"How to Live Together": Der Blumenstrauß, der Android und die Köpferln im Sand

29. Mai 2017, 17:47
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Die Kunsthalle Wien will uns helfen, neue Wege zum sozialen Miteinander zu finden

Wien – How to Live Together: Der Titel der aktuellen Themenausstellung der Kunsthalle Wien klingt nach Youtube-Anleitungsvideo, er ist aber auch die englische Übersetzung des Titels eines Buchs von Roland Barthes. Die im entsprechenden Band dargelegte Auffassung des Philosophen: Um erfolgreich zusammenzuleben, müssen wir die Lebensrhythmen der jeweils anderen anerkennen.

Nun ist jedenfalls die "Entschleunigung" auch für Kunsthalle-Direktor Nicolaus Schafhausen ein wesentlicher Aspekt der von ihm kuratierten Ausstellung. Mit derselben will er uns in einer Zeit des Umbruchs – angesichts des Rechtsrucks allerorten und eines wachsenden Vertrauensverlusts in die Politik – helfen, neue Wege des Miteinanders zu finden. Zu neuen Blicken auf die Anderen, aber auch uns selbst sollen wir etwa gelangen.

Rund 30 Positionen sind versammelt, die einen weiten Bogen spannen. Bewundert man zunächst einen recht optimistischen, kunterbunten Blumenstrauß von Willem de Rooij, so wird man später gar einem Androiden begegnen, der beim Reflektieren über das Menschsein u. a. Friedrich Nietzsche nebst Judith Butler zitiert. Daneben wird man in ein breites Spektrum kultureller und politischer Sphären eingelassen, befasst sich mit Migration ebenso wie mit dem Einfluss der Architektur auf unser Leben.

Genauer Blick auf soziale Gefüge

Ein Leitmotiv der Schau ist die Mikroskopierung, der genaue Blick auf soziale Gefüge. So etwa in einer Arbeit Paul Grahams, der in den frühen 1980er-Jahren in heruntergekommenen britischen Sozialämtern Wartende ablichtete. Die Tristesse dieser vom öffentlichen Interesse kaum gestreiften Räumlichkeiten macht er durch mächtige Bildtafeln spürbar. Einen ähnlichen Blick an die Ränder der Gesellschaft unternimmt auch Mohamed Bourouissa: Er zeigt Szenen von Straßenkämpfen in den Pariser Vororten. Im Gegensatz zu Grahams Schnappschüssen sind seine aufgeregten Szenen jedoch teils inszeniert.

Die Ambivalenz zwischen Schnappschuss und Inszenierung prägt auch die Bilder Tina Barneys, die sich mit Fragen der Repräsentation in der Oberschicht befasst. Ab den 1970ern fotografierte sie Bessergestellte in Amerika, später auch in Europa, in deren Residenzen. Den Porträtierten gestattete sie dabei über die Jahre immer mehr, sich selbst zu inszenieren. Das Ergebnis erinnert ein wenig an die Bildwelt von Regisseur Ulrich Seidl.

Fernab edler Wohnzimmer führt die gegenübergestellte, wunderschöne Fotoserie Riga Circus von Ieva Epnere. Die lettische Künstlerin lässt einfühlsam hinter die Kulissen eines Zirkus blicken. Es geht in jenen "Backstagebereich", wo sich die Artisten – teils wohl wiederum "Außenseiter" – darauf vorbereiten, eine verzauberte Gegenwelt zu inszenieren.

Ein soziales Gefüge im Bewegtbild bestaunt man im Video Cambeck des in Angola geborenen Künstlers Binelde Hyrcan: Kinder haben sich im Sand Mulden gegraben, um nun "Autofahren" zu spielen. Scheinbar bis zum Hals im Sand steckend, verhandeln sie dabei spielerisch soziale Differenzen. "Wenn ich erwachsen bin, werde ich ein größeres Auto haben als du", sagt da etwa einer.

"Mein Name ist Ausländer"

Ein wichtiger Beitrag, den die Kunst zur erneuerten Demokratie leisten könne, sei die Hinterfragung medialer Bilder, so Schafhausen. Wesentlich ist diese etwa in einer Fotoserie von Herlinde Koelbl, die Angela Merkel zwischen 1996 und 2006 immer wieder abseits ihrer politischen Funktionen porträtierte; aber auch bei Cana-Bilir Meier, die sich mit ihrer eigenen Biografie auseinandersetzt. Sie nähert sich der türkischen Autorin und Aktivistin Semra Ertan – ihrer Tante. Anfang der 1970er nach Deutschland gekommen, verbrannte sich Ertan 1982 öffentlich, um ein Zeichen gegen Rassismus zu setzen. Bilir-Meier kontrastiert Bilder aus den Massenmedien mit persönlichen Dokumenten und Gedichten Ertans. Mein Name ist Ausländer heißt eines davon. (Roman Gerold, 29.5.2017)

Bis 15. Oktober

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Kunsthalle Wien

  • Tina Barney nimmt die Oberschicht und deren Selbstinszenierung in den Blick. Bild: "The Antlers" (Das Geweih, 2001) aus der Serie "The Europeans".
    foto: courtesy die künstlerin und paul kasmin gallery

    Tina Barney nimmt die Oberschicht und deren Selbstinszenierung in den Blick. Bild: "The Antlers" (Das Geweih, 2001) aus der Serie "The Europeans".

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