen und ob der vielen unbekannten Aspekte stark verunsichert. Darüber hinaus spüren wir, dass die Politik nicht angemessen reagiert: etwa dass das Bildungswesen unverändert bleibt, obwohl wir wissen, dass in den nächsten Jahren die fortschreitende Robotisierung und die künstliche Intelligenz die Arbeitswelt massiv verändern werden. Oder dass Gesundheits- und Pensionsreformen dringend notwendig sind, da die Überalterung dramatisch zunimmt. Das Vertrauen in die Institutionen ist angeschlagen.

Angst und Wohlstand

Jahrzehntelang wurden wir verwöhnt mit Frieden, offenen Grenzen und scheinbar unendlichem Wirtschaftswachstum. Wir sind sehr bequem geworden. Aus Angst, den Wohlstand zu verlieren, schränken wir mit Bestimmungen unsere Handungsspielräume ein und versuchen Entwicklungen zu blockieren, auch dort, wo sie nicht aufzuhalten sind.

Das ergibt, gekoppelt mit geschürter Angstmacherei und der Verblendung, dass es für unsere komplexen Probleme einfache Lösungen gibt, offene Türen für Populisten, seien sie "links" oder "rechts", um diese überholten Schubladenbegriffe zu verwenden. Immer noch leben wir in einer Welt des Monopoly, bei der man nur gewinnen kann, indem man den anderen vernichtet.

Veränderungen durch Konsens

Die Geschichte zeigt, dass tiefe Veränderungen der Gesellschaft durch Kriege, Revolutionen und Diktaturen realisiert wurden. Bei einem Blick in Länder wie die Türkei, Venezuela oder Syrien sehen wir, dass die Geschichte sich wiederholt. Heute wissen wir, dass es andere Lösungen gibt: Strukturelle Veränderungen können auch dank neuer Werkzeuge und Kommunikationsmittel im Konsens erreicht werden.

Macron hat in den vergangenen zwölf Monaten gezeigt, wie man diesen mutigen Weg einschlagen kann. Er hat 100.000 Menschen in Frankreich und im Ausland gefragt, was ihre Sorgen sind, was sie sich wünschen und welche Konflikte sie befürchten. Er hat die Antworten gesammelt, geordnet und Expertenteams befragt, was man konkret tun kann, um diese Sorgen zu reduzieren, um ihre Ziele zu erreichen und um Konflikte zu vermeiden. Die Summe dieser Maßnahmen hat seine Bewegung En Marche gebildet.

Partizipatorisch statt basisdemokratisch

Das Revolutionäre an dieser Bewegung ist die Trennung vom klassischen dogmatischen Links-rechts-Denken. Es ist die Uberisierung der klassischen Parteienlandschaft. Es ist partizipatorisch statt basisdemokratisch, setzt auf Konsens statt Kompromiss. Bei einem Kompromiss verlieren alle Beteiligten einen Teil ihres Ziels. Beim Konsens gewinnen alle Beteiligten, da sie ein gemeinsames Ziel haben. Der Unterschied ist entscheidend, um die Bedeutung und die Tragweite von En Marche zu erfassen.

Macrons Vorgehensweise erinnert an die von Physikern und Kommunikationswissenschaftern der ETH Zürich und der UTC Compiègne entwickelte partizipative PAT-Miroir-Methode: Diese zeigt, dass man einen Konsens nur mit Vertrauensaufbau erzielen kann. In systemischer Weise werden Ängste abgebaut, wird Versuchungen Einhalt geboten und werden Anreize geschaffen. Mit einer Auseinandersetzung über die uns heute wichtigen Werte und Ziele kann ein Konsens erzielt werden. Wir können an einem gemeinsamen Strang ziehen und konkrete Lösungen gemeinsam erarbeiten. Mit Konsens können umfassende Reformen durchgeführt werden.

Vertrauen, Konsens und Visionen

Macron baut sein Programm auf diesem Prinzip des Vertrauensaufbaus auf. Freilich gilt es nun, seine so notwendigen wie ambitionierten Ziele in einem etablierten System umzusetzen – dazu bedarf es viel Mut, Kraft und Vision. Es überrascht, dass über seine Vorgehensweise bisher wenig berichtet wurde, denn gerade diese ist innovativ, mutig und ambitioniert.

In Zeiten der rasanten Entwicklungen benötigen wir Vertrauen, Konsens und Visionen, damit wir unsere Zukunft mit Optimismus und Eigenverantwortung gestalten können. Und auch jene unserer Kinder, damit sie in einer offenen Gesellschaft auf einem schönen Planeten Erde leben können. Es ist unsere Aufgabe, uns mit Mut den zahlreichen Herausforderungen zu stellen und dafür auch neue, bisher unbeschrittene Wege einschlagen.

Der nächste Schritt ist freilich die Umsetzung des Programms, die man mit Spannung beobachten wird. Wenn Macron mit derselben atemberaubenden Umsetzungsstärke wie in den vergangenen zwölf Monaten weitermacht, wird er in die Geschichte eingehen und seine Vorgehensweise international Nachahmer finden. (Franck Runge, 31.5.2017)

  • Emmanuel Macron
    foto: apa/afp/pool/alain jocard

    Emmanuel Macron

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