"Les Robots ne connaissent pas le Blues": Bäuchlings von der Liebe singen

    28. Mai 2017, 18:09
    25 Postings

    Wie passt eine Mozart-Oper mit westafrikanischen Musik- und Liebeskonzepten zusammen? Diese Frage stellten Monika Gintersdorfer und Benedikt von Peter mit einer Neuüberschreibung von "Die Entführung aus dem Serail" bei den Wiener Festwochen

    Wien – Der bei den Wiener Festwochen uraufgeführten musikalischen Neuüberschreibung von Mozarts Die Entführung aus dem Serail kann man Unehrlichkeit nicht vorwerfen. Gleich zu Beginn kündigt der Moderator (Hauke Heumann) einen "dreckigen Mischmasch" an, der da jetzt komme, vergleichbar mit dem Barockpoporchester Rondo Veneziano. Und so war es dann auch. Zwar ohne Rondo Veneziano, dafür mit Elektrobeats von Punkmusiker Ted Gaier.

    Der "Mischmasch" hat seinen Grund: Das Regieteam Monika Gintersdorfer und Benedikt von Peter war von der Frage angetrieben, inwieweit unterschiedliche kulturelle Praktiken miteinander vereinbar sind, konkret: Wie passen Mozart-Oper und westafrikanische Musik- und Liebeskonzepte überhaupt zusammen? Oder grundsätzlicher gefragt: Welche kulturellen Codes halten uns davon ab, einander zu verstehen? Das Motiv dieser Mozart-Zerpflückung ist legitim, der Abend in der Halle E im Museumsquartier – Titel Les Robots ne connaissent pas le Blues (dt. "Die Roboter kennen den Blues nicht") – aber nicht geglückt.

    Transkulturelle Fragestellungen

    Die deutsche Regisseurin Gintersdorfer arbeitet seit rund zehn Jahren mit ivorischen Tänzern an diesen transkulturellen Fragestellungen, an der Thematisierung profunder Missverständnisse zwischen afrikanischen und europäischen Codes. Stets ist in den Arbeiten Couper Decaler das entscheidende Ausdrucksmittel, ein den westlichen Habitus kapernder parodistisch-subversiver Selbstermächtigungstanz, der jetzt auch versucht, mit Mozarts Singspiel anzubandeln.

    Die von Joseph II. zum 100-jährigen Sieg über die Osmanen in Auftrag gegebene Nationaloper Die Entführung aus dem Serail, 1782 im Burgtheater uraufgeführt, bietet sich für eine solche Untersuchung an. Am Freitag in der Halle E hatten aber vor allem die Darsteller ihren Spaß, weniger das Publikum – und schon gar nicht Musikkritiker oder Musikwissenschafter, die ihren Mozart vor die Hunde gehen sahen. Zu unbedarft waren da einige Zugänge, u. a. hieß eine Prämisse des Abends: Mozart sei für die Generation Facebook einfach zu "einschläfernd". Eine Behauptung, die man nicht ungestraft aufstellt.

    Noch bevor das Singspiel und mit ihm die afrikanisch-europäischen Reflexionsmanöver zu den Klängen der Camerata Salzburg unter der Leitung von Jonathan Stockhammer starteten, war das Publikum aufgefordert, die Bühne zu entern, ein Zugeständnis an afrikanische Rezeptionspraktiken, aber auch vorteilhaft für die hinteren Reihen.

    Yoga-Duett und Square Dance

    Beim Chor der Janitscharen ließ sich Ted Gaier zu einem modernen Exotismus, einem "Fake Türk Pop", hinreißen, und die ivorischen Performer praktizierten ihren Macker-Tanz. Bei erbärmlicher Akustik fanden allerdings die unterschiedlichen Soundsysteme nie zueinander (Livegesang mit und ohne Mikrofon, Orchester, Laptopbeats etc.).

    Am überzeugendsten und aussagekräftigsten erschienen die Konfrontationen afrikanischer mit europäischen Bewegungscodes beim Singen. So finden sich Nerita Pokvytyte in der Partie der Zofe Blonde und der ivorische Performer Gotta Depri bei der Arie Durch Zärtlichkeit und Schmeicheln zu einer Art Yoga-Duett ein. Nicole Chevalier geht hingegen als Konstanze für die Arie Martern aller Art bäuchlings zu Werke, ein nicht vorgesehenes Bewegungsmuster, das dem klassischen Gesang eine andere Körperlichkeit verleiht. Mit so etwas wie hüpfendem Square Dance hatte bei respektablem körperlichem und gesanglichem Einsatz Patrick Zielke zu tun.

    Hier geht es nicht um die "Verbesserung" der Oper oder das Einverleiben von Codes, sondern um das Abklopfen fremder Codes und den Versuch, sie einander bekannt zu machen. Am Ende aber haben die afrikanischen Darsteller eher die Rollen der akrobatischen Entertainer übernommen, und die weiße westliche Opernwelt stellt die intellektuelle Elite, ein Vorwurf, mit dem Gintersdorfer nicht das erste Mal konfrontiert wird. (Margarete Affenzeller, 29.5.2017)

    • Es sind Missverständnisse zwischen afrikanischen und europäischen Codes, die Regisseurin Monika Gintersdorfer bearbeitet – auch im aktuellen Stück "Les Robots ne connaissent pas le Blues".
      foto: knut klaßen

      Es sind Missverständnisse zwischen afrikanischen und europäischen Codes, die Regisseurin Monika Gintersdorfer bearbeitet – auch im aktuellen Stück "Les Robots ne connaissent pas le Blues".

    Share if you care.