30 Jahre Gif: Wie ein Steinzeit-Format das Internet verändert hat

    29. Mai 2017, 10:16
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    Einst als statisches Bildformat etabliert, sind heute digitale Konversationen ohne die kleinen Animationen kaum noch denkbar

    Es war ein weitverbreitetes Werkzeug, um in den 1990ern Animationen auf Webseiten zu zaubern. Als sich dafür tauglichere Technologien fanden, verlor es an Bedeutung, nur um in den letzten Jahren mit voller Kraft zurückzukehren. Das Format aus der Internet-Steinzeit ist der Motor hinter vielen Memes und ein Beitrag zur modernen Kommunikation. Selbst Twitter, Facebook und Apple unterstützen es mittlerweile in ihren Services: das Gif.

    Das Format ist ein wahrer Klassiker im vernetzen Zeitalter. Die Animationen in bis zu 256 Farben feiern heuer ihr dreißigjähriges Bestehen, fasst Wired zusammen.

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    Steve Wilhites Lieblings-Gif: Das tanzende Baby.

    Start im Jahr 1987

    Die Arbeit daran begann im Jahr 1986. Das Internet als Massenphänomen war noch in weiter Ferne. Der Anbieter Compuserve ermöglicht es seinen Kunden, per Modem auf Chats, Foren und einfache Informationsangebote zuzugreifen. Diese wollte man mit Wetterkarten, Börsenkursen und anderen visuellen Ergänzungen aufwerten.

    Der Informatiker Steve Wilhite erhielt den Auftrag, ein Grafikformat zu schaffen, das sich mit der damaligen Bandbreite – der Standard waren 300-Baud-Modems, die 300 Bits pro Sekunde schaufeln konnten – ausreichend schnell laden ließ. Die Bilder sollten dazu auf möglichst jedem Computer angezeigt werden können, egal ob er von Apple, Commodore oder IBM stammte.

    Um den Anforderungen gerecht zu werden, nutzt Wilhite die verlustfreie Kompression mittels LZW-Protokoll (Lempel-Ziv-Welch). Im Mai 1987 hatte er die erste Spezifikation des "Graphics Interchange Format" abgeschlossen, kurz darauf brachte Compuserve das Format bereits zum Einsatz. Den großen Erfolg bescherte ihm aber erst das World Wide Web.

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    Der durchschnittliche Leser des Online-Standard ;)

    Erweiterbarkeit legt Grundstein zum Erfolg

    Gifs waren ursprünglich zur statischen Bildanzeige vorgesehen und wurden dafür auch verwendet. Die Möglichkeit, eine transparente Farbe zu bestimmten, erlaubte es, Logos mit Seitenhintergründen und anderen Bildern zu kombinieren. 1994 wurde das Gif auch zum Zankapfel in einem der ersten großen Patentprozesse des Internetzeitalters, als das Unternehmen die Rechte an der LZW-Kompression für sich reklamierte und Lizenzgebühren für jegliche Software einfordern wollte, mit der sich Gifs erstellen oder anzeigen ließen.

    Wilhites wichtigste Idee war es, den Gif-Standard erweiterbar zu gestalten. Die Option, zusätzliche Informationen einzubinden, bildete die Grundlage für den wichtigsten Entwicklungsschritt des Gif. Es waren die Entwickler des Netscape-Browsers, die im Jahr 1995 das animierte Gif aus der Taufe hoben. Davon ausgehend eroberten "Under Construction"-Animationen für im Ausbau befindliche Webseiten und auch Wilhites Lieblingsanimation, das "Dancing Baby", das frühe Web.

    Olympische Rückkehr

    In den 2000ern trat das Format jedoch seinen Rückzug an. Für bewegte Seitenelemente wurden Flash und später andere Technologien zum Standard. Foren und Meme-Seiten erhielten es über die Jahre am Leben. Der Aufschwung der Messenger leitete schließlich die Renaissance ein.

    Die kleinen, sich wiederholenden Animationen erweiterten das bestehende Repertoire aus Text und statischen Emojis. Vom "Facepalm" bis zum Popcorn essenden Michael Jackson können damit visuelle Reaktionen geliefert werden. Vor allem geht es um die Verbildlichung von Emotionen, erklärt dazu David McIntosh, CEO der Gif-Suchmaschine Tenor. 90 Prozent aller Suchen auf seiner Seite haben mit einer Gefühlslage zu tun, erklärt er.

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    Eines der wohl bekanntesten Memes der olympischen Sommerspiele 2012: "McKayla is not impressed".

    Der genaue Zeitpunkt, an dem das Gif wieder in den Mainstream zurückgekehrt ist, lässt sich schwer definieren. Beim Nieman Journalism Lab hält man die olympischen Sommerspiele 2012 für ein maßgebliches Ereignis. Zahlreiche Kurzanimationen aus den Bewerben verbreiteten sich im Netz, darunter etwa die sichtliche Enttäuschung der Kunstsprung-Goldfavoritin McKayla Maroney über ihre Silbermedaille. Das Oxford Dictionary ernannte "Gif" zudem im selben Jahr zum Wort des Jahres.

    Gif oder Jif?

    Wie man "Gif" nun eigentlich ausspricht, ist trotz seines 30-jährigen Jubiläums bis heute nicht so wirklich geklärt. Während sich die breite Masse offenbar darauf verständigt hat, das "G" auch als solches auszusprechen, erklärte Wilhite anlässlich der Auszeichnung für sein Lebenswerk im Jahr 2013, dass das Format "Jif" heiße.

    Beim Oxford Dictionary hat man sich für eine salomonische Lösung entschieden und erkennt beide Varianten an. (gpi, 29.5.2017)

    Link

    Wired

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