Englisches Märchen mit deutschem Einschlag

30. Mai 2017, 14:49
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Nach Leicester mit der Meisterschaft schrieb Huddersfield Town mit dem Aufstieg in die Premier League die nächste überraschende Erfolgsgeschichte

London/Wien – Der Mann der zweiten Chance hat auch seine dritte Gelegenheit genutzt. Der Deutsch-Amerikaner David Wagner (46), der einst für Borussia Dortmund in der U23 Talente schliff, die es nicht direkt aus der Jugend in den Erstligakader geschafft hatten, führte den in der Zwischenkriegszeit dreimaligen englischen Meister Huddersfield Town nach 45-jähriger Abwesenheit zurück in die höchste Spielklasse.

Das Team aus der Grafschaft West Yorkshire, in der Meisterschaft an fünfter Stelle, setzte sich im Playoff-Finale vor mehr als 76.000 Zusehern im Wembleystadion mit 4:3 im Elfermeterschießen gegen Reading durch und folgte den Fixaufsteigern Newcastle und Brighton & Hove Albion in die Premier League. Huddersfield hatte inklusive der beiden Halbfinale gegen Sheffield Wednesday nur einen Treffer in der regulären Spielzeit erzielt. "Wer braucht schon Tore, wenn er Nerven aus Stahl hat", schrieb die "Yorkshire Post".

Uefa-Cup-Sieger

Gute Nerven brauchte David Wagner zeit seiner Karriere. Seine beste Zeit als Spieler verlebte er beim damaligen Zweitligisten Mainz, auch weil er da Jürgen Klopp kennenlernte, seinen besten Freund und Taufpaten seiner Tochter. Erfolgreicher war Wagner bei Schalke, allerdings gewann er 1997 den Uefa-Cup unter Huub Stevens nur als Ersatzmann. Wagners Trainerkarriere schien 2009 beendet, als ihm Hoffenheim die U17 nicht länger anvertrauen wollte. Nach einem Sport- und Biologiestudium hospitierte er schon in einem Gymnasium, ehe Klopp den Job in Dortmund offerierte. Mit dessen Abgang war auch Wagners Wirken beendet. Er übernahm im November 2015, von Präsident Dean Hoyle als "unbekannter, verrückter Deutscher" angekündigt, den in der zweiten englischen Liga abstiegsbedrohten Traditionsklub Huddersfield.

Wagner, der für die USA acht Länderspiele bestritten hatte, holte aus dem vergleichsweise geringen Budget von 16 Millionen Pfund, dem viertkleinsten der Liga, das Beste heraus, richtete die Terrier neu ab, baute Jugend ein und warb um wenig Geld gestandene deutsche Zweit- und Drittligaspieler an. Der beste Torjäger der verwichenen Saison, der Deutsch-Kongolese Elias Kachunga (zwölf Treffer), war von Ingolstadt erst ausgeliehen und zuletzt fix verpflichtet worden.

Schnäppchenjäger

Im Playoff-Finale gegen Reading verwandelte der um nur etwas mehr als zwei Millionen Euro von 1860 München geholte Christopher Schindler den entscheidenden Elfer. Zwei Versuche der unglücklichen Verlierer parierte der zweite walisische Teamgoalie Danny Ward, den Klopps Liverpooler an Huddersfield verliehen hatten.

Die Zeit der Leihgeschäfte und Schnäppchen dürfte vorüber sein. Der von Edelfan Sir Patrick Stewart (Captain Jean-Luc Picard) vorhergesagte Aufstieg war bis zu 200 Millionen Pfund, also 237,5 Millionen Euro, wert – "Fallschirmzahlungen" bei Wiederabstieg allerdings inklusive. Der Geldsegen resultiert aus den Fernsehrechten, die in der Championship für Huddersfield keine fünf Millionen wert waren. Die neuen Möglichkeiten werden Wagner, der schon im Dezember ein hochdotiertes Angebot aus Wolfsburg ausschlug, beim Verein halten. 17.000 Abos wurden für die neue Saison im 24.500 Zuseher fassenden John Smith's Stadium schon verkauft – um günstige 199 Pfund. Dauerkartenbesitzer der verwichenen neun Saisonen zahlen nur hundert Pfund. (sid, lü, 30.5.2017)

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