Saudisch-katarischer Konflikt: "Fake", sagt der Scheich zum Emir

31. Mai 2017, 07:00
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Glaubt man den saudisch gesteuerten Medien, ist der Emir von Katar dabei, sich mit dem Iran gegen die Araber zu verschwören. Katar schreit "Fake-News" – und verbreitet seine eigenen Geschichten über den saudischen Königssohn

Doha/Wien – "Fake!" Das ist das neue wichtige Wort im politischen Vokabular – und auf der arabischen Seite des Persischen Golfs hört es sich fast schon wie ein Kriegsschrei an. Zwischen dem kleinen und reichen Emirat Katar und dem mächtigen saudischen Medienorbit tobt ein für Beobachter nicht unamüsanter, weil oft ins Absurde abgleitender Konflikt, der jedoch einen beinharten politischen Hintergrund hat. Manche sehen gar Putschisten in den katarischen Kulissen lauern.

Was nun Wahrheit oder Lüge ist, wer wann was gesagt und wie es begonnen hat, ist nicht mehr leicht rekonstruierbar. Die Eskalation kam jedenfalls, als gleich nach dem Bling-Bling-Besuch von US-Präsident Donald Trump in Saudi-Arabien Bemerkungen des katarischen Emirs Tamim bin Hamad Al Thani verbreitet wurden – und zwar von der katarischen Nachrichtenagentur -, in denen er so ziemlich allen Inhalten des großen Trump-Gipfels in Riad widersprach: Vor allem sagte er, dass er gegen die Verschlechterung der Beziehungen zum Iran sei. Und im Twitterfeed der Nachrichtenagentur hieß es dann auch noch, Katar werde seine Botschafter aus Ägypten und einigen anderen Golfstaaten abziehen.

Das klang zwar wirklich etwas "fishy", aber die Medien in Saudi-Arabien und in den Vereinigten Arabischen Emiraten (VAE) griffen es gern auf – und akzeptierten auch eine katarische Erklärung nicht, das seien Fake-News, die Nachrichtenagentur sei gehackt worden.

Geheimtreffen mit Iranern

Der in Doha beheimatete TV-Sender Al Jazeera wurde in Ägypten, Saudi-Arabien, den Emiraten und Bahrain lahmgelegt. Dort hören und sehen die Medienkonsumenten jetzt täglich neue Horrormeldungen über die katarisch-iranische Verschwörung gegen die Araber. Etwa dass der katarische Außenminister soeben in Bagdad mit dem iranischen General Ghassem Soleimani zusammengetroffen sei, Thema des Treffens, wie Katar gegen die Beschlüsse des Gipfels von Riad arbeiten könne.

Katar fällt auf den Kopf, dass es stets eigene, von Saudi-Arabien unabhängige politische Wege gehen wollte. Besonders beim Thema Muslimbrüder gab es andere – durchaus fragwürdige – Ansätze im Emirat, das sich genauso wie Saudi-Arabien ja eigentlich zum salafistisch-wahhabitischen Islam bekennt. In Al Jazeera ist etwa der aus Ägypten stammende Prediger Yussuf Qaradawi groß geworden, in Doha fand die Hamas-Spitze Aufnahme, als sie Syrien verlassen musste; und dort ist auch im Vorjahr der syrische Muslimbruder Mohammed Surur gestorben.

"Friedlicher" Salafismus infiziert

Er war ein in konservativen Kreisen verehrter Mann, der aber jetzt der einzig Schuldige sein soll, dass der "friedliche" Salafismus mit der revolutionären Muslimbrüder-Ideologie infiziert wurde. Die Kataris sind "Sururisten", wettern die saudisch-beeinflussten Medien. Und dass die politische Schia des Iran viel von den Muslimbrüdern übernommen hat, weiß ohnehin jedes Kind.

In Katar hat 2016 auch die Türkei einen Marinestützpunkt eröffnet – manche glauben, dass der Emir die Türken auch als Schutzmacht gegen aus Saudi-Arabien geschickte Putschisten ansieht. Präsident Tayyip Erdogan fehlte übrigens beim Gipfel in Riad.

Mit Katar trifft es natürlich keine Unschuldsengel. Im Vorfeld der Trump-Reise nach Saudi-Arabien war in katarisch gelenkten Medien, wie dem im Westen stark konsumierten Middle East Eye, die Negativberichterstattung über den neuen starken Mann in Riad, Vizekronprinz Mohammed bin Salman Al Saud, sprunghaft angestiegen. Im Tandem mit diesem wird der Kronprinz von Abu Dhabi und Vizechef der Streitkräfte der Emirate (VAE), Mohammed bin Zayed Al Nahyan, angegriffen. Er und der emiratische Botschafter Yousef al-Otaiba steuerten die neue golfarabische Politik in den Washington, heißt es.

Streit um Moscheenamen

Die absurde Seite des Streits reflektiert eine Nachricht auf Al-Arabiya: Die Familie Sheikh in Saudi-Arabien – die Nachfahren des Predigers Mohammed Ibn Abdulwahhab, der im 18. Jahrhundert eine Allianz mit der Familie Saud schloss – veröffentlichte ein Statement, in dem sie die Umbenennung der Großen Moschee in Doha verlangt. Der Vater des jetzigen Emirs hatte sie gebaut und nach Ibn Abdulwahhab benannt, den auch er, Hamad, als Vorfahre beansprucht. "Fake" schreien jetzt die ihrer Meinung nach einzigen Nachkommen! (Gudrun Harrer, 31.5.2017)

Weitere Analysen von Gudrun Harrer finden Sie hier.

  • Die Große Moschee in Doha: Sie soll nicht mehr nach Mohammed Ibn Abdulwahhab heißen, verlangen dessen Nachkommen in Saudi-Arabien.
    foto: reuters / fadi al-assaad

    Die Große Moschee in Doha: Sie soll nicht mehr nach Mohammed Ibn Abdulwahhab heißen, verlangen dessen Nachkommen in Saudi-Arabien.

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