Nowotny: Nie mehr Wachstumsraten wie nach dem Zweiten Weltkrieg

29. Mai 2017, 11:07
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Selten zuvor ging eine Erholung nach einer Krise so bescheiden voran wie nach der jüngsten Finanzkrise

Wien – Im historischen Vergleich hat sich die Wirtschaft von der letzten Finanzkrise bisher nur schwach erfangen. Trotzdem kann Österreichs Notenbankgouverneur Ewald Nowotny der Sorge einiger Experten vor einer langen Phase der Stagnation nichts abgewinnen. Klar sei aber, dass "wir keine Rückkehr zu den hohen Wachstumsraten der Jahrzehnte nach dem Zweiten Weltkrieg mehr erwarten können", meint Nowotny.

Europas Anteil an der Weltwirtschaft sei in den vergangenen zehn Jahren gesunken, und das werde in den nächsten Jahren so weitergehen. Andere Volkswirtschaften haben aufgeholt. Im heutigen Umfeld gelte es aber nicht nur, Teil der internationalen Wertschöpfungsketten zu bleiben. Auch die Erträge des Wachstums müssten angemessen verteilt werden, um die politische Akzeptanz für die Wirtschaftsordnung zu gewährleisten.

Gefährlich wäre es indes, die Globalisierung als "Nullsummenspiel" zu missverstehen, in dem einige auf Kosten anderer gewinnen, warnte Nowotny bei der Volkswirtschaftlichen Tagung der Oesterreichischen Nationalbank (OeNB) in Wien.

Österreich unter Topperformern

Obwohl immer noch etwas hinter den USA gelegen, zähle die EU nach wie vor zu den Regionen mit dem höchsten Pro-Kopf-Einkommen der Welt. Speziell auch Österreich sei hier unter den Topperformern. Obwohl die Gesellschaft innerhalb der EU nicht so unterschiedlich sei wie in anderen Teilen der Welt, habe es die Gemeinschaft dennoch nicht geschafft, sich vom allgemeinen Trend sinkender Arbeitseinkommen abzukoppeln. Wachsende Ungleichheiten bei Löhnen und Wohlstand könnten aber soziale Unruhen und eine Spaltung der Gesellschaft befeuern. Davor habe zuletzt auch der Internationale Währungsfonds (IWF) gewarnt und die Stärkung der Position gerade der unteren Einkommensbezieher verlangt.

Knapp ein Jahrzehnt nach der großen Finanzkrise sei die Bankenwelt immer noch mit der Verarbeitung dieses Schocks beschäftigt. Die Reformen am Regelwerk für die Banken seien noch nicht zu Ende, sagte Nowotny heute. Neu gefordert sind die Institute mit der rasch fortschreitenden Digitalisierung. Damit sei zu erwarten, dass der seit der Finanzkrise laufende Prozess der Rationalisierungen und des Personalabbaus in den Banken auch in den kommenden Jahren anhält.

Stabilität sichern

Nicht nur die Angebote von Bankdiensten, auch die Anbieter selbst werden sich verändern. Notenbanken dürfen sich dabei aber nicht von vielleicht kurzlebigen technischen Trends leiten lassen, so Nowotny. Ihre Schlüsselaufgabe sei es, Stabilität zu sichern, und diese Funktion sei langfristig angelegt.

Zurzeit befassen sich die Zentralbanken auch mit Technologien für digitale Währungen. Die Europäische Zentralbank (EZB) hat hier Forschungsprojekte laufen. Um das Thema, wie elektronisches Geld künftig von Zentralbanken ausgegeben werden könnte, geht es am Montag auch bei der Notenbanktagung in Wien. (APA, 29.5.2017)

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